Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 „Neue National-Zeitung'* Seite 7 200 Emigranten — betrogen. Dieser Tage erhielt das Emigrationsbureau in Lodz ein Telegramm vom Zentralkomitee der „ICA" in Petersburg, worin es hieß, daß sich 200 jodische Emigranten in Ostrowo in arger Not befinden und daß sie Unterstützung bedürfen. Der Vorstand des Lodzer Emigrationsbureaus, Herr Julius Rosental, fuhr sofort hin und zog genaue Erkundigungen ein. Es stellte sich nun heraus, daß 200 jüdische Emigranten Emigrationsschwindlern zum Opfer gefallen sind. Die geübten Schwindler haben bei den unglücklichen, ahnungslosen Emigranten das Geld für die ganze Fahrt einkassiert, sie aber nur unter Gefährdung ihres Lebens über die Grenze geschmuggelt. In Ostrowo verschwanden plötzlich die Schwindler und ließen die Emigranten ohne Reisekarten und Geld zurück. In ihrer Bedrängnis wandten sich die unglücklichen Emigranten telegraphisch an das Zentralkomitee der „ICA" flehentlich um Hilfe. Herrn Rosental gelang es unter Mithilfe des Rabbiners von Ostrowo, Dr. N e u h a u s, die 200 Emigranten vorläufig unterzubringen. In Lodz wird auf Initiative des Emigrationsbureaus demnächst eine Beratung stattfinden, was man mit den 200 unglücklichen Emigranten anfangen soll. * Neue Schwierigkeiten auf Ellis Island. Wie berichtet wird, hat der „schneidige" Einwanderungskommissär auf Ellis Island, Williams, mit neuen Maßregeln eingesetzt. Durch dieselben soll die Einwanderung der Juden noch mehr erschwert werden. Bis jetzt genügte es, wenn ein amerikanischer Bürger durch eine Zuschrift an das Einwanderungsamt die Verantwortlichkeit für einen Einwanderer auf sich nahm und dieser wurde durchgelassen. Laut der neuen Verordnung wird dieser Vorgang nichl mehr zulässig sein, sondern der betreffende amerikanische Bürger wird, ohne Rücksicht auf die Entfernung seines Wohnsitzes, verpflichtet sein, persönlich in Ellis Island zu erscheinen und den Einwanderer, für den er haftet, persönlich zu übernehmen. Ebenso werden von nun an die Männer ihre Frauen und Kinder persönlich übernehmen müssen, während es bis jetzt genügt hat, daß das Einwanderungsamt amtlieh festgestellt, daß die eingewanderten Frauen oder Kinder ihre Männer, bezw. Väter tatsächlich in Amerika haben. * Neue Schutzmassregeln für die jüdischen Einwanderer. Am 4. Dezember hat in New-York im Verein zum Schutze der Einwanderer „Hebrew Sheltering and Immigrant aid Society" eine Konferenz der maßgebensten Repräsentanten jüdischer Organisationen stattgefunden, um behufs Ueberwachung der vier Seehäfen, in New-York, Boston, Philadelphia und Baltimore, und der gleichen Verteilung der Einwanderer über alle Provinzen einheitliche Normen festzusetzen. Es erschienen: Für die New-Yorker Gemeinde Jakob Schiff, für das Jewish-Komitee Cyrus Sulzberger, Richter Byur und Samuel Dorf und für den Verband der jüdischen Kongregationen Max K o h 1 e r. Es ist erfreulich, daß die schärferen Maßregeln der Behörden auch jüdischerseits entsprechende Abwehr finden. * Die Einwanderungsfrage im türkischen Parlament. Ganz unvorhergesehenerweise kam im Parlamente jüngst die Frage der Einwanderung zur Erörterung, und auch die jüdischen Emigranten wurden dabei erwähnt. Es handelte sich um Bewilligung eines Staatskredits für die Ansiedlung der bosnischen Mohadschirs in Mazedonien. Die bulgarischen Abgeordneten bekämpften die Regierungstaktik, welche darauf hinausläuft, das islamische Element in dieser Provinz auf Kosten der Griechen und Bulgaren zu verstärken, und wiesen darauf hin, daß die ganze Aktion, weil sie eine künstliche sei, nur sehr geringe Erfolge aufzuweisen habe. Im ganzen seien innerhalb der letzten drei Jahre nur 8000 Personen angesiedelt worden. Der Grieche Boscho Effendi meinte, die Immigration als solche sei dem Lande sehr nötig und gleich vorteilhaft, ob nun die Einwanderer Türken, Christen oder Juden seien; nur müssen Ungerechtigkeiten vermieden werden, welche Erbitterung hervorrufen könnten. Zum Schlüsse der interessanten Debatte wurde der verlangte Kredit bewilligt, unter der ausdrucklichen Bedingung, daß noch vor Votierung des Budgets die Regierung das langerwartete allgemeine Einwanderungsgesetz der Kammer vorzulegen habe. So wird denn also noch in diesem Winter, vielleicht sogar in einigen Wochen schon, eine der wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart in der türkischen Volksvertretung zur Besprechung und zu einer ersten Lösung kommen. ';K0K^P0NDSNZ£S Oesterreich-Ungarn. Zu den Wiener Kultuswahlen. Wien. In dem Bericht© der letzten Nummer über die Wahlen in der höheren Kurie haben wir irrtümlich angegeben, daß Herr Wilhelm P a p p e n h e i m als oppositioneller Kandidat aufgetreten ist. Tatsächlich war Herr Max Z i r n e r selbständiger Kandidat und ist als solcher gewählt worden; Herr Pappenheim ist aber trotz der Unterstützung durch den Vorstand und die Allianz unterlegen. Wir erhalten von einem Kultuswähler nachstehende Betrachtung über den Bericht des Kultusvorstandes: Es sind interessante statistische Daten in dem Berichte enthalten, welche die Publizistik verpflichten, dieselben zu erörtern. In erster Linie heben wir die eigen geartete Besteuerungsform der Kultusgemeinde hervor — kleinster Steuersatz 20 Kronen. Dadurch wird bewirkt, daß bei 180.688 Gemeindemitgliedern nur 25.276 der Besteuerung unterzogen werden können. Würden Steuersätze von 5 und 10 K eingeführt werden, so könnten hieraus der Gemeinde mindestens weitere 150.000 K Steuerbeträge zufließen; es würde auch ein bedeutender moralischer Gewinn durch die Heranziehung der großen Anzahl Glaubensgenossen erzielt werden, welche heute von einer Einflußnahme auf die Kultusgemeinde ausgschlossen sind. Die Statistik zeigt uns in krassen Ziffern den großen Notstand. Der Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen mußte 22 Prozent aller jüdischen Wöchnerinnen in Wien unterstützen. Mehr als ein Fünfteil aller Mütter in Wien geht der Niederkunft mit dem Schrecken um die Erhaltung des täglichen Brotes für sich und die Familie entgegen. Die Pietät für seine Toten ist dem Judentum eingeprägt. Das Letzte wird zur feierlichen Bestattung der teuren Lieben aufgebracht. Von den Beerdigungen des Jahres 1908, in Summe 2343, waren nur 901 bezahlte und 1442 unentgeltliche, im Jahre 1909 von 2331 Beerdigungen 965 bezahlte. Von den bezahltenBeerdigungen fielen 533 beziehungsweise 581 der billigsten 4. Klasse zu.