Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 26 erst eine persönliche Erfahrung. Niemojewski schien es, daß die polnische Presse, die von Juden redigiert war, ihn in allen seinen Kämpfen nicht genügend unterstützte. Dieser subjektiven Wahrnehmung gesellte sich noch die Feststellung der Tatsache bei, .daß die Juden es sehr gerne sehen, wenn der Katholizismus kritisiert wird, aber sofort aufgeregt werden, wenn am Judentum gerüttelt wird. Zuletzt wieder eine subjektiv höchst unangenehme Wahrnehmung, daß fast alle seine Gegner ihn als Judenknecht bekämpften, in ihm nur den Soldknecht des internationalen jüdischen Trusts zur Desorganisierung des Christentums sahen. Dies war natürlich Niemojewski höchst unangenehm und auch unbequem, und um sich von diesen infamen Verdächtigungen reinzuwaschen, beschloß Niemojewski darüber nachzudenken, inwieweit das Judentum, die jüdische Psyche imstande ist, das Ariertum zu begreifen und zu würdigen. Er ist ganz natürlich zur Ansicht gekommen, daß man die arische Seele von jedem semitischen Schauer befreien, daß man den Einfluß des zersetzenden, in ihrem innersten Wesen ganz fremden asiatischen Elementes gänzlich einzudämmen, ihn aus der polnischen Seele gründlich auszumerzen hat. Niemojewski als folgsamer Schüler des Houston St. Chamberlain, als fleißiger Interpret des Herrn Eugen Dühring ist ein Schauspiel für Götter! Seit Schopenhauer ist jeder gekränkte Schriftsteller diesen Weg gegangen und hat im Judentum den Grund seiner schwindenden Popularität gesehen. Das Gewissen hat aber Niemojewski gesagt, daß er auf einem Holzwege ist und um sich zu beruhigen, suchte er in ganz Europa Bundesgenossen für seine „Theorie". Er wollte sich natürlich nicht auf Chamberlain oder Hartmann berufen, er versuchte bekannte Sozialisten für sich zu reklamieren. Er hängte sieh zuerst an die Rockschöße des Franzosen Jaures, wurde aber erbarmungslos preisgegeben. Vom Berliner „Vorwärts" erfuhr er eine gründliche Abfertigung, die er sich hinter die Ohren schreiben wird. Auch der Wiener Sozialdemokrat Dr. Otto Bauer, der bekannte Verfasser des Werkes „Die nationale Frage und die Sozialdemokratie", hat energisch dagegen protestiert, als Kronzeuge für Herrn Niemojewski zu fungieren. Ich kann mir vorstellen, wie diese Refus den Herrn Niemojewski schmerzen mußten. Er erhob also ein Wutgeheul gegen diese „Maffia" und verwandelte sein Blatt in ein Sammelsurium der blödesten Verunglimpfungen, der niederträchtigen Ehrabschneidereien. Er konnte sich aber auf einen Zeugen berufen, natürlich auf einen Juden, auf einen gewissen Herrn Unschlicht. Dieser ganz und gar nicht schlichte Mann erlaubte sich in einer „historischen" Betrachtung darauf hinzuweisen, daß die Juden Polenpogrome-in Polen veranstaltet haben. Diese perfiden, der Phantasie eines Tollhäuslers entsprungenen Gedanken zu begründen, war das leichteste für den Herrn Unschlicht. Er wies nämlich darauf hin, daß die polnische Sozialdemokratie (S. D. K. P. i L.), die Rivalin der P. P. S. (diese polnische Sozialdemokratie unterscheidet sich von der früheren dadurch, daß sie auch die Unabhängigkeit Polens in ihrem Programme hat), verschiedene Streiks provoziert hat, um den polnischen Arbeiter wehrlos den Kosaken- Nagajken auszuliefern. Da es bekannt ist, daß die S. D. K. einen jüdischen Generalstab hat, so liegt also die Schlußfolgerung