Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Abraham Reisen: Der Kapitalist (Aus einem kleinen Judenstädtchen.) Uebersetzt von A. Sch. Das liebliche Wehen der ersten Frühlingsluft auf den Warschauer Gassen pflegte jedesmal in der Seele Leibs eine Sehnsucht nach der Heimat auszulösen, nach dem kleinen Städtchen, das er als Fünfzehnjähriger verlassen und welches er seit ungefähr sechs Jahren nicht aufgesucht hatte. Er durfte jedoch der Sehnsucht nicht folgen. Leib hatte nämlich bei seiner Abfahrt dem Vater das Versprechen geben müssen, in der Großstadt ein Mensch zu werden, das heißt im Dialekt seines Vaters, Geld zu verdienen. Und in diesem Sinne ist er noch lange kein Mensch... Seiner eigenen Ueberzeu^ung nach ist er zwar ein Mensch geworden; er ist in der jüdischen, polnischen, und russischen Literatur belesen, er kann mit Menschen umgehen, hat gebildete junge Leute zu Kameraden, er hat sogar mit einem Mädchen ein Liebesverhältnis, wiewohl sie beide noch nicht von Liebe miteinander gesprochen haben. Aber einen Menschen im Sinne des Vaters repräsentiert er noch immer nicht — er verdient sehr wenig und kann kaum den Lebensunterhalt bestreiten, einmal von einer Stunde, ein andresmal von Schreibarbeiten und, wenn es schon gar schlecht geht, lebt man zusammen mit Kollegen. Wenn er aber ohne Geld nach Haus käme, dann wußte Leib, wäre er bei seinem Vater ein sehr unerwünschter Gast. Nun wollte es der Zufall und Leib bekommt eine Arbeit, wobei er ganze fünfzig Rubel verdienen kann! Und dies gerade einige Wochen vor Pesach. Da begann sich der Gedanke der Heimfahrt in Leib so stürmisch zu regen, daß er sich ihm nicht weiter widersetzen konnte. Er begann nun zur Fahrt zu rüsten. Von den fünfzig Rubeln glaubte Leib doch mindenstens fünfundzwanzig Rubel nach Hause bringen zu können. Ein Kapital ist es freilich nicht; aber soviel er sich erinnern kann, gilt bei ihnen im Städtchen Ghaim Seldes als ein Kapitalist und sein ganzes Kapital beträgt, wenn schon viel, hundert Rubel — für so groß wird sein Reichtum wenigstens allgemein im Städtchen bemessen. Wenn dem so ist, tröstet sich Leib, kann ich doch mit fünfundzwanzig Rubeln ruhig vor den Vater treten. Nun hat er sich aber verrechnet. Der Anzug kostete, nicht wie er meinte zwölf, sondern volle fünfzehn Rubel; denn der Stoff um zwölf Rubel war zu groß karriert und dieser Stoff erinnerte ihn an die dickbauchigen Kapitalisten des Städtchens. Der Hut kostete ebenfalls um einen Rubel mehr, dazu sind noch alte Schulden hinzugekommen, die er tilgen mußte, obwohl er dazu keine rechte Lust hatte. . . . Kurz, Leib blieben an barem Gelde bloß fünfzehn Rubel. Nun kostet die Reise nach Hause, einem Städtchen im Gouvernement Lomcza mehr als drei Rubel, bleiben ihm nunmehr rund zwölf Rubel. Dafür aber braucht man noch mehr als drei Rubel zur Rückfahrt, so daß sein reines Kapital nunmehr auf rund acht Rubel zusammenschmolz . . . Leib fährt nach Hause. Das Herz klopft ihm vor Angst und Besorgnis in der Brust. Nach sechsjährigem Aufenthalte in Warschau mit einer solchen Summe heimzukehren! Eine böse Geschichte! Der Vater wird ihm einen gar schlechten Empfang bereiten, wird ihn verhöhnen, wird ihm mit allen Mitteln beweisen wollen, daß man heutzutage ohne Geld ein Nichts sei, er wird spotten und murren, wie es schon einmal seine Art ist: „Sechs Jahre sich herumgetrieben in einer so großen Stadt und gebracht — acht Rubel ..." Leib ließ dabei durchs Waggonfenster seine Blicke auf die im Kreise sich drehenden, nacheinander hüpfenden Dörfer, Felder undWälder schweifen. Sie alle schienen seiner acht Rubel zu spotten, seines Kapitals, das er dem Vater nach sechsjährigem Aufenthalte in der Großstadt zum Geschenke machen will . . . Als der Zug nun stehen blieb, sah Leib drei Juden aus einem anderen Waggon aussteigen, zwei erkannte er. Es waren Nachbarn vom Städtchen. Er wollte anfangs auf sie zugehen und nach dem üblichen „Scholen) Aleichem" sich nach seinen Eltern erkun- - digen. Er besann sich aber bald und meinte, es sei besser, sich nicht erkennen zu geben. Er hatte sich während der sechs Jahre diesen Typen so entfremdet, daß er sich nicht recht traute, mit ihnen ein Gespräch anzuknüpfen, sie könnten ihn noch mit Spott empfangen. Weiß er doch, daß diese Juden sich seit jeher über einen „Deutschen", besonders, wenn er noch obendrein arm ist, lustig machen und ihn zum besten halten. Das Städchen war von der Station ungefähr eine Wjorst entfernt. Beim Bahnhof warteten zwei städtische Fuhrleute mit ihren Fuhren. Leib konnte sich sogar erinnern, wie sie hießen. Der eine war Hirschel Pesches, ein lustiger Mann, der zweite Israel Misches, ein grimmiger, schweigsamer Jud. Wäre Leib besser aufgelegt, würde er sicherlich mit dem Lustigen fahren, denn er liebte gar sehr lustige Scherze. Aber bei der jetzigen niedergeschlagenen Stimmung erwählte er den Grimmigen, Schweigsamen, obwohl ihn der Lustige höhnisch lachend warnte : „Sie werden mit ihm, junger Mann, zum Schewuoth ankommen." Leib hat auf diesen Witz mit einem kaum bemerkbaren Lächeln erwidert, nahm in des Schweigsamen Wagen Platz, der mit faulem Stroh gebetet war, so daß ihm der unangenehme Geruch zur Nase stieg . . . Der Schweigsame setzte sich schweigend auf den Bock, peischte das Pferd und überholte bald den Lustigen mit seinem mageren Pferdchen. Leib gefiel es; er lächelte zufrieden und sammelte sich: „Es komme, was auch kommen mag!" Als nun der Wagen zum väterlichen Stübchen heranfuhr, zum Stübchen, welches sich während der sechs Jahre merklich gesenkt hatte und bereits so tief stand, daß die beiden Fenster hart den Boden berührten, hieß Leib mit pochendem Herzen den Fuhrmann halten und sagte stammelnd : „ Hier, hier, Reb Israel, hier! haltet, haltet... prrr! ... * Der Schweigsame schaute ihn verwundert an und brummte in den Bart. „Bist Salmen Elies Junge? Nu, so empfang einen ^cholem-Aleichem1." Noch bevor Leib aus dem Wagen gestiegen war, kam ihm ein Schwärm von sechs Kindern — von drei bis neun Jahre alt — aus dem Stübchen entgegen, ein Mädchen von ungefähr 16 Jahren mit zwei schwarzen, dünnen Zöpfen und ganz zuletzt eine ältere Jüdin mit zur Arbeit gewickelten Aermeln, einen feuchten Besen in der Hand. Und sie alle riefen wie mit einer Stimme: „Leib!* Leib erschrack so ziemlich und blieb vor Schreck