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Neue Nationalzeitung · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · page 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WKiONßL-ZQCUNG XIII. JAHRGANG. WIEN, 6. JÄNNER 1911. Nr. I. Janus — der Judengott. Von Maxim Anin. Ziel- und endlos ist Ahasvers Unrast. Wie sollte der von seinen „Geschäften" nie rastende Alltagsjude zu einem tieferen Einblick in sein unergründliches Innerstes, zu einem durchgeistigten Rückblick auf seine schier unübersehbare Vergangenheit und zu einem prophetischen Ausblick in seine nebelumhüllte Zukunft gelangen? Wenn aber der heutige Ahasver jenen hehren Sabbath der Seele erlebt hat, an dem die Gegensätze in Harmonie aufgehen, an dem Gut und Böse die Weltenwage im Gleichgewicht halten, dann erhebt er sich auf eine Höhe, die ihm einen allumfassenden Ueberblick über sein ganzes Werden und Sein gewährt. Und von dieser hohen Warte erblickt er eine Welt voll inneren Widerspruches, polarer Gegensätzlichkeit, eine Welt, über die Janus, der Gott der extremen Dualität und Ambig uität, selbstherrschend und allmächtig thront. . . Alle komplizierten, organisch-einheitlichen und harmonisch-ganzen psychischen Gehalte scheinen im Judentum, wie durch einen ungeheuren inneren Fäulnisprozeß, gewissermaßen in ihre simplen Bestandteile zerlegt, in ihre Urelemente zersetzt zu sein. Und so erscheint das gesamte Judentum von jener Höhe als Volk der schärfsten Gegensätze. So haben es unsere bedeutendsten Denker und Darsteller der Gegenwart, die jene Höhe erklommen haben, gesehen. Achad Haam und Mathias Acher erblicken in dieser Gegensätzlichkeit den markantesten Zug des Judentums. Neben „den übermenschlichen Helden — untermenschliche Memmen, neben den glühenden Enthusiasten — kalte Rechner, neben den starren Reaktionären — zügellose Revolutionäre*. Auch Buber bezeichnet die Dualität als das Grundproblem des Judentums. Eine Dualität, die gegenwärtig ihren schärfsten gesellschaftlichen Ausdruck im Gegensatz „zwischen Wählenden und Geschehenlassenden, zwischen Zielmenschen und Zweckmenschen, zwischen Schaffenden und Zersetzenden, zwischen Urjuden und Golusjuden" findet. „Ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der Schönheit fähig und doch häßlich; lüstern und asketisch; ein Fanatiker oder ein feiger Sklave; — alles das ist der Jude." So empfindet das Judentum Jakob Wassermann, einer der feinfühlendsten jüdischen Darsteller, in dessen Wirken der zu neuem Schaffen wiedererwachte jüdische Geist stets und überall — wenn auch nicht immer augenfällig — zur Geltung gelangt. Es muß hier schließlich auch ein Bild eines jüdischen Künstlers erwähnt werden, in dem die jüdische Dualität gleichfalls ihren beredtesten Ausdruck findet: „Der Gegensatz" von E. Sli p j an.*) Da stehen sich zwei Gesichter gegenüber: Das eine — Andacht, Offenherzigkeit, Ernst und Keuschheit; das andere Zynismus, Hinterlist, Hohn und Lüsternheit. Es sind hier die beiden Janusantlitze voneinander getrennt und gegenübergestellt, wie es in den kritischen Zeitpunkten der jüdischen Geschichte so oft der Fall ist. Wir wollen hier zwei der markantesten Januserscheinungen anführen, die zwar ihrer allgemein historischen Größe und Bedeutung nach inkommensurabel, nach ihren national-historischen Wurzeln aber analog sind. Jesus und Judas — beide Juden, beide typische Juden. Beide sitzen an einem Tische. Der eine küßt den anderen und übt an ihm den schändlichsten Verrat. Zwei Jahrtausende später. Turmhoch gehen im Zarenreiche die Wogen und bringen alles Erhabene und alles Niederträchtige in der Menschenseele ans Tageslicht. Und wieder erscheinen die beiden Janusantlitze des jüdischen Geistes: Gerschuni und Azeff. *) Reproduziert im „Jüdischen Almanach" 5670. Wien 1910.

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