Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 2 wir kühn voraussetzen, daß er keine blasse Idee von der Art und Weise der Religions-Unterrichtserteilung hat, Worte gebrauchen würde, die einen ganzen Stand, Lehrer und Inspektoren, schwer beleidigen- Aber, was lriimmert dies den Kultusvorstand? Man braucht einen Prügelknaben und dazu sind der Religionsunterricht und die ihn erteilen gut genug. Wird sich, so fragen wrir, die Organisation der jüdischen Religionslehrer an den Mittelschulen derartiges bieten lassen? Das wäre eine unverzeihliche Schwäche. Ein flammender Protest wäre die einzige Antwort auf diese Invektive. Eine starke männliche Erwiderung dieser durch nichts begründeten Beleidigung tut not. Wenn man jetzt schweigt, in dieser schweren Zeit, dann werden sich andere noch Aergeres zu reden erlauben. „Mit Worten läßt sich trefflich streiten". Welche Argumente nun kann der Herr Professor für seine allgemeine Behauptung, für seine Pauschalverdächtigung, der Religionsunterricht sei „schädlich", vorbringen? Und fürchtet man nicht, die Antisemitenblätter werden dieses Wort aufgreifen und für ihre unsauberen Zwecke ausschroten? Ja, wenn man auf das Debacle der Gemeindewirtschaft wahrheitsgetreu in der „Neuen National-Zeitung" hinweist, dann ist man der böse Helfershelfer Verganis. Wenn aber ein Mann, der vom Religionsunterrichte so viel weiß, als ihm ein im Hebräischen schlecht zensierter Jüngling hinterbringt, den ganzen Religionsunterricht „eher" als schädlich bezeichnet — ja Bauer, das ist etwas anderes . . . Ihre Argumente, Herr Professor, möchte ich nun hören. Sie werden auf den „Lehrplan" hinweisen. Die böse hebräische Grammatik hat's Ihnen angetan. Man plagt die armen Kinder zu viel damit. Es wird von ihnen auch verlangt, daß sie die Gebräuche, Ein richtungen unserer Religion kennen. Furchtbares Verlangen! Zu Hause heiligt man Sonntag, Weihnachten, Ostern usw. und der jüdische Religionslehrer spricht vom Sabbath, Chanukka, Pessah. Welche Widersprüche werden dadurch im Herzen des jungen Menschen großgezogen? Sie haben recht, Herr Professor, wenn Sie deshalb von der „Schädlichkeit" des Religionsunterrichtes reden. Aber diese „Schädlichkeit" läßt sich leicht beheben. Erziehet eure Kinder im religiösen Sinne und dann werdet ihr dem Lehrer seine Arbeit erleichtern und den Widersprüchen vorbeugen. Wir geben gerne zu, daß der Religionsunterricht an vielen Mängeln leidet, teils infolge seiner ganz unvollkommenen Organisation, teils infolge der Unfähigkeit mancher Lehrer. Wer aber wird sofort den ganzen Unterricht verurteilen, ungerecht generalisieren und von Schädlichkeit sprechen? Wir Juden beklagen uns über die alles vergewaltigende Generalisierung und da wagt es ein Außenstehender, dem es ganz unbekannt ist, mit welchen Schwierigkeiten der jüdische Religionslehrer zu kämpfen hat, der keine blaße Ahnung besitzt, welche Widerstände der Lehrer zu besiegen hat, in Bausch und Bogen den ganzen Unterricht zu verurteilen und ihn, vorsichtig sich verklausulierend, für „eher schädlich" zu erklären. Wenn nur die jungen Leute darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie Juden seien, dann ist schon der Religionsunterricht „eher" nützlich, geehrter Herr Professor. Denn-zu Hause hören sie vom Judein tum gar nichts. Viele Schüler würden, nicht wissen, wie eine Thorarolle aussieht, hielte sie der Lehrer nicht an, hie und da die Synagoge zu besuchen. Aber das ist unser Unglück. Da beraten Leute über Unterricht und religiöse Angelegenheiten des Judentums, die von allen diesen Dingen zumeist keine Ahnung haben. Sie entweihen selbst den Sabbath, beobachten die Gebote des Judentums nicht und nennen sich unsere Kultus - V e r t r e te r. Das ist die große Lüge, der große Widerspruch, an dem unser Judentum krankt. Und wir Demokraten „seit zwei Jahrtausenden" (ausgerechnet) wählen wir einen Lehrer, einen mit dem Judentum Vertrauten, der leider kein Millionär, Heilkünstler, Börseaner, Liqueur- oder Fabrikant anderer nützlicher Sachen ist, wählen wir einen solchen in unseren Vorstand? Das sollten wir tun, wir Demokraten „seit zwei Jahrtausenden". Ich glaube, da haben sich andere Einflüsse geltend gemacht, die mit dem Religionsunterrichte gar nichts zu tun haben. Wie viele von unseren „vornehmen" Häusern kann man aufzählen, in denen es keine Getauften gibt? Und dieses Renegatentum werden Sie, Herr Professor, nicht aufhalten, selbst wenn Sie den „eher schädlichen" Religionsunterricht ganz aufheben. Schlagen Sie sich an die Brust und alle, die es angeht, mögen es tun und sprechen mögen sie alle: „Unsere Schuld, wir haben gesündigt." Die Schule kann eben nicht alles leisten, was Haus und Schule mit vereinigten Kräften leisten sollten. Dte Schädlichkeit ist da, kein Zweifel, aber schweifen Sie nicht in die Ferne, das Schlechte, nein, das Schädliche, liegt sehr nahe, heilen Sie es, wenn Sie es vermögen .... Aber hier ist es gar nicht um die Heilung zu tun. Man braucht einen Sündenbock, einen Prügelknaben, und der Religionsunterricht und die Lehrer müssen dazu herhalten. Da ich davon überzeugt bin, daß, aus Gründen, die ich nicht erörtern will, die Organisation der jüdischen Religionslehrer an Mittelschulen, den Angriff des Kultus-Vorstandes nicht zurückweisen werde, so glaubte ich diese Glossen zu den Bemerkungen des Herrn Professors machen zu müssen. Gegen solche Worte muß eben mit aller Entschiedenheit protestiert werden, teils im Interesse des Gegenstandes, teils in dem der D i s z i p Ii n. Mehr fehlte nicht, als daß jeder Außenstehende in solcher Weise über den Religionsunterricht an Mittelschulen sprechen dürfte. Von Schädlichkeit sprechen diese Herren, aber welchen Schaden sie durch unbedachte Worte anrichten, bedenken sie nicht. „Hands off", rufen wir diesen ganz unberufenen Kritikern zu. Ein Defizit wird nie geheilt, wenn man auf einen Prügelknaben losschlägt. Das mögen sich die Herren gesagt sein lassen. Männern, die vom wahren Idealismus erfüllt, unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Pflicht erfüllen, wurde eine Beleidigung zugefügt. Man braucht eben — Prügelknaben. — >MMHHBlMHHHMii^HW^HaHk Wegen der Reise unseres Herausgebers nach Galizien, in Sachen der Enquete und der Schenker, erscheint diese Nummer ausnahmsweise einige Tage früher. Die nächste Nummer gelangt am 3. Februar zur Versendung und wird zum grössten Teile der Enquete gewidmet sein.