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Neue Nationalzeitung · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 zeichnet eine Art Notbehelf und leidet an Mängeln aller Art, Das wichtigste Moment in dieser Einrichtung bleibt aber doch der religiöse Vortrag, die Erbauungsrede, die zugleich lehrhaften Inhalts sein soll: die Exhorte. Für diese werden S c h m i e d 1 s „S a ns i n n i m" den bleibenden Wegweiser bilden. Und wir sind der Meinung, daß es oft besser wäre, anstatt eine salbungsvolle, auf die Jugend gar nicht wirkende Ermahnungsrede zu halten, eine jener Betrachtungen vorzulesen. Denn es gehört eine große Kunst, eine reiche Erfahrung, ein feiner Takt und didaktische Begabung dazu, durch religiöse Erbauungsreden auf die Jugend einzuwirken. Ist es doch schwieriger, zu jungen, oft dem kindlichen Alter angehörigen Menschen zu reden, als zu einem großen Publikum von Erwachsenen. Die „S a n s i n n i m" sind aber nicht nur ein Predigt-, sondern auch ein Lehr- und Lesebuch im besten Wortsinne. Sie enthalten, wie ich schon sagte, eine staunenswerte Fülle von modernen Anschauungen. Kein Gebiet unseres religiösen, nationalen, sozialen, geschichtlichen Lebens lassen sie unbesprochen, ja sie vermitteln oft eine genaue Kenntnis unserer Literatur. Es wird an der Zeit sein, das Gesagte durch Beispiele aus dieser Volksschrift zu beweisen. Man lese die Betrachtungen zur Sidra „Basehallach" (IL Mos. XV), „Der Gesang in Israel" und zur Sidra „Haasinn" (V. Mos. XXXII.), „Die Poesie der hl. Schrift". Namentlich in der letzten Betrachtung finden wir eine solche Feinheit in der Charakterisierung der biblischen Poesie, eine derartige scharfe Unterscheidung zwischen althebräischer und altgriechischer Dichtung und Dichtkunst, daß wir diesen Ausführungen kaum etwas hinzuzufügen wüßten. Schmiedl zeigt sich uns hier als ein Gelehrter, der es vortrefflich versteht, Vergleiche zwischen unserer nationalen Poesie und der der alten Griechen aufzustellen und uns dabei sein umfassendes Wissen zu zeigen, das aus den besten Quellen schöpft. Ich möchte nicht behaupten, daß sich in dieser Art der Darstellung und Fülle des Wissens viele unserer heutigen Homiletiker ihm an die Seite setzen ließen. Und nun zu einem ganz entgegengesetzten Gebiete, dem volkswirtschaftlichen. Zur Sidra „Bchar", III. B. Mos. XXV, Versen 35, 36: „Wenn dein Bruder neben dir verarmt und seine Hand sinken läßt, so hilf ihm auf, er sei Fremdling oder Eingeborener, daß er lebe neben dir. Gib ihm ein Darlehen, aber nimm von ihm keinen Zins oder Wucher", stellt Schmiedl eine ebenso interessante wie lehrreiche Betrachtung an: über die Gründung von Darlehensvereinen, „deren Zweck darin bestünde, redliche und erwerbsfähige Familienväter durch angemessene Vorschüsse in den Stand zu setzen, ihr Geschäft oder Gewerbe fortbetreiben zu können". Diese Idee ist heute vielfach durchgeführt, aber es bleibt immerhin bewunderungswürdig, daß ein Homiletiker, also ein im allgemeinen nicht sehr praktischer Mensch, ihr in einem vor 52 Jahren erschienenen Werke beredten, kräftigen, verständnisvollen Ausdruck verlieh. Ueber die Verbreitung des Handwerks in Israel, über jüdische Meister und Künstler spricht er zur Sidra „Wajakhel" (II. Mos. XXXV), die Bedeutung des alten Meisters des Kunstgewerbes B e z a 1 e 1, durch Anführung der schönen Worte unserer Weisen besonders hervorhebend, jener Worte, mit welchen berichtet wird, daß die schlichte Lade, die Moses gemacht, mit Israel in alle Kriege zog, während die, welche der Künstler B e z a 1 e 1 verfertigt hatte, nicht dazu bestimmt war, ihnen im Kriege voranzuleuchten. Wie trefflich ist das, was er über die Schäden an unseren Kleidern, über Putz- und Prunksucht, über die höchst originelle Deutung unserer Feste, von denen jedes einen Grundsatz, einen Ikkar unserer Religion verkörpert, ausführt. Es würde wirklich zu weit führen, auf die Fülle der Gedanken, die dieses Buch enthält, noch weiter einzugehen. Das ist eine Volksschrift, die für sich selbst spricht. Wir wissen es wohl, Eingeweihten, unserer Literatur Kundigen haben wir mit dieser sehr posthumen Besprechung nichts neues gesagt. Oder doch? Schmiedls „Sansinni m" gehören zum eisernen Bestände unserer Volksbücherliteratur und vielleicht werden diese Zeilen dazu beitragen, daß mancher Lehrer oder Vater dieses Buch Schülern und Kindern in die Hand gibt. Wir behaupten, daß es mehr als das eine oder andere pomphaft ausposaunte und phrasenhaft abgefaßte Lehrbuch unserer Religion imstande sein wird, das zu bewirken, was unserer Jugend in unseren Tagen so dringend not tut: belehrend zu wirken. Es wird Licht verbreiten über unsere unvergängliche Ethik, die Jugend mit Thora und Midrasch bekannt machen, erfreuen durch seine Fülle an Geist, Klarheit und Wahrheit darbieten den Zweifelnden, Kenntnis und Erkenntnis den Suchenden. Das ganze jüdische Leben in seinen mannigfaltigsten Gestaltungen zieht an uns vorüber, wenn wir dieses Buch lesen. Wir verstehen es, warum unser Judentum mit einem Baum verglichen wurde, der Schatten und Erquickung bietet den Müden und Belasteten, geistige Nahrung den nach Wissen und Erkenntnis Schmachtenden, Trost und Erhebung den Betrübten, wahrhaft sittliche Belehrung den Irrenden, wir verstehen all dies, wenn wir die „Sansinnim" rauschen hören. Darum sei nochmals auf dieses jüdische Volksbuch hingewiesen. Ein Meister hat es geschaffen. Und wie sagt der alte Goethe? „In Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seine Meister je verkannt." Dr. J-firsch 34ildesheimer über den ersten Zionistenkongress. (Aus meiner Briefmappe.) I Ich habe im Leitartikel der vorigen Nummer die Veröffentlichung meiner Korrespondenz mit dem unvergeßlichen Dr. Hirsch Hildesheimer in Aussicht gestellt, da diese Briefe geeignet sind,, über wichtige historische Momente Aufschluß zu erteilen und insbesondere die Stellungnahme Dr. Hildesheimers zu den prägnantesten Perioden der zionistischen Entwicklung zu beleuchten. Ich beginne mit dem nachstehenden Brief vom. 3. Mai 1907. Derselbe lautet: Sehr werter Freund! Es geschieht, seitdem ich die Ehre habe, Sie zu meinen Mitarbeitern zu zählen, das erstemal, daß ich Ihre Verzeihung wegen Nichtaufnahme eines Artikels erbitte. Sie glauben es mir ohne ausdrückliche Versicherung, daß ich nur mit schwerer Ueberwindung:

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