Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Neue National-Zeitung** Seite 5 polnischen Geistlichen, der gewesene Geistliche Anton Szech, hat in einem flammenden Proteste die Niederträchtigkeiten der Kompagnie Niemojewski-Unschlicht gebrandmarkt. Alles, was in Polen ehrlich denkt und fühlt, hat sich dieser Stimme angeschlossen. Muß gerade diese Ohrfeige auch Herrn Prus treffen? Man kann die große Tintenschlacht als beendet betrachten, trotzdem Herr Niemojewski in jeder Nummer seines Blättchens verspricht, in der folgenden Nummer eine gründliche „Abrechnung" mit dem Judentum zu geben. Die erste Phase hat so viel Staub aufgewirbelt, so viele reine Schilder mit Kot beworfen, daß man überall das Bedürfnis fühlt, ein Ende dieser Diskussion zu machen. Die Zukunft wird zeugen, ob dieser ersten Phase der Schlagwörter die Taten folgen werden. Jedenfalls sind verschiedene Ueberraschungen noch zu erwarten. Dr. M. Morrison. T)as Martyrium der jüdischen Emigranten. in. Wir haben bereits in unserem vorigen Jahrgange (1909, Nr. 3 und 18) ausführlich das schreckliche Los der russischjüdischen Emigranten geschildert, die nach vielen psychischen Qualen und physischen Strapazen von Schmugglern und Agenten ausgeplündert, in den Kontroll-Stationen an den russischpreußischen Grenzen den ärgsten Chikanen ausgesetzt sind. Wiewohl seitdem über ein Jahr verstrichen ist, haben sich die Verhältnisse in den meisten Kontrollstationen keineswegs geändert. Die Emigranten sind weiter Opfer der Ausbeutung und menschenunwürdigsten Behandlung. Der folgende Aufsatz, den wir der letzten Nummer des Petersburger „Der jüdische Emigrant" entnehmen, mit seinen haarsträubenden Einzelheiten über das Martyrium der jüdischen Emigranten in der Nähe der ös terreichisehen Grenze, wird unseren Lesern gewiß die Notwendigkeit einer raschen Organisation des Emigrantenschutzes vor Augen führen. Die Kontrollstation Myslowitz. Als ich die Grenze bei Podwoloczyska passierte, bemerkte ich gleich, wie sehr die Emigranten darunter zu leiden haben, weil sie keineVertrauensperson auf der Station erwartet, die ihnen bei verschiedenen Vorkehrungen, wie Besorgung eines Billets, Zusammenstellung der Reiseroute u. dgl. behilflich wäre. In der Station traf ich vier Emigrantenfamilien. Zwei von ihnen wollten mit Schiffskarten des Reiseagenten Kreimer in Schmerinke über Rotterdam nach Argentinien fahren. Der Agent hat ihnen auch Kopfsteuer berechnet, obwohl es nur in den Vereinigten Staaten eine Kopfsteuer gibt. Als ich ihnen das Geld wechselte und Bahnkarten löste, wußten sie mir nicht genug für diese Kleinigkeit zu danken. Das beweist wieder einmal wie not es tut, auf jeder Grenzstation einen Vertreter des Informations-Bureaus anzustellen, damit sich die Emigranten nicht so ganz verwaist fühlen. Das eigentliche Martyrium beginnt für die Emigranten erst recht in Myslowitz. Wer auf die Frage der Grenzbeamten, ob jemand nach Amerika fahre, mit „ja" antwortet, wird sofort in die „Auswanderer-Halle" gejagt. Oft passiert es, daß auch solche Emigranten hiezu verhalten werden, die obige Frage verneint haben. Aber der Grenzbeamte glaubte es nicht. So wurden in meiner Gegenwart Emigranten, die nach Wien, nach Amsterdam oder nach Berlin fahren wollten, auf längere Zeit zurückgehalten, weil sie unter dem Verdachte standen, nach Amerika fahren zu wollen. Manche wurden nach einigen Stunden freigelassen — und sie freuten sich, als wären sie einem schweren Kerker entkommen. Die „Auswanderer-Halle" ist ein großes