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Neue Nationalzeitung · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 So sind denn durch den Ablauf der Zeit jede Begeisterung und jedes Interesse für die Enquete auf jüdischer Seite abgeschwächt; wenn der Landesausschuß daran gehen sollte, die Enquete einzuberufen, dann tut er es nicht, um ein wichtiges soziales Problem in Galizien zu lösen, sondern um einen Beschluß des Landtages formell zu erledigen. Ich habe meinen jüngsten Aufenthalt in Lemberg benützt, um bezüglich der Enquete authentische Informationen zu erlangen. Wie mir sowohl der Landmarschall Graf B a d e n i selbst, als auch der Landesausschuß-Beisitzer Dr. J a h 1 mitzuteilen die Freundlichkeit hatten, wird die Enquete unbedingt im Laufe dieses Monates stattfinden. Der Tag ist heute noch nicht festgesetzt, doch dürfte er höchstwahrscheinlich auf den 23. d. M. fallen. Vor dem 10. d. M. werden die Einladungen an zirka 50 Experten ergehen, denen nebst dem Fragebogen das statistische Material von Dr. Gruinski beigeschlossen sein wird. Damit wird den Experten eine ungefähr vierzehntägige Frist zur Vorbereitung eingeräumt. Die Enquete dürfte zwei bis drei Tage dauern und wird bei derselben der Landmarschall selbst den Vorsitz führen. Die Oeffentliehkeit wird ausgeschaltet sein, doch dürften den Blättern Communiques zukommen. Zur Enquete werden ungefähr 35 jüdische und 15 christliche Experten eingeladen. Ich kann es aber auch nicht verhehlen, daß mir von sehr gut informierter Seite mitgeteilt wurde, die ganze Enquete sei dem Grafen Badeni sehr peinlich und er sei noch immer schwankend, ob er sie einberufen soll. * Das Schicksal der jüdischen Schenker ist besiegelt. Kaum einige Hundert von ihnen haben im Wege des Rekurses die Konzession nachträglich erhalten; die übrigen werden damit getröstet, daß für sie sobald als möglich eine neue Konkurs-Ausschreibung verlautbart werden wird. Der vom Abgeordneten Breiter vor Monaten angeregte Gedanke einer Massendeputation nach Wien gewinnt daher sehr viel Anklang. Es haben sich bereits über zweihundert Teilnehmer aus allen Gegenden Galiziens gemeldet und ihre Zahl wächst. Sie wollen alle zum Kaiser, da sie sonst nirgends ihr Recht finden. Die Einwohner von Wien sollen Gelegenheit haben, auch einmal einen Massenaufzug galizischer armer Juden zu sehen, die nicht schnorren, sondern ihr gutes Recht verlangen, welches ihnen von Staats wegen genommen wurde. Zum Zwecke des gastlichen Empfanges und der Bewirtung der Massendeputation in Wien hat sich der Vorstand des „Verbandes der östlichen Juden in Wien" auf Grund des in der Sitzung vom 4. Jänner gefaßten Beschlusses als Hilfskomitee konstituiert Dasselbe wird eine Sammlung einleiten, um die Mittel zur Bequartierung und Bewirtung der Deputation aufzubringen. Spenden für diesen Zweck nimmt auch die Administration der „Neuen National-Zeitung", I., Zelinkagasse 11, entgegen und weist dieselben aus. Hoffentlich wird jeder Jude, dem es seine Verhältnisse erlauben, ein Scherflein beitragen, um den unglücklichen Brüdern in ihrem schweren Kampf gegen Gewalt und Entrechtung beizustehen. u. Dr. S. R. Landau. T)as Budget der "Wiener Kultusgemeinde für das }ahr 1911. K 295.723.13 — Defizit. Zum Zwecke der Beratung des Gemeindebudgets für das Jahr 1911 fand Mittwoch, den 28. Dezember 1910, eine der seltenen öffentlichen Sitzungen de& Kultusvorstandes statt Das sich alljährlich wiederholende Defizit hat in diesem Jahre seine höchste Stufe erreicht. Es beträgt nach dem gedruckten Voranschlage K 216.703.13 und nach den beigefügten Korrekturen sogar K 295.723.13. Dieses Defizit wird nämlich geteilt in ein ordentliches Defizit im Betrage von K 225.723.13 und in außerordentliche Ausgaben,, wie die Anlage einer Dampfwäscherei in der Versorgungsanstalt mit dem Betrage von K 20.000 und die Restkosten für die verunglückte Mikwah per K 50.000. Die Einnahmen sind mit K 2,975.108.38 und die gesamten Ausgaben mit K 3,270.831.51 präliminiert. Der Referent, Herr Max Frank, hat es versucht, in einer ausführlichen, sehr interessanten Rede in optimistischer Weise darüber hinwegzugehen. Er berief sich nämlich auf die praktische Erfahrung, daß „von einzelnen Ausnahmsfällen abgesehen, solche vermutliche Fehlbeträge nach Aufstellung des Rechnungsabschlusses meist verschwinden, ja sogar sich manchmal in einen Ueberschuß verwandelt haben. Diesmal allerdings" — gibt der Referent zu — „dürfte von einem Ueberschuß nicht die Rede sein, aber sicher scheint es mir, daß der sich ergebende tatsächliche Fehlbetrag in keinem Falle (!) ein übermäßig hoher sein wird." Dr. Samuely gegen die „Neue National-Zeitung". In der an dieses Referat sich anschließenden Diskussion hat Herr Vorsteher Dr. Samuely in erster Linie geglaubt, Verwahrung dagegen einlegen zu müssen, daß unser Blatt ebenso wie im Vorjahre von einem Bankerott der Gemeinde Wirtschaft spreche. Herr Dr. Samuely hat mit dieser „energischen" Verwahrung sich vielleicht bei manchen Kollegen einen Stein ins Brett gesetzt, aber er hat die tristen Verhältnisse nicht geändert und seine Annahme dürfte wohl nicht ganz zutreffen. Wir haben voriges Jahr in einem ausführlichen Artikel die Gemeindewirtschaft in das rechte Licht gestellt, wir haben auch anläßlich der Kultuswahlen dafür gesorgt, daß die große Allgemeinheit auf die abschüssige Bahn, auf der sich die Kultusgemeinde in finanzieller Beziehung befindet, aufmerksam gemacht wird, und es kann uns wohl nicht zugemutet werden, alles das, was wir bereits einmal gesagt haben, zu wiederholen. Tatsache ist, daß die Gemeindeschulden wachsen, daß die großen Gemeinderealitäten, wie das Gemeindehaus und der Tempel in den Seitenstettengasse sowie die Synagoge in der Tempelgasse mit einem sehr großen Hypothekarsatze belastet sind. Im Zusammenhange mit der tristen Finanzlage der Gemeinde steht auch der Umstand, daß weder der Referent noch einer der darauf folgenden Redner sich die Mühe gegeben haben, ein Mittel ausfindig zu machen, um gegenüber dem immer größeren Gemeinde-Etat für die Schaffung neuer Bedeckungsposten zu sorgen. Die Herabsetzung des Zensus. Die Budgetdebatte war jedoch insofern interessant, als Herr Dr. Samuely im eigenen Namen

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