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Neue Nationalzeitung · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 1 Beide Juden, beide typische Jaden. Beide sitzen an einem Tische. Der eine voll Vertrauen und Heldenmut, der andere — ein Abgrund finsterer Lüge und meuchelmörderischen Verrates . .. Und da, wie stets und überall, nimmt die Außenwelt den ersteren ausschließlich für sich in Anspruch und stellt den letzteren als erschöpfendes Symbol der Judenheit hin . . . Nicht nur nebeneinander bestehen die Extreme im Judentum. Sie finden ihre „zweieinheitliehe" Verkörperung auch im Individuum. Auch in der Seele des Einzelnjuden gibt sich die polare Gegensätzlichkeit kund — das „vollkommene", ungetrennte Janushaupt . . . Schreitet da unter uns der weltfremde Träumer nicht im Gewände des realistischesten Praktikers einher? Trägt bei uns der phantastischeste Utopist nicht die Maske des pedantischen Rechners? Leben in Sheiloks Brust nicht zwei todfeindliche Seelen? Kennt denn jeder „Kultur'jude nicht den qualvollen Kampf zweier sich ewig befehdenden Seelen? „ Keiner kann wie der Jude verstehen, was es heißt, durch sieh selbst versucht zu werden; keiner hat solche Fülle der Anlage und solche Fülle der Hemmung wie der Jude" (M. Buber). Und mögen es oft allgemein menschheitiiche Gegensätze sein — nirgends stehen sie sich so kraß, so unverhüllt und unvermittelt gegenüber wie in der Judenseele . . . Aus dem Wesen der polaren Gegensätzlichkeit ergibt sich ferner die Grundeigenschaft des geistigen Habitus des Juden als Menschen der letzten Konsequenz. Nie bleibt der Jude am Scheidewege der Gegensätze, im toten Punkte, wo die Janusantlitze sich berühren, stehen. Welches der beiden Antlitze gegebenenfalls in seiner Seele auch Überhand gewinnen mag, stets wird er bis zur letztmöglichen Etappe auf dem eingeschlagenen Wege vorzudringen suchen. Er findet seinen prägnantesten Ausdruck in der zugespitzt scharfen, oft direkt karikaturmäßig-bizarren Ausgeprägtheit der gesellschaftlichen und politischen Phänomäne und Gruppierungen im jüdischen Leben. Ist der Jude religiös so ist er der gotterfüllteste aller Menschen; sein Heim ist dann die Synagoge. Ist er aber Freidenker, dann ist er der gottloseste Mensch auf Erden und kniet nur vor der alleinseligmachenden Vernunft... Ist der Jude liberal, so wird es oft nicht leicht möglich sein, die Grenze zwischen seinem Liberalismus und dem Anarchismus zu ziehen. Ist der Jude Sozialist, so eilt er in seinem äußersten Radikalismus und Revolutionismus der Massenbewegung meilenweit voraus. Ist der Jude Demokrat, so ist er im Stande sich von der vergötterten ^Mehrheit" köpfen zu lassen. — Gelangt er aber irgendwie zur Macht, ist er oft der zügelloseste Despot . . . Jedes der Janusantlitze ist in seiner Art vollkommen, vollendet. . . * * * Können und dürfen wir uns aber mit der bloßen Konstatierung dieser Eigenartigkeiten der jüdischen Geisteswelt begnügen? Müssen wir nicht tiefer zudringen und ihren Wurzeln im Lebenswandel und in den Geschicken unseres Volkes nachzuforschen suchen? Ist es nicht eine notwendige Voraussetzung der Überwindung der seelischen Dualität und der Harmonisiernng des jüdischen Daseins? Wir sind keineswegs geneigt — uns diese Aufgabe allzu leicht zu machen. Was wir uns hier zum Ziele stellen — ist die Skizzierung der Konturen, die Auffindung der Einzelfäden, die uns dereinst zur Gesamtwurzel der jüdischen