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Neue Nationalzeitung · 1910-12-23 · Heft 26 (23.12.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 26 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung' Nr. 26 Die Aufgaben der Gemeinde für Kultuszwecke zeigen sich ungenügend und unzureichend erfüllt. Die sämtlichen 57 Bethäuser enthalten 19.000 Sitzplätze für über 100.000 Gläubige; 18.494 Schulkinder haben nur 85 Lehrer. Das Bedürfnis nach einer größeren Zahl von Unterrichtsstunden bekundete sich darin, daß sich an 18 Schulen im Durchschnitt 94 Prozent der Schüler an der unobligaten zweiten Religionsstunde beteiligt haben. Gegenüber diesen großen Anforderungen müssen die zur Deckung erforderlichen Mittel mobilisiert werden. Die kleinen Leute dürfen sich der Beitragsleistung zum Kultus nicht entziehen und die Wohlhabenden müssen ihre Opferwilligkeit steigern. Für den Religionsunterricht, für die Kultusstätte, für die Linderung bitterster Not müssen die Mittel beschafft werden. Dr. F. K. * Massen-Ausweisungen galizischer Juden. Die galizische Scbänfeerfrage im ungarischen Reichstag. Budapest. Seit einigen Jahren erfreuen auch wir im »liberalen" und .gastfreundlichen* Ungarn uns eines strengen Einwanderungsgesetzes und der segensreichen Institution einer Grenzp o 1 i z e i, die mit Argusaugen darüber wacht, daß kein lebender galizischer Jude sich länger als ein paar Tage in Ungarn aufhalte. Das Wäre aber noch nicht das Schlimmste. Seit den glorreichen Tagen der Koalitionsregierung erläßt die Grenzpolizei in den nordöstlichen, an Galizien grenzenden Komifat^n immer häufiger Ausweisungsbefehle gegen völlig unbescholtene jüdische Familien, die schon jahrzehntelang im Lande wohnen, und hier zum Teil Grundbesitz erworben haben oder Inhaber größerer Handeisfirmen sind — ganz nach russischem Muster. Wie wenig der Regierungswechsel an diesem judenfeindlichtn Treiben geändert hat, beweisen die fortgesetzten Beschwerden und Wehklagen ausgewiesener Juden aus den Komitaten Märamaros, Ung. Zemplen usw., die in die Oeffentlicbkeit dringen und selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen Entrüstung gegen das unmenschliche Vorgeben der Grenzpolizei hervorrufen. So wird aus dem Grenzstädtchen Sztropkö gemeldet, daß dort in den letzten Wochen zahlreiche angesehene jüdische Bürger, die den Nachweis ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nicht erbringen konnten, kurzerhand ausgewiesen worden sind. Gegen den Gemeinderabbiner von Sztropkö, Salomon Halb er stamm, wurde bereits vor sechs Monaten ein Ausweisungsbefehl erlassen; er zog es vor, das ungarische Staatsgebiet zu verlassen, ehe ihm die Verfügung der Grenzpolizei zugestellt wurde. Dem Thorarollenschreiber Salomon Melamed, der seit 19 Jahren in Sztropkö wohnt und dort ein Haus im Werte von 6000 Kronen besitzt, wurde aufgetragen, mit seiner Familie das Land zu verlassen, sonst würde er nach Galizien abgeschoben. Hermann Perlmann, der seit dem Jahre 1900 im Städtchen wohnt und dort im Jahre 1904 gegen Entrichtung der vorgeschriebenen Taxe die Heimatsberechtigung erlangt hat, muß gemäß Verfügung der Grenzpolizei samt Familie das Land verlassen. Ebenso ergeht es dem Mayer Czigler, der seit 38 Jahren im btädtchen wohnt, 150 Kronen Staats- und Gemeindesteuern jährlich bezahlt, ein Grundstück im Werte von 8—10.000 Kronen und eine große Leder- und Eierhandlung — die größte im Bezirke Sztropkö — besitzt. Der 62jährige Rabbinatsassesor Hirsch Weinfeld wohnt seit 42 Jahren in Sztropkö und wurde im vergangenen Sommer zuerst durch den Bezirksrichter ausgewiesen. Er rekurrierte