Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 25 Während dieser Rede hat aus einem Winkel jamand wiederholt gerufen: „Vergani". Ueber mehrmaliges Verlangen des Dr. Landau, daß der Zwischenrufer erkläre, was er mit diesem Zwischenrufe wolle, stand der Herr auf. Es war das ein Bethausvorsteher namens Wasservogel, ein Werkzeug des Dr. S t e r n. Die Versammlung schrie ihn nieder. Man rief ihm zu: „Ein Bethausvorsteher, der Schweinernes i 13t." Stotternd brachte nun Herr Wasservogel hervor, daß im „Deutschen Volksblatl" Artikel der „Neuen National-Zeitung" abgedruckt werden. Dr. Landau benützte gern die Gelegenheit, um diese alten Verdächtigungen aus der Seitensteltengasse gebührend zurückzuweisen. Er apostrophierte den Bethausvorsteher, der das „Deutsche Volksblatt" so fleißig liest, mit den Worten: „Können Sie behaupten, daß ich mit Vergani in irgendwelcher Verbindung stehe? Dann sagen Sie es. Steigen Sie hier auf die Tribüne und sagen Sie mir dies." Herr Wasservogel gestikuliert und schreit: „Ich zahle länger Kultussteuer als Sie!" „Soll ich denn deshalb," setzt Dr. Landau fort, „auf alles Ja und Amen sagen, was der Kultusvorstand tut oder unterläßt, weil Vergani meine Artikel abdruckt? Glauben Sie denn, daß Vergani verlegen ist um Waffen, wenn es gilt, das Judentum zu bekämpfen? Glauben Sie nicht, daß sich Vergani vergiftete Pfeile selbst schaffen kann, wenn er in meinem Blatte keine Stachel mehr findet? Alle Ihre Verdächtigungen werden mich daran nicht hindern, in meinem Kampfe fortzufahren. Denn die Frage: Was wird Vergani dazu sagen? mag wohl für Sie maßgebend sein. Mein Leitmotiv ist lediglich das Wohl des Judentums und der Wiener Kultusgemeinde." „Sie haben wohl", schloß dann Redner, „die Macht in Händen, Sie haben zahlreicheVerbindungen, auf die sie mit ihren Visitkarten einwirken, es stehen ihnen auch große Wahlfonds zu Gebote, aber ich warne Sie, die immer stärker werdende Opposition zu mißachten. Es sind bei den letzten zwei Wahlen keine 35 Prozent der Wähler zur Urne geschritten, die anderen 65 haben sieh absentiert, weil sie die Verhältnisse anekeln, oder weil sie für jüdische Fragen kein Interesse haben. Diese Opposition wird von uns immer aufs Neue aufgeklärt und sie wird Sie noch einmal vernichten, und dann wird man Ihnen nicht einmal den guten Willen nachsagen." (Stürmischer Beifall der unabhängigen Wähler.) Die Versammlung konnte natürlich unter dem Eindrucke der sie fesselnden oppositionellen Reden nicht geschlossen werden und so trat das Präsidium der Kultusgemeinde zur Abwehr in die Schranken. Dr. S t e r n und Dr. Gustav K o h n bemühten sich, die Anwürfe des Dr. Landau zu entkräften. Dr. Stern stellte die statistischen Wünsche als ganz barmlos dar und versprach, sie im nächsten Rechenschaftsberichte zu berücksichtigen; er behauptet, in politischer Beziehung sehr viel für das Judentum zu tun, weil er alle öffentlichen Konkursaussehreibungen überwacht, ob darin auch ein Geburlsschein verlangt wird. Dr. Kohn bekämpft den Vorwurf der Protektionswirtschaft bei der Spitalsverwaltung durch unrichtige Angaben, auf die wir noch an anderer Stelle zurückkommen. Es sprachen schließlich Herr M. B a u m und Oberstabsarzt in Pension Dr. Byk. Herr Baum durfte sich in dieser Versammlung, die den Mann noch nie gesehen hatte, als Cato gebärden und unter anwidernden Lobeshymnen auf Dr. Stern Anderen Reklamesucht vorwerfen. Wer aber den volkswirtschaftlichen