Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Netie National-Zeitung" Nr. 26 Bahnkarten nach Rotterdam, nahm ihr den gewöhnlichen Paß ab und trog in ihren Gouverneur-Pass noch eine Familie aus neun Personen ein. In Sosnowitce wurde von der Gendarmerie die Fälschung entdeckt. Nur dank der Bemühungen des Informationsbureaus in Sosnowice gelang es, sie zu befreien; aber man gab ihr zwei Kinder von der anderen Emigrantin, die der Fälschung wegen verhaftet wurde, mit. Nun blieb sie in Myslowitz und und wußte nicht, was sie mit den Kindern anfangen soll. Der Emigrant Reismann bezahlte einem Reiseagenten 127 Rubel bis Boston, mußte aber in Myslowitz bleiben, da der Agent das Geld nicht abgeschickt hatte. Alle, die in Myslowitz warten müssen, werden in zwei separaten Zimmern — eines für Jaden, das andere für Nichtjuden — wie Häftlinge angehalten. In diesen Räumen herrscht eine erstickende Athmosphäre. Schlafen muß man am Fußboden — Männer und Frauen zusammen. Als ich den Herrn Weichmann darauf aufmerksam machte, tat er, als ob er nicht glaubte, ging mit mir hin und überzeugte sich von der Wahrheit meiner Behauptung; er rechtfertigte es damit, daß die Schlafzimmer die ganze Nacht hindurch elektrisch beleuchtet sind . . . Der Herr Rabbiner hatte wiederholt den Herrn Weichmann ersucht, wenigstens Strohsäcke für die Emigranten beizuschaffen, was Herr Weichmann zwar versprochen, aber bis heute noch nicht erfüllt hat. Auf die Frage, warum er den Emigranten völlig die Bewegungsfreiheit raube, antwortete Herr Weichmann, daß er auf diese Weise die Emigranten vor — Schwindlern schützen wolle. Viele sind aber der Meinung, daß er dabei bloß seinen eigenen Vorteil im Auge habe. Jeder Emigrant zahlt für Bad und Desinfektion 2 Mark: ein hübsches Einkommen. So sind z. B. an dem Tage meiner Ankunft 700 Emigranten eingetroffen und das trug ihm schon 1400 Mark ein. Für vermögendere Emigranten gibt es in Myslowitz auch ein Hotel. Man zahlt 2,50 bis 3 Mark täglich für ein Zimmer und findet auch ein gutes Restaurant. Herr Weichmann hatte seinerzeit versprochen, auch für ärmere Emigranten eine entsprechende Einrichtung zu treffen, wo es bloß 25 Kopeken pro Nacht kosten sollte. Auch eine koschere Küche sollte er einrichten, aber dieses Versprechen hat er ebenfalls nicht eingehalten. Bekanntlich werden auf allen Kontrollstationen Vertreter der Grenz-Komitees zugelassen, deren Aufgabe es ist, den Emigranten an die Hand zu gehen. Nur auf der Kontrollstation werden die Vertreter der Sosnowicer Komitees nicht zugelassen und die Agenten könnten ungehindert die armen Emigranten bis zum letzten Blutstropfen aussaugen. DIE JÜDISCHE Die Arbeit des Einwanderiingskomitees beendet. Das vor drei Jahren vom Kongreß der Vereinigten Staaten bestellte Komitee zum Studium der Einwanderung hat seine Arbeiten beendet und seinen Bericht in vierzig Bänden niedergelegt. Die Resultate, zu denen das Komitee gelangt, können für die jüdische Einwanderung verhängnisvoll werden. Es dürfte zu weiteren Einschränkungen der Einwanderung kommen, doch werden dieselben in dem Geiste gehandhabt werden, um speziell nur Juden den Eintritt zu verwehren. Da in letzter Zeit die Einwanderung der Iren und Deutschen abnimmt, so bleiben nur die Italiener, Slaven und Juden als Material übrig. Die Slaven werden jedoch als Minen- und die Italiener als Eisenbahnbau-Arbeiter dringend benötigt, da sich Amerikaner zu so schweren physischen Arbeiten nicht hergeben. Die ganze Wucht des Verbotes würde also auf die Juden niedersausen, und dieselben amerikanischen Großkapitalisten, die ihre Arbeiter aussaugen, verfallen plötzlich in EniQRflTION. Humanitätsduselei und erklären, die Arbeiter gegen die Lohndrückerei der Einwanderer schützen zu müssen. Wir werden auf die Arbeiten des Komitees noch ausführlich zurückkommen. * Die Auswanderung nach Galveston. Wie wir bereits ausführlich geschildert haben, wurde die seitens der russischen Ito-Gesellschaften geförderte Auswanderung nach Galveston durch Maßregeln des dortigen Einwanderungskommissärs bedeutend erschwert. Derselbe hat in letzter Zeit zahlreiche Einwanderer mit der Motivierung zurückgeschickt, sie seien contract labourers, weil ihnen die jüdische Emigrationsgesellschaft in Kiew die Reise erleichterte. Diese ganz ungesetzliche Praxis ist über Veranlassung des Einwanderungsamtes in Washington wieder abgeschafft worden. Von der letzten Emigrantengruppe wurde nur ein Individuum zeitweilig zurückgehalten, schließlieh aber zur Landung zugelassen. Ueber den Stand der Einwanderung der Juden nach Galveston finden wir in der letzten Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" einen sehr interessanten Artikel von J. Lestschinsky. Daraus ergibt sich, daß bisher nach Galveston 2572 Personen expediert wurden; durchwegs im Alter von unter 45 Jahren. Die Männer bilden darunter 84-4 Prozent, die Frauen dagegen — eine sehr auffallende Tatsache — nur 15*6 Prozent. Ihrem Berufe nach waren die meisten Emigranten Handwerker, und zwar Schuhmacher, Schneider und Tischler; die Frauen dagegen zumeist Schneiderinnen und Weißnäherinnen. Beinahe zwei Drittel der Auswanderer entfallen auf die kleinsten Städte,, wo die Verarmung der jüdischen Bevölkerung ungeheuere Dimensionen angenommen hat. Leider finden wir in dem Artikel gar keine Daten über die Schicksale der Emigranten in ihrer neuen Heimat. *