Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Nr. 25 am Rand des Wagens hängen, er konnte weder hinein noch heraus. „Nu, kriech doch herunter!" brummte befehlend der Fuhrmann, „und bezahl5 den Zehnerl (5 Kopeken). Ich hab' keine Zeit!" Leib machte sich mit Mühe los und stieg vom Wagen; er zog seine Börse hervor und, drinnen suchend, ließ er eine Dreirubelbanknote auf die Erde fallen. Die Herumstehenden warfen sich insgesamt darauf los, um es aufzuheben. Die ältere Schwester mit den zwei schwarzen, dünnen Zöpfchen hatte die Banknote als erste aufgehoben und rief mit einer ungewöhnlichen Stimme: „Drei Rubel!" „Gib acht," warnte sie die Mutter mit strahlenden Blicken. „Gib's ihm zurück." „Ich werd's nicht aufessen!" antwortete beleidigt die Schwester und gab die Banknote Leib zurück. Verschämt nahm er das Geld, legte es in die Börse und steckte diese in die Busentasche. „Achtung, mein Sohn, mit dem Gelde," rief ihm die Mutter sanft zu und führte ihren Leib ins Stübchen, wo sich alle aus Freude über das Wiedersehen küßten und umarmten. Nachdem er sich gesammelt, fragte Leib: „Wo ist der Vater?" „Der Vater, mein Sohn, ging ins Dorf. Er hat eine gute Gelegenheit, bei einem Goi ein Päckchen Schweinshaare zu kaufen, vielleicht verdient er ein Viertele (25 Kopeken) ... er muß aber bald kommen." Leib seufzte leise auf. In einer Stunde kam wirklieh der Vater, dem der neunjährige Berale entgegengeeilt war und noch auf der Gasse die frohe Nachricht von Leibs Ankunft überbrachte. Der Bart des Vaters, der bei Leibs Abreise noch lang und schwarz war, ergraute bereits stark. Die Schultern hatten sich während der sechs Jahre sichtlich gebeugt und die Augen hatten ihren Glanz verloren . .. Nach dem offiziellen „Scholem-Alechem" fragte der Vater: „Nu, Leib, was hast du in den sechs Jahren geleistet? Briefe hast du keine geschrieben . . . kein Verbrechen .. . ein Brief kostet Geld . . . hast du aber wenigstens etwas Geld gebracht?" „Was? Geld?" erwiderte Leib skeptisch und seufzte leise auf. „Gar kein Geld mitgebracht? Garnicht?" brummte der Vater und sah den Sohn mit verdächtigen bösen Blicken an. „Garnicht!!" „Garnicht!! Wie ist's möglich?* Leib schwieg. „Ein Vergehen, ein großes Vergehen!" zürnte der Vater. Er hielt dann einen Augenblick inne und sagte schließlich: „Dennoch, ein Dreirubelstück wenigstens . . . ich meine etwas... ein Scherflein auf die Feiertage ..." „Ich besitze etliche zwölf Rubel." Mit diesen Worten verriet Leib sein ganzes Kapital. Der Vater erhob sich augenblicklich, er trat einen Schritt zurück, dann einen Schritt vor, strich sich den Bart und sagte mit einem sanften Ton: „Hm.. . hast du ja doch Geld! Zwölf Rubel, was heißt? ... Zwölf Rubel ist Geld ... Hm, ein Mensch kommt und erschreckt mich: hat garnichts mitgebracht. Garnichts bringen ist nicht gut, aber zwölf Rubel. .. zwölf Rubel ist Geld... Bist doch wenigstens ein Stückel Mensch..." „Wenn wir vor zwei Wochen zwölf Rubel hätten, könnten wir noch drei dazu verdienen," mengte sich endlich auch die Mutter ins Gespräch. „Wir hatten eine Gelegenheit, bei einem Goi einen Pud Wolle zu kaufen, wir hatten aber nicht, womit zu kaufen. Hat es nun Ghaim Seldes gekauft und verdient dabei drei Rubel ..." „Eine Kleinigkeit! Zwölf Rubel," wunderte sich wieder der Vater. „Wenn man zwölf Rubel besitzt, ist man bei uns ein Kapitalist." Bald darauf sagte er: „Du wirst mir doch auf die Feiertage drei Rubel leihen?" Da unterbrach ihn die Mutter zornig: „Schau! Erst angekommen ... er borgt schon! Da gibts kein Borgen!" „Nein, ich meine nicht . . .", versuchte sich der Vater zu rechtfertigen, „ich meine nur seinetwegen, um die Feiertage besser zu feiern: noch ein wenig Mazzoth, zu kaufen, mehr Meth . . . vielleicht auch einen Liter Wein, zehn Eier ..." „Ich werd' dir geben", unterbrach ihn Leib freudig, „ich werde dir fünf Rubel geben." „Nein, nein, Gott behüte . . .", fiel ihm der Vater ins W'ort, „fünf Rubel brauch' ich nicht, es genügen mir drei . . . drei sind mehr als genug, mehr als genug!" Leib aber holte die Börse hervor, machte sie auf und gab dem Vater fünf Rubel. „Gibst wirklich fünf! fragte der Vater verschämt und gleichzeitig beglückt. „Fünf! fünf, Vater!" „So, jetzt bist du ein Mensch!" Der Vater hielt die Banknote einige Zeit in der offenen Hand und sagte bald besorgt: „Ich weiß garnicht, wo ich's wechseln soll . . . außer bei Moische, dem Bäcker. Er hat jetzt ein bissei Geld verdient, gewiß 25 Rubel vom Pessachmehl . . . Eine Kleinigkeit!" Er steckte darauf vorsichtig die fünf Rubel in die Tasche und sagte: „Bis Pessach haben wir noch zwei Tage. Ich will noch morgen ins Dorf gehen. Mit fünf Rubel läßt sich doch was anfangen. Wenn man, mein Sohn, fünf Rubel hat, ist man ein Kapitalist . . . In einer halben Stunde verbreitete sich im Städtchen das Gerücht, man weiß nicht wieso, daß Leib, Salmen Elies Junge, der sich als Tunichtgut nach Warschau begeben hatte, nun auf Pessach zum armen Vater nach Hause gekommen ist und daß er ein großes Kapital mitbrachte. Arme Weiber segneten ihn; die Männer seufzten vor Neid und brummten traurig: „Ja, die Kinder! . ..." Eingesendet. DAS* WIENER© \ ETABLISSEMENT t MOBEEl NERKLRl VI'MARIAHILFER51 STBASSE31'LIEFERT| MODEHf DEISTER : rW/^ilS6EFl!llHRTE \ •TOILN65EINRICHTUN5EN5 öBERO*SCHEND BILLI6 V®- ' •••CS