Teil der Tagesblätter liest, der wußte, daß dieser eminente Vertrauensmann des Dr. Stern im engeren Wahlkomitee mi* jenem „Aktionär Baum" identisch ist, der Jahre hindurch als stehende Figur bei üllen Generalversammlungen von Banken und Eisenbahnen aufgetaucht ist und so lange krakehlt bat, bis er — verschwunden ist. Jetzt ist er Herausgeber eines Finanzblättchens und wird sich wahrscheinlich nächstens um ein Kultusmandat bewerben. Angriffe von solcher Seite lassen uns ganz kalt. Wenn aber Herr Baum schon vom „Deutschen Volksblatt" sprach, so hätte er doch nicht vergessen sollen, wie viele Jahre dieses Blatt von der „Oesterreichischen Wochenschrift" und umgekehrt genährt wurde. Und beide haben dabei ihren Vorteil gefunden. Dr. B y k streute Weihrauch dem Kultusvorstande und hatte nur einen Wunsch: nach einer jüdischen Leichenkammer. Man glaubte schon, er halte seine Kandidatenrede. Wie sich aber später herausstellte, wurde er abgelehnt, weil seine Tochter an einen Christen verheiratet ist. Das wird nur dem Dr. Rappoport verziehen. * Die Protektionswh'tschaft im Rothschildspital. Gegenüber der Kritik des Dr. Landau, daß zwei Primarärzte im RothschildspiL.l ernannt wurden, wiewohl nur eine S'clle im Konkurswege ausgeschrieben wurde, und daß für diese einem Protege verliehene zweite Stelle die nötigen Mittel aufgebracht wurden, während sie zur Herbeischaffung von therapeutischen Behelfen fehlen, hat Herr Dr. Gustav Kohn folgendes erwidert : „Es hat endlich noch dein Dr. Landau beliebt, darüber zu sprechen, daß für das Rothschildspital eine Prima r-A rztensstelle ausgeschrieben war und schließlich die Vakanz mit zwei Primarärzten besetzt wurde und zwar deshalb, weil zwei Parteien da waren, welchen man Genüge leisten wollte. Meines Wissens ist die Ausschreibung nicht „einer" Stelle, sondern mit der Textierung „Primararztslelle" erfolgt, weil schon zur Zeit der Ausschreibung besprochen wurde, eventuell zwei Aerzte zu bestellen. Hiefür war aber ein anderer Grund als derjenige, den Dr. Landau vermutet, maßgebend. Es wurde im Kultusvorstand die Frage angeregt, ob es nicht Pflicht der Kultusgemeinde wäre, wenn die Kosten sich in einem engen Rahmen hielten, jetzt, wo die Juden nicht leicht zu einem Primariat kommen, mindestens zwei Juden Gelegenheit zu geben, Primarärzte zu werden, nicht bloß im Interesse der sozialen Position, sondern auch, um Ihnen die Möglichkeit zu weiteren Forschungen zu geben, denn Aerzte können nur dann tüchtig arbeiten und mit Forschungen sich beschäftigen, wenn sie das Material hiezu haben." Die Ausführungen des Dr. Kohn haben jeden, der deutsch versteht, von dem Gegenteil dessen überzeugt, was er beweisen wollte. Dr. Kohn klammerte sich an den Einwand, man habe nicht ausgeschrieben „Eine Primararzfensstelle" sondern bloß „Primararztenstelle". Diese Unkenntnis der grammatikalischen Regeln ist doch bei einem Landesschulrat sehr auffällig. Denn das weiß ja schon ein Volksschüler, daß selbst „Primararztenstelle" die Einheit bedeudet; denkt man aber an eine Mehrheit, und das soll, wie Herr Dr. Kohn glauben machen will, schon zur Zeit der Ausschreibung geschehen sein, dann hätte man unbedingt, wenn der Herr Landesschulrat den Kultusvorstand noch nicht von den Regeln der deutschen Grammatik dispensiert hat, schreiben müssen „Primararztenstellen". Wir haben Herrn Dr. Gustav Kohn, mit dem wir vielfach nicht übereinstimmen, stets als einen ehrlichen