Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 .Neue National-Zeitung" eingewurzelten Hasse blickt er auf denselben herab. Als Illustration dient uns ein kleines, aber charakteristisches und vielsagendes Beispiel. Die russische Literatur ist in Polen bei weitem nicht so populär wie die deutsche oder gar die französische. Die Gorkis und Tschechows finden in Polen nicht so viel Bewunderer wie in Westeuropa, die minutiöse Psychologie des mystisch verschwommenen, realistischen Romans hat keinen oder fast gar keinen Einfluß auf die zeitgenössische polnische Literatur ausgeübt Sind doch die gewaltigsten Koryphäen Rußlands, Dostojewski und Tolstoi, nicht mit vollständigen Uebersetzuugen ihrer Werke in Polen vertreten! Der russische Tschinownik täuscht sich auch über die Gefühle des polnischen Volkes ganz und gar nicht; im Gegenteil, er rechnet auch bei der nächsten diplomatischen Verwicklung, die in einen Krieg ausarten könnte, mit dem natürlichen und höchstwahrscheinlichen polnischen Aufstande. Während des russisch-japanischen Krieges haben die Polen geglaubt, daß der Moment gekommen ist, ihre innig ge^ liegten, mit größter Sorgfalt gepflegten Träume von der Eroberung der politischen Selbständigkeit zu verwirklichen. Die Stunde hat für das polnische Volk noch nicht geschlagen, aber beide Gegner stehen mit dem Gewehr bei Fuß. Deshalb sieht es der russische Bureaukrat sehr gerne, wenn die geplagten litauischen Juden, die der Einflußsphäre der polnischen Kultur völlig entrückt sind, sich massenweise in den polnischen Städten zusammenpferchen. Anderseits wecken die litauischen Juden, die „Litwakim", bei den Polen ein, wie wir gesehen haben, in gewisser Hinsicht gerechtfertigtes Mißtrauen. Der „Litwak" stellt den polnischen Idealen wirklich fremd gegenüber, er ist durch und durch Jude und außerhalb des Judentums wird er den Russen hervorkehren, statt den Polen zu spielen. Der Pole hat ein wichtiges Interesse daran, in diesen „Litwak" den Bundesgenossen zu finden, ihn für die polnischen Ideale zu gewinnen — oder eine vernünftige Emigration der Juden zu unterstützen. Vorteilhafter wäre es, beide Wege einzuschlagen. Einerseits liegt es im polnischen Interesse, den Juden die vollständige Gleichberechtigung, insoferne es nur in der Macht der polnischen Bevölkerung liegt, zu gewähren, ihnen gegenüber das Prinzip des europäischen Humanismus hochzuhalten, im Gegensatz zum asiatischen Knutentum der Russen, anderseits aber eine großangelegte jüdische Emigration ins Leben zu setzen, um die überflüssigen Elemente abzulenken. Eine solche vernünftige Politik wäre eigentlich von einem kulturell so hoch stehenden Volke zu erwarten, aber leider müssen wir konstatieren, daß die Polen die Situation gänzlich verkannt haben und in eine Sackgasse geraten sind, die für sie verderblich werden kann. Die Diskussion in der russischen Duma hinsichtlich der Gleichberechtigung der Juden in Polen hat hinlänglich bewiesen, daß den polnischen führenden Politikern, die fast alle der berüchtigten allpolnischen Partei entstammen, das Verantwortlichkeitsgefühl abhanden gekommen ist. Traurig nur ist es, daß ein Jude den Mut finden konnte, diese schallenden Ohrfeigen mit einer tiefen Verbeugung zu quittieren, diese für beide Teile unglückselige, verbitternde Politik zu verteidigen. Ich meine hier den bekannten Dr. J. N u ß b a u m in Warschau. Ich habe diese Politik eine unglückliche und verbitternde genannt, und mit vollem Rechte. Es scheint, daß die Vernunft in Polen nichts zu suchen hat, daß das politische Denken noch in den Kinderschuhen steckt. Wenn man die am Anfange dieses Briefes erwähnte Diskussion in den polnischen Blättern ins Auge faßt, so muß man zur Ansicht gelangen, daß die polnische Publizistik über die Phase der Reizsamkeit nicht hinauskommen kann. In der Luft schwirren nur Schlagwörter, wie Rasse, Ariertum, Semitentiim, herum, ohne eine objektiv kalte Stellungnahme zu allen diesen Fragen zu suchen. Die Angelegenheit hat deshab auf sich die weitere Aufmerksamkeit gelenkt, weil die Wortführer und Bannerträger dieser neuen antisemitischen Hetze Deserteure des linken Flügels des radikalen Bürgertums sind, Männer, die mit dem Sozialismus immer geliebäugelt und im Klerikalismus den Erzfeind gesehen haben. Betrachten wir diese Männer genauer, denn das Studium dieser schnellen Evolution ist ziemlich interessant. Sehen wir hier gänzlich von Kasimir Ehrenberg ab, einem Publizisten, der vor Jahren in Krakau das antisemitische Blatt „Glos Narodu" („Die Volksstimme") im rüdesten Ton redigiert hat. In Warschau hatte er zwar seine Leier am Nagel gehängt und hat sich in einen fortschrittlichen Demokraten verwandelt, aber diese Mauserung hat ihm niemand geglaubt Er war, wenn ich mich so ausdrücken darf, erblich belastet. Sein Rückfall ist an sich also keine Ueberraschung. Aber überrascht haben uns zwei polnische Schriftsteller, deren Schild bis jetzt rein und um deren Zukunft uns bange ist. Ich meine hier Andrzej Niemojewski und Boleslaus Prus. Wenn auch der zweite der berühmtere ist — B. P r u s ist ein gefeierter polnischer Romancier, den man in Polen neben Heinrich Sienkiewicz stellt — muß man doch zuerst die Aufmerksamkeit auf Niemojewski lenken, weil ihm der Ruhm gehört, die Diskussion pikanter gemacht, persönlich gefärbt und in den Straßenkot herabgezerrt zu haben. Niemojewski war ein bekannter polnischer Lyriker, ein Dichter des Proletariates, der Verfasser der herrlich-schönen „Polonia Irredenta". Eine starke Bekennernatur sprach zu uns aus allen seinen Werken. Mit flammendem Pathos verkündete er in seinen Werken seine freie, himmelanstürmende Weltanschauung, mit berückender Begeisterung nahm er sich der Enterbten an. Dabei blieb er ein kecker Drauflosgeher und schon damals trug ihn sein feuriges Temperament durch, ohne daß Niemojewski den Versuch gemacht, es bewußt zu lenken. Nicht selten geriet er mit allen polnischen Brunnenvergiftern in Streit, gar zu oft kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit den reaktionären! Machthabern, die die polnische Presse und das polnische Leben beherrschten. Als vor einem Dezennium die klerikale galizische Zensur seine „Christus-Legenden", eine poetische Paraphrase der Renanischen Auffassung des Christentums, konfisziert hat, hat er den Wahlspruch Voltaires „Ecrasez l'infame" zu dem seinigen gemacht und eine Revue „Mysl Niepodlegla" („Der unabhängige Gedanke") gegründet, in welcher er seine Weltanschauung vertrat und die Religion von den Fesseln jeder kirchlichen Dogmatik befreien wollte. Die Frucht dieser seiner Studien bildet das auch ins Deutsche übersetzte Werk „Gott-Christus", das überall mit großem Interesse aufgenommen wurde. Was ist nun geschehen, das diesen feurigen Paulus wieder in einen Saulus rückwandelte? Zu-