Haus, mit einem hohen Zaun umgeben und in einige Räume geteilt. In einem Raum befindet sich ein „Büffet", wo Brot, Wurst, Häringe usw. verkauft werden. Koschere Selchwaren sind dort nicht zu haben, obwohl Herr Weich mann, der Besitzer dieser „Auswanderer-Halle", dem Rabbiner Dr. Winter wiederholt das Versprechen gegeben hat, einen jüdischen Verkäufer für die „Halle" zu bestellen. Der Sohn des Herrn Weichmann erklärte mir diesbezüglich, er sei bereit, einen jüdischen Verkäufer aufzunehmen, wenn ihm der Herr Rabbiner einen empfehlen werde. Der Vater hingegen weigerte sich, einen jeden beliebigen zuzulassen. Die Kontrollstation sei das Allerheiligste — und einen Passenden müsse er sich selbst aussuchen. Kommen Emigranten an, so werden sie sogleich, von den früher Angekommenen getrennt, in einem Zimmer versammelt; Schiffs- und Bahnkarten werden ihnen abgenommen und ein jeder hat anzugeben, wohin er fährt, wie viel Geld er mit sich hat und dergleichen mehr. Sodann werden sie sämtlich von einem Arzt untersucht und zum üblichen Bad geführt. Hier werden die Emigranten gewaschen und ihre Kleider desinfiziert. Nach dem Bade werden alle Emigranten gerufen, deren Papiere und Dokumente in Ordnungv sind. Dabei kommen herzzerreißende Szenen vor. Ich will hier einige charakteristische Fälle beschreiben, die sich während meines Aufenthaltes in Myslowitz ereigneten. Jammernd und weinend kam auf mich ein 27—28jähriger Mann zu, und als er sich wieder beruhigte, erzählte er, er fahre nach New-York und habe statt 50 blos 40 Rubel, weshalb man ihn nach Rußland zurückschicken wolle. Da er aber die Grenze ohne Reisepaß passiert habe, werde er unter polizeilicher Aufsicht nach Sosnowitz zurückgeschickt werden. Darauf sprach mich eine Emigrantin namens Zikiniwker aus Pirinez an. Sie hatte von ihren Kindern eine Schiffskarte erhalten, die bei dem Reiseagenten Izkowitsch in Buenos- Aires gekauft war. Dieser Agent stellte aber bloß eine Anweisung auf seinen Bruder in Odessa aus. In Myslowitz stellte sich heraus, daß Herr Izkowitsch das Geld nicht abgeschickt habe. Die Emigrantin hatte bloß 150 Rubel und sie fürchtete, man werde ihr Gepäck, das sie rechtzeitig nach Hamburg expediert hatte, dort verkaufen, da es nur einen Monat liegen darf. Man telegraphierte ihrem Sohn nach Pirinez um 40 Rubel; vorläufig blieb sie auf der Kontrollstation und hungert, sie traut sich nicht, nur die geringsten Ausgaben zu machen, damit es ihr nicht wieder an dem nötigen Geld fehle. Dem Emigranten Scheinman nahm der Reiseagent Gitelmann aus Pinsk die Bagage-Quittung ab und übergab dieselbe dem Agenten Schwarz aus Bendin. Das Gepäck ist aber nicht angelangt und der Emigrant muß darauf warten. Den Brüdern Rappoport aus Letitschew hatte der dortige ReiseagentKontorschtschik Geld abgenommen, u. zw. 133 Rubel dem einen für eine Schiffskarte und Grenzschmuggel, 28.60 Rubel dem zweiten, der einen Reisepaß hat, für eine Bahnkarte bis Rotterdam. Er übergab ihnen ein Schreiben an Herrn Weichmann mit einer verabredeten Nummer. Der Grenzschmuggler vernichtete aber dieses Schreiben und nun will sie der Herr Weichmann nicht expedieren, bis er eine Bestätigung von Herrn Kontorschtschik erhalte. Es endete schließlich damit, daß die Emigranten Rappoport aufs neue zu je zwölf Rubel eingezahlt haben. Aber nicht jeder Emigrant ist in der glücklichen Lage, über überschüssiges Geld zu verfügen. Derselbe Reiseagent Kontorschtschik hat noch folgendes inszeniert. Er verkaufte einer Emigrantin mit drei Kindern