Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 „Neue National-Zeuung" Seite 3 Ungeheure kulturelle Potenzen hat das Judentum während siner jahrtausendelangen Wanderung angehäuft. Nur kann es dank seiner materiellen und kulturellen Unrast, Wurzel- und Heimatlosigkeit seine tiefsten Prädispositionen nicht aktualisieren. Sie werden und müssen im widerspruchsvollen Dissoziationsprozeß der Diaspora steril aufgerieben werden. Der ihm entgegenwirkende historische Prozeß der jüdisch-nationalen Renaissance wirkt daher und muß notwendigerweise Zentripetal wirken. Und wenn dieses zentripetale Streben sein Ziel erreicht haben wird, dann wird die kulturell-schöpferische Kraft des jüdischen Genius auch zentrifugal auf die gesamte Diaspora zurückwirken und seine höchsten Potenzen realisieren können . .. Janus, der Fluch des rast- und kraftlosen Diasporajudentums, wird zuiu Segen des erneuerten, rückgratfesten Zukuuftsjudentiims werden . . Prof. Dr. M. Grünfeld: Ein jüdisches Volksbuch. Der heranrückende 90. Geburtstag des ehrwürdigen Rabbi Dr. A. Schmiedl gibt uns willkommenen Anlaß, auf ein Jubiläum hinzuweisen, das ein Werk des Meisters der Homiletik in diesen Tagen feiern kann: Vor jetzt 52 Jahren schrieb, und zwar am 1. Tage des Chanukkafestes, Schmiedl das Vorwort zu einem der bedeutendsten Werke der jüdischen Predigtliteratur, zu seiner Sammlung erbaulicher Betrachtungen über den Pentateuch, die er sinnig und bedeutungsvoll „Sansinnim" nannte, nach dem Worte im „Hohen Liede" (VII. 9.), d. i. „Zweige des Palmbaums". In dem schönen Gedichte, das diese Betrachtungen einleitet, gibt er eine Erklärung für dieses Wort. Sie sind „Reiser" von dem Baume, „der auf Sinais Felsengipfel steht", „die Krone ragt hinein in's Sternenzelt, die Früchte neigt er tief zur Menschenwelt". 1859 erschien dieses Buch, und in einer kurzen Anzeige, die sich in der von Dr. Leopold Stein in Frankfurt damals herausgegebenen Familienschrift „Der Freitagabend" (Nr. 41 vom 14. Oktober 1859) findet, wird von diesem Buche Schmiedls, der dazumal Rabbiner zu Proßnitz in Mähren war, folgendermaßen gesprochen: „Das Buch hält in der Form die Mitte zwischen der Homilie und der Exegese und kommt so einem fühlbaren Mangel unserer Erbauungsliteratur zu Hilfe. Die edle Diktion und die lebensfrische Darstellung werden dieser trefflichen Sammlung ohne Zweifel den Weg in die Familien bahnen und zur Erweckung des religiösen Sinnes in edelster Weise beitragen." Ich denke, „Die Sansinnim" haben eine noch viel größere Bedeutung; sie stellen ein jüdisches Volksbuch im besten Sinne des Wortes dar und haben als solches eine zweite Auflage (erschienen 1885) wirklich verdient. Zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen der „Sansinnim" gab S c h m i e d 1 im Jahre 1869 seine „Studien über jüdische, insonders jüdisch-arabische Religionsphilosophie" heraus, in denen, nach den Quellen, die Ansichten der mittelalterlichen jüdischen Philosophen über den Gottesbegriff, die Lehre von den Attributen Gottes, über Seelenwanderung und Auferstehungslehre dargestellt werden, wertvolle Beiträge zur Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie liefernd. Auf dieses Werk weist Schmiedl schon in dem Vorworte zu den „Sansinni m" hin. Er wollte aber nicht allein „zu dem Ausbau der i ü - dischen Wissenschaft auch einen Stein herbeischaffen", sondern auch „durch Abfassung populärer Schriften, zur Förderung erhöheter Gottinnigkeit und religiöser Begeisterung im Volke, das Seinige beitragen". Die „Sansinni m" sollten eine solche „V o 1 k s s c h r i f t" werden. Und was sich vor mehr als einem halben Saekulum der Verfasser erhoffte, das ist auch in Erfüllung gegangen: Die „Sansinn i m" sind ein Volksbuch geworden, wie wir, in seiner Art, kaum ein zweites in der jüdischen Literatur besitzen. Wenn wir heute in diesem Buche blättern, staunen wir darüber, welche reiche Gedankenfülle es uns auch noch jetzt, nach 50 Jahren, darbietet. Das muß ein weitausschauender Kopf sein, der, wie wir Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl. kühnlich behaupten können, eine solche Menge m oderner Ideen aus Thora, Midrasch und Talmud schöpfte, die den „Sansinnim" die Gestalt und den Gehalt eines in unserer Zeit erschienenen Werkes verleihen. Dieses Buch kann jeder lesen, der Gelehrte und Laie, der Greis, Mann und Schüler, Frauen und Mädchen. Niemand wird es unbelehrt zur Seite legen. Es ist ein Buch der Erbauung, der Belehrung, geistvoll, anregend, mit staunenswerter Beherrschung nicht nur der jüdischen, sondern auch der allgemeinen Literatur geschrieben, ein Buch voll edler Menschlichkeit, erfüllt von tiefster Ethik und hohen Gedanken. Wir wünschten nur, daß durch Veranstaltung einer Volksausgabe dieses Werk wirklich in alle Schichten der jüdischen Gesellschaft eindringe, da wir doch an solchen Volksschriften wahrlich keinen Ueberfluß haben. Wie hoch steht dieses jüdische Volksbuch über ähnlichen Erzeugnissen unserer Homiletik, über den Werkchen von Ehrentheil, Karpeles, Hause u. a.! Man wendet jetzt erhöhte Aufmerksamkeit dem sogenannten Jugendgottesdienste zu. Wir wollen uns hier über den Wert oder Unwert dieser Veranstaltungen nicht aussprechen. Der Jugendgottesdienst bietet ein nicht allzu erfreuliches Kapitel auf dem Gebiete unseres Religionsunterrichtes dar, be-