an den Vizegespan, der im September d. J. zu seinen Gunsten entschied. Trotzdem erhielt er dieser Tage wieder einen Ausweisungsbefehl seitens der Grenzpolizeihauptmannschaft. Das Allererbärmlichste besteht darin, daß die ungarischen Juden die Maßregeln gegen die „Galizianer" für gerechtfertigt erklären. Das hat dieser Tage der jüdische Abgeordnete Paul S a n d o r ia schamlosr»r Weise zum Ausdrucke gebracht. Als der klerikale Abgeordnete Huszar, einer der blutrünstigsten Hetzer, der ungadscbe Schneider, in einer Interpellation die" Vertreibung aller galizischen Juden verlangte und die Regierung aufmerksam machte, daß Hunderttausend durch die Propinationsauf- 1 a s s u n g brotlose Juden zum Neujahr nach Ungarn einwandern werden, erklärte d*r „Vollblut-Magyar" Sandor: ,Ich kann es^ nicht billigen, daß wir unsere Grenzen solche verzweifelte und arme Elemente überschreiten lassen, die hier im Lande auf die Staatsbürger israelitischer Konfession die größte Schande bringen.* Es fragt sich wirklich, ob nicht solche Individuen wie Herr Sandor mehr Schande auf die Juden bringen, wenn sie sich öffentlich zur Gesinnungspemeinschaft mit dem Propagator des Biutmärchens Herrn Huszar bekennen. Großbritannien. Die neuen jüdischen Parlamentsmitglieder. London, den 20. Dezember. (Orig.-Korr.) Die Neuwahlen haben den jüdischen Besitzstand sehr wenig beeinflußt. Trotz der überaus großen Anzahl jüdischer Kandidaten (37), haben nur sechzehn ihr Ziel erreicht. Jedenfalls haben die Juden ein neues Mandat erobert. Die früheren fünfzehn jüdischen M. P. sind ausnahmslos wiedergekehrt. Leider ist es dem bei den vorletzten Wahlen unterlegenen Mr. M. B.Strauß nicht gelungen, sein früheres Mandat in Mile-end den Unionisten abzunehmen; zum größten Bedauern der jüdischen öffentlichen Meinung, die in ihm den einzigen Vertreter jüdischer Interessen im Parlamente gesehen hat, ist sein konservativer Gegner mit zwei Stimmen Majorität gewählt worden. Nachstehend sende ich Ihnen die Liste der Gewählten : Abgeordnete von London. (U. Unionist; R. Radikal.) Gaptain H. M. J e s s e 1 (St. Pancras, South) (U.) Sir Philip Magnus (London University) (U.) Sir Harry Samuel (Norwood) (U.) Mr. Stuart Samuel (Whitechapel) (R.) Mr. A. Strauss (Paddington, North) (U.) Mr. E. A. Strauss (Southwark, West), neugewählt (R.) Abgeordnete der Provinz. Mr. Frank Goldsmith (Suffolk, Stowmarket) (U) Mr. G. S. Henry (Shropshire, Wellington) (R.) Sir Rufus Isaacs (Reading), General-Prokurator (R.) Sir Maurice Levy (Leicester, Loughborough) (R.) Sir Alfred M. Mond (Swansea) (R.) Hon. E. S. Montagu (Gambs, Chesterton), Unterstaatssekretär (R.) Mr. H. H. Raphael (Derbyshire, South) (R.) Mr. Lionel de Rothschild (Aylesbury) (U.) Right Hon. H. S. S a m u e 1 (Yorks, Cleveland), Postminister (R.) Sir E. A. S a s s o o n (Hythe) (U.) GEM&N0S=ün» V5ReiNSNMftfttßWN Prag. Der Verband der israelitischen R e~ ligionslehrer an den Mittelschulen in Böhmen veranstaltet in der Zeit vom 26. bis inklusive 29. Dezember d. J. seinen vierten Ferialkurs mit folgendem Lektionsprogramm: 1. Apologetik (Herr Rabb. Dr. S. Arie, Smichov); 2. Ueber Methodik des israelitischen Religionsunterrichtes (Fortsetzung, Herr Rabb. M. F r e u n d, Bodenbach); 3. Aus der Geschichte der Juden in Böhmen (Herr Rabb. Dr. M.Hoch, Jungbunzlau)-, 4. Einleitung in die Mischna und Gemara (Herr Dr. S. H. Lieben,. Prag); 5. Homiletisches (Herr Rabb. Dr.Kachmuth, Schüttenhofen). Beginn Montag, den 26. Dezember, um halb 9 Uhr vormittags, in einem Lehrsaale der Prager Talmud-Thoraschule, Joachimsgasse 3.

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