Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 ,Neue National-Zeitun£Ti4 Seite 5 mich dazu entschlosen habe und daß es Gründe, die für mich ernstester Natur sind, waren, die mir diesen Entschluß unabweislich notwendig erscheinen ließen. (Es folgen dann näher die Gründe der Ablehnung des Artikels. L.) Dr. Herzl versendet eine Einladung zu einem Zionisten-Kongreß, die er vorher bereits in der „Oesterr. Wochenschrift" veröffentlicht hat. Unter den Referenten figurieren auch ich, trotzdem ich durch Freund Bambus an Dr. Herzl erklären ließ, daß ich meine Mitwirkung, ja sogar meine Teilnahme davon abhängig mache, daß derselbe nicht Zionisten- Kongreß heißt, daß das Schwergewicht auf die Kolonisationssache gelegt wird. Sie wissen, ich bin kein Zionist im Herzischen Sinne — das Einigende in unserem Streben ist eben die Kolonisation Palästinas, die Plattform, auf der sich auch Gegner des Zionismus mit dessen Anhängern zu einträchtiger Arbeit zusammenfinden können. Aus der „Oesterr. Wochenschrift" hat die „Allgem. Ztg. des Judentums" die Herzische Kundgebung übernommen, dadurch ist das Projekt in Deutschland bekannt geworden, und Sie glauben nicht, welche Summe von Unannehmlichkeiten ernstester Art mir daraus erwachsen. Ich brauche mich Ihnen gegenüber wiederum nicht gegen den Vorwurf zu schützen, als ob ich nicht den Mut meiner Ueberzeugung hätte, aber auch der Mutigste muß sich ein Opfer der Ueberzeugung aufzwingen, wenn er, vor eine Kollision der Pflichten gestellt, die fernerliegenden den näheren opfert. Sie wissen, welches Maß von Pflichten im Dienste der Gesamtheit, bei deren Erfüllung ich auf die Unterstützung der Gesamtheit angewiesen bin, auf mir ruht. Es wird Ihnen als Uebertreibung erscheinen, ich versichere Sie aber, es ist buchstäbliche Wahrheit: ich unterbinde mir die Möglichkeit, jenen Pflichten nachzukommen, wenn ich mit den Bestrebungen des Dr. Herzl identifiziert werde, jedenfalls so weit Jischab Erez Jisroel und alle damit zusammenhängenden Aufgaben in Betracht kommen. Ein trauriges Beispiel aus jüngster Vergangenheit: Sie kennen das Bankprojekt, dem beigeschlossenes Zirkular gilt. (Lange vor der Jüdischen Kolonialbank Dr. Herzls hat bereits Dr. Hildesheimer die Gründung einer Kolonialbank für Palästina projektiert, auf deren Prospekt sich diese Bemerkung bezieht. L.) Wir hätten es nicht gewagt, das großangelegte Unternehmen in Angriff zu nehmen, wenn wir, richtiger ich mir, nicht vorher die Mitwrkung der Frankfurter Freunde gesichert hätte. Für die Frankfurter — ich nenne Ihnen nur Charles Hallgarten, Rechtsanwalt Plotke, Rabbiner Dr. Horovitz — ist aber der Herzische Zionismus eine gefährliche Utopie, die sie mit allen publizistischen Mttteln bekämpft sehen wollen. Seitdem die Herzische Kundgebung erfolgt ist, ist auch sichtlich das Interesse der Frankfurter, die wahrhaftig von jeder wie irgend gearteten Engherzigkeit himmelweit entfernt sind, geschwunden, und es ist mir bisher nicht gelungen, dasselbe wieder zu erwecken. Ueber den Grund hat mich Rabb. Dr. H orowitz aufgeklärt mit dem Hinzufügen, daß ich, soweit Frankfurt in Betracht kommt, mir meinen ganzen Einfluß überhaupt verscherze, wenn ich nicht in meiner Zeitung jede Gemeinschaft mit den „Phantastereien" Herzls und seines Zionisten-Kongresses ablehne. Letzteres ist, in der Tat für mich zur unabweislichen Notwendigkeit geworden, denn was für Frankfurt, gilt für Berlin, wie — nur ein Beispiel — auch hier die Bankarbeit seit vierzehn Tagen vollständig stockt. Ich glaube, dem Dr. Herzl mit weitestgehender Loyalität begegnet zu sein; nachdem seine Kundgebung in der „Zeitung des Judentums" veröffentlicht war, hat Bambus in demselben Blatte erklärt, daß das Projekt — was ja den Tatsachen voll und ganz entsprach — sich noch im Stadium der Vorberatung befinde. Damit war Dr. Herzl die Möglichkeit gegeben, ohne sich irgend etwas zu vergeben, unseren Bedingungen Rechnung zu tragen, wozu er verpflichtet war, da er sonst zu Unrecht Bambus' und meine Mitwirkung ankündigte. Statt dessen schrieb er an Bambus einen sehr verletzenden Brief und versendet — unglaublicher Weise! — seine Kundgebung an Private, gibt ihr also noch größere Publizität! Das ist der Gipfel der Illoyalität, und mir bleibt kein anderer Weg, als mich in die Oeffentlichkeit zu flüchten. Daß ich das mit größtdenkbarer Dezenz tun werde, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen; ich wollte es nicht früher tun, ehe ich Ihnen die Gründe, die Sie vielleicht nicht billigen, aber sicherlich begreifen werden, nicht dargelegt habe. Erfreuen Sie mich recht bald mit einem Beitrag für meine Zeitung; ich werde darin den für mich beglückenden Beweis erblicken, daß Sie mir die Nichtaufnahme Ihres letzten Artikels (was — es ist mir Bedürfnis, Sie dessen wiederholt zu versichern — mir sehr, sehr schwer wurde) verzeihen. Mit herzlichen Grüßen Ihr in freundschaftlicher Treue ergebener Hirsch Hildesheimer. L. (Fortsetzung1 folgt.) Die jüdische Enquete und die JVIassendeputation de* jüdischen Schenkel? nach Wien — bevorstehend. Die öffentliche jüdische Meinung in Galizien beschäftigt sich noch immer mit der Frage, ob die seit mehr als drei Jahren vom galizischen Landtag beschlossene Enquete betreffend eine Hilfsaktion für das jüdische Proletariat nach so vielen Verzögerungen, Aufschiebungen und Verschleppungen denn doch stattfinden wird oder nicht. In der letzten Zeit hat man bereits damit zu rechnen begonnen, daß die ganze Enquetefrage im Sande verlaufen wird, zumal von klerikaler Seite (Rektor Thullie) im Landtage verlangt wurde, daß keine rein „konfessionelle", sondern eine allgemeine Enquete abgehalten werde. Es kommt aber auch auf jüdischer Seite die Ansicht zum Durchbruche, daß die Enquete, selbst wenn sie stattfinden sollte, nichts nützen wird. Es werden mehr oder weniger interessante Reden gehalten werden, eine eigentliche Hilfsaktion wird vom Landesausschuß nicht intendiert. Verschiedentliche Leute werden bei dieser Enquete Gelegenheit haben, in polnischem Patriotismus zu machen und Universal-Heilmittelchen zu empfehlen, um damit sich selbst zu nützen; allerhand „Hausjuden" werden dabei bemüht sein, alles zu vermeiden, was die herrschenden Parteien verletzen könnte und damit allein schon ihren Gutachten die Spitze abbrechen.