sehr nahe, daß die Juden in ihrem Interesse dieses Blutbad veranstaltet haben. Dieser Gedanke richtet sich von selbst. Nur — wie gesagt — die Phantasie eines Verbrechers oder Tollhäuslers konnte ihn ausbrüten, aber für Herrn Niemojewski war der Artikel geradezu wie geschaffen. Dieser eine Artikel genügt schon, um das hohe Niveau der Diskussion, die Niemojewski inaugurierte, zu charakterisieren. Die Hypothese des antijüdischen oder ajüdischen Fortschritts wurde weit und breit in der polnischen Presse diskutiert Hier ist es Herrn Niemojewski gelungen, zwei Stimmen für sich zu gewinnen. Zuerst ist für ihn die bekannte polnische Frauenrechtlerin Iza Moszczenska eingesprungen, die bis zu dieser Stunde ganz ruhig in den jüdischen Zeitungen — ich meine hier die polnischen Blätter, die von Juden redigiert waren — gearbeitet hat, um erst von Niemojewski an die Verseuchung des Fortschrittes durch das Judentum erinnert zu werden. Lassen wir das hysterische Frauenzimmer, die immer „dabei" sein muß, wo gerauft wird, ruhig ihrem Schicksale und wenden wir uns an den Herrn B. Prus, der, wie gesagt, Niemojewski nicht im Stiche lassen wollte. Herr Prus ist Feuilletonist einer bekannten polnischen Zeitschrift „Tygodnik Illustrowany", welche dem hochangesehenen, aber schon senilen Schriftsteller freie Bahn läßt und sich nicht wagt, ein Wort dreinzureden. Was wirft Prus dem Judentum vor? Viel, sehr viel. Zuerst ist er der Meinung, daß es zu viel Juden in Polen gibt. Er kann die größeren jüdischen Massen nicht vertragen. Er ist kein Antisemit, schätzt und achtet den einzelnen Juden, der arbeitsam und fleißig ist, nicht trinkt und nicht sauft, aber die Massen des jüdischen Volkes kann er ruhig nicht ansehen. Sie reizen ihn zum Protest. Er ist besorgt, daß die Juden auch Eigentümer von Häusern sind, er möchte, wie man sieht, das Judentum nur auf die Lumpenproletarier, die ehrlich sind dabei des Hungers zu sterben, beschränken. Nehmen wir aber an, daß Herr Prus Recht hat, daß jedes Land nur eine gewisse Zahl, ein gewisses Quantum von Juden vertragen kann, entsteht jetzt für jeden denkenden Menschen nicht die Frage: WTas nun? Welche Mittel soll man anwenden, um dem Uebel vorzubeugen? Auf welche Weise kann man der Lage gerecht werden, ohne gegenseitige Verbitterungen zu erregen, ohne Haß zu säen, deren Blumen wie Gift auf den Charakter beider Völker wirken? Dieser Frage weicht Prus mit großer Vorsicht aus. Man vermißt gänzlich die Stimme der Liebe und hört nur die Stimme des tiefen Grolles, der gekränkten Eifersucht, des unter der Schwelle des Bewußtseins bis jetzt schlummernden, aber nun aufgeweckten Hasses. Prus übernimmt alte Mätzchen, glaubt inbrünstig an die feste Organisation des Judentums zum Zwecke der Ausbeutung des polninischen Volkes, und geberdet sich wie ein Reaktionär echtesten Schlages, wenn er faselt, daß deutsche Fabrikanten die spontan ausbrechenden, mit vehementer Kraft sich verbreitenden Streiks des polnischen Proletariats provoziert oder unterstützt haben. Bitte, Herr Prus, so sprechen die polnischen Kapitalisten und Fabrikanten! Cui bono wiederholen Sie diese Verleumdungen, ohne sich Mühe zu geben, sich nach ihrer Richtigkeit zu überzeugen? Warum degradiert sich Herr Prus zum Schüler des Meisters Unschlicht und spricht gehorsam dem Lehrer die blödsinnigen Verleumdungen nach? Einer der ehrlichsten