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Neue Nationalzeitung · 1910-12-23 · Heft 26 (23.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 26 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 26 zuschaffen und dann in verschiedene Kanäle zuverteilen, um in den weitesten Kreisen der christlichen Bevölkerung Vorurteile gegen das Judentum zu zerstreuen, Angriffe zu widerlegen, Bosheiten und Verleumdungen den Boden zu entziehen. Der Verstorbene erzählte mir oft stundenlange die Einzelheiten dieser Aktion, die ich als diskret nicht preisgeben kann. Aber ich hörte ihm gerne zu; ich habe viel bei ihm gelernt. Ein so "universeller Geist konnte sich unmöglich auf die Abwehr-Aktion beschränken. Ihm, der, um ein dichterisches Wort Mickiewicz* anzuwenden, für eine Million fühlte, den die Leiden von Millionen verfolgter Juden niederdrückten, war es klar, daß die jüdischen Volksmassen nur auf ihrem historischen Boden, in ihrem alten Heimatslande glücklich sein können. Und so wurde er einer der tapfersten Pioniere der Palästina-Kolonisation. Gemeinsam mit dem unvergeßlichen Willy Bambus hat er zuerst in Deutschland agitatorisch und publizistisch die zionistische Fahne entfaltet und sowohl die Notwendigkeit als auch Möglichkeit der Errichtung jüdischer Ackerbau-Kolonien in Palästina mit der Macht seiner Persönlichkeit und der Schärfe seiner Feder vertreten. Ein politischer Zionist, im Sinne der Anhängerschaft Dr. Herzls, war Hildesheimer nicht. Aber ein Zionist im Sinne Rabbi Mohilewers, Pinskers, Goldschmids, denen die Auferstehung Zions als höchstes Ideal des jüdischen Volkes voranleuchtete, ein Zionist, der die Zukunft seines Volkes nicht von diplomatischen Kulissenscbiebereien und von verführerischen Herrscherlaunen, sondern von der Arbeit und der Willenskraft des gesamten Volkes sowie von der Macht der historischen Entwicklung erwartete — ein solcher Zionist war Hirsch Hildesheimer. Die Ereignisse haben ihm auch Recht gegeben. Wenn ich heute die Korrespondenz durchblicke, die ich mit dem Verstorbenen während der Jahre 1896—1899, im Anfangsstadium der Herzi'schen Agitation, über das zionistische Problem führte, so staune ich über den prophetischen Geist, mit dein er den Zusammenbruch der Herzi'schen Taktik geahnt hat. Ich werde die wichtigsten Briefe, die geradezu historische Dokumente sind, veröffentlichen, weil ich mich für verpflichtet halte, zur Beleuchtung der historischen Persönlichkeit meines verewigten Freundes beizutragen. Hildesheimer war ein nationaler Jude. Und als solcher kannte er keinen Unterschied des Territoriums. Die galizischen und ru-sischen Juden waren Gegenstnnd seiner aufrichtigsten Fürsorge. Er kannte ihr Leid nicht bloß vom Hörensagen, nicht bloß aus den Zeitungen. Sein Haus und seine Taschen waren stets für die Emigranten offen, er intervenierte bei Behörden, besuchte die Grenzstationen und gehörte zu den eifrigsten Vor=tands-Mitgliedern des Berliner „Hilfsvereines". Eine große, empfindliche Lücke läßt er offen. Ich kann es nicht fassen, daß er tot ist, der stets rührige, unermüdliche, das Alljudentum umfassende Geist. Nun, da er heimgegangen ist, wird uns recht klar, was uns Hirsch Hildesheimer gewesen ist. Dr. S. R. Landau. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. . Die Administration. Die antisemitische Bewegung in "Russisch-Polen. (Brief aus Polen.) Ein antisemitischer Wind durchweht jetzt den polnischen Blätterwald. Ein neuer Messias ist der antisemitischen Gemeinde in Warschau und in Polen auferstanden, ein illegitimer zwar, aber ein geräuschvoller Erbe des verstorbenen Jelenski hat in der Person des Andrzej Niemojewski den Thron bestiegen und verkündet mit lauter Stimme urbi et orbi, daß der Semit die größte Gefahr, der talentierteste, weil ruchloseste Vergifter der reinen arischen Seele ist. Vor Jahren hat Jan Jeleski seine Revue „Rola" im antisemitischen Geiste redigiert. Nicht lange ist es, seit Jelenski gestorben ist. Sein Blättchen hat zu erscheinen aufgehört, seine Stimme ist verhallt, aber die Saat ist auf einen fruchtbaren Boden gefallen. Hie und da hat ein klerikaler Köter sein Wutgeheul produziert, aber dieses feige Gekläffe konnte keine Katze vor den Ofen locken. Die jüdische Frage war ein „Noli me tangere". Eine stillschweigende Parole hat allen maßgebenden polnischen Publizisten den Mund verschlossen, wo es sich um die „sogenannte jüdische Frage" handelte. Das jüdische Problem war nicht akut genug, damit man es auf die Tagesordnung stellen kann. Man witterte die Gefahr, man fühlte die historische Verantwortlichkeit und hütete sich vorsichtig, die unangenehme Sache in ihrer ganzen Tragweite aufzurollen. Erst in der letzten Zeit ist dieser Bann gebrochen worden. Mit unwiderstehlicher Gewalt hat sich die jüdische Frage selbst auf die Tagesordnung gestellt und erheischt gebieterisch einer Antwort, fordert mit unwiderstehlichem Zwange eine Lösung. Viele Momente haben dazu beigetragen. Es ist mir leider unmöglich, in dem kurzen Rahmen eines Briefes den ganzen Causalnexus darzustellen; nur blitzartig möchte ich die Situation beleuchten. Die desolaten Verhältnisse des russischen Reiches haben sich in der Epoche des kontrarevolutionären Regimes geradezu katastrophal zugespitzt. Der blutdürstige Zarismus hat die Politik des großen Skandals aufgegeben, finanzielle und diplomatische Verpflichtungen haben ihm die Politik der Nadelstiche, die Methode der systematischen Ausrottung aufgezwungen. Man will doch die öffentliche Meinung Europas durch Pogrome nicht brüskieren, man will überall den Glauben erwecken, daß nach der Niederknüppelung der Revolution die Ordnung im immensen Russenreiche wieder hergestellt ist. Aber noch nie war die Lage der Juden in Rußland so trostlos wie jetzt, noch nie war das Problem der jüdischen Emigration aktueller, „brennender" als jetzt. Der jüdische Ahasver pocht mit dem Wanderstabe an alle Türen an, aber nirgends bekommt er Antwort. Die Rubrik der Ausweisungen verschwindet nicht von den Spalten der jüdischen Blätter, die Maßregeln des Ansiedelungsrayons werden mit aller Strenge aufrecht erhalten. Anderseits sieht es die russische Regierung sehr gerne, wenn Polen das Sammelbecken aller jüdischen Emigrationswellen wird. Der russische Bureaukrat weiß ganz gut, daß seine barbarische, exterminatorische Politik in Polen keine Früchte erzielt hatte. Der Pole steht auf einem viel höheren kulturellen Niveau als der Russe und mit Verachtung und tiefem,

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