Janusnatur werden hinleiten können. Als Wanderv olk tauchen die Juden in der Volksgeschichte auf. Die Wanderung führt sie ins Pharaonenland. Während der Wüstenwanderung offenbart sich ihnen die Thora und wird ihr gesellschaftlich-politischer Organismus ausgebaut. Das empfindlichste Alterr in dem der Volkseharakter sich formt, steht unter dem Zeichen der Wanderung. Es folgt nun die palästinensische Periode, in der jene Anlagen und Anläufe zur Reife und Entfaltung gelangen. Das erste Exil führt sie nach Babylon. Das zweite — begründet den unheilvollen Golus. Als heimatloses Fremdenvolk ziehen nun die Juden in die europäische Kulturwelt ein. Und als historisches Wandervolk haben sie bisher ihre nationale Existenz und Eigenart in der zweitausendjährigen Diaspora bewahrt.Ein heimatl oses Wandervolk... Mußte dieses sonderbare Schicksal auf die gesamten Lebensäußerungen der luden nicht einen unverkennbaren Stempel aufdrücken?*) — Ein Volk ohne historische Seßhaftigkeit, das durch keine Fesseln an den Boden gebunden ist, ein Volk ohne unmittelbare innige Beziehung zum Gegenständlichen, zum Räumlichen, ein Volk mit zeitlicher Auffassungs- und Wertungsweise alles Geschehens. Ist aber das Räumliche, der „äußere Sinn", nicht das Konkrete, Stabile, Einheitliche? Und das Zeitliche,, der „innere Sinn", nicht das Abstrakte, FluktuierendeT sich selbst Negierende, Gegensätzliche? So liegt denn auch der Schwerpunkt der jüdischen Geisteswelt nicht im Konkreten, im Unterbewußtsein, in der Leidenschaft,, sondern im Abstrakten, im Bewußtsein, im Intellekt. Der Jude ahnt nicht, er begreift. Der Jude empfindet nicht die Welt in farbenreichen Bildern, er formt sie in eintönigen Begriffen. Die Leidenschaften des Juden sind in ihrer Mehrzahl „Leidenschaften" der Vernunft. „Amor dei intellektualis," — diese in sich Widerspruchvollste Begriffsverbindung konnte nur von einem Juden herrühren ... Das innige emotionale Band, das den Nichtjuden an bestimmte Werte und historische Traditionen — sei es sozialer, politischer oder kultureller Natur — fess«lt, ihn in jeder Beziehung bodenständig, wurzelstark, „gebunden", aber eo ipso auch genial macht und das Gegensätzliche in ihm nicht leicht aufkommen läßt, — dieses Band ist beim Juden ungemein locker oder fehlt ihm gänzlich. Sein abstrakter, von jeder Gebundenheit positiver oder negativ;r Art freier Intellektualismus überwindet leichtesten Herzens alles Hemmender Überlieferte, Gefühlsmäßige. Der Jude erscheint daher als Barometer für alles Neue in der Ideenwelt und als wirksamster Gährungsstoff gegen alles Alte, Abgelebte,. Starre. Es kommt hier noch ein historisch bedingtes Moment hinzu, das die jüdische Geisteswelt nach derselben Richtung hin formiert. Der ungeheure Reichtum des Juden an historisch angehäufter intellektueller Mneme — dank der unablässigen intensiven Gehirnarbeit — ist es, der ihren Denkprozeß gradliniger und disziplinierter gestaltet, so daß er den Weg von A bis Z, vom Ausgangspunkt bis zur „letzten Konsequenz" leichter und rascher durchläuft. So rücken die beiden Janusmasken immer näher aneinander, treten sich immer feindlicher gegenüber. Der Zwiespalt in der Judenseele wird immer klaffenderr immer tragischer: das seelische Echo der end- und ziellosen Wanderungen . .. *) Nach R i p 1 e y hat die Wanderung sogar den physiognomischen Typus der Juden ungemein stark beeinflußt.

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