Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1911)
- Date
- 1911-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NSU5 NKIftML-ZBGUNG rerausqbber: Drs.R.LflNDflUü XIII. JAHRGANG. WIEN, 16. JANNER 1911. Nr. 2. Prügelknabe — Religionsunterricht. Randbemerkungen zur Budgetverhandlung des Wiener Kultusvorstandes am 28. Dezember v. J. Von Dr. Moses Ahronson. .. . „Wo Begriffe fehlen, Da stellt einWort zur rechten Zeit sich ein. Mit Worten läßt sich trefflich streiten" ... usw. Defizit 295.723 K 13 h! Gewiß keine Kleinigkeit! Das ist nun wirklich einigen Herren in der Wiener Kultus-Gemeindestube zu Kopfe gestiegen. Der eine von ihnen fürchtet sich sofort vor demagogischen Umtrieben. Die böse „Neue National-Zeitung" werde wieder von Bankerott, Zusammenbruch und so ferner reden. Der andere hat plötzlich entdeckt, daß die Frage der Herabsetzung des Steuerzensus mit der „Demokratie" nichts zu tun habe. Die „Demokratie" macht diesen Herren große Beschwerden. Ein anderer kann sich, trotzdem auf die Nichtigkeit dieser Phrase in diesen Blättern hingewiesen wurde, durchaus nicht von dem Gedanken losmachen, daß „wir Juden Demokraten sind seit zwei Jahrtausenden". Wohlgezählte 2000 Jahre sind wir, nach dem Geschichtsbüchlein dieses Herrn, Demokraten, und noch immer haben wir keine demokratische Kultus-Gemeindevertretung. Ich bitte nicht zu lachen. Mit Worten läßt sich eben trefflich streiten, auch ein System bereiten. Also hielten die Herren Heilkünstler ihr Konsilium ab, um dem Gespenst Defizit an den Leib zu rücken. Die Herren beraten und der Kranke kann inzwischen gemütlich sterben. Doch, reden wir von etwas anderem, sagte da ein Herr. Ich glaube, er ist Mediziner, Doktor, Professor gar. Die Herren verstehen alles. Wozu von der Heilung des Defizites sprechen? Wir haben ja unseren Sündenbock, unseren Prügelknaben. Das ist der Religionsunterricht an den Mittelschulen. Was schiert uns Defizit und alles was drum und dran hängt? Hauen wir fesch und frisch auf den „Religionsunterricht an den Mittelschulen" los. Das schadet nichts und macht uns sogar populär. Ich kannte eine Frau, die oft mit ihren Dienstboten zankte. Und wenn sie dies tat, hatten es zugleich das ganze Haus, Mann und Kinder zu verspüren. Mit dieser Frau möchte ich den Herrn Professor vergleichen, der, wenn ich nicht irre — man liest ja so vieles in dieser verdorbenen Zeit — neulich eine Lanze dafür einlegte: im jüdischen Religionsunterrichte auch Heine und Spinoza als Musterbilder der Jugend vorzuführen, selbst auf die Gefahr hin, daß irgend ein vorlauter Jüngling — es gibt auch solche — einwenden sollte: Aber Heine war ja getauft, und Spinoza gehörte unserer Religionsgenossenschaft auch nicht an. Der Professor hat demnach seinen Befähigungsnachweis dafür erbracht, daß er zwar nicht Heilmittel für die an ihrem Defizite schwer erkrankten Gemeinde bringen, aber in Sachen des jüdischen Religionsunterrichtes kühn dreinreden könnte. Und der Professor, dessen Judentum, um mit Frenssen zu sprechen, in einer warmen Stube entstanden ist, setzt sich auf die Kathedra und verkündet „urbi et orbi" seine infallible Weisheit: „In seiner heutigen Form ist er", nämlich der Religionsunterricht an Mittelschulen, „eh(er sjchädlich als nützlich." Man merke wohl auf das Wörtchen „eher". Das läßt viele Deutungen zu. Nun möchten wir die Beweise des Herrn Professors hören. Wir schicken aber voraus, daß sich kein Lehrerkollegium eine solche Redensart bieten lassen würde. Ein Schrei der Entrüstung würde sich erheben, wenn jemand, von dem Dieser Nummer liegt das Inhaltsverzeichnis des Jahrganges 1910 bei.