Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Als letzter Kandidat hätte sich der den östlichen Juden als Vertreter aufgedrängte Dr. Anselm H alpe rn vorstellen sollen. Er war aber — verhindert. Ein guter Bekannter von ihm machte die Bemerkung : „Er ist wahrscheinlich beim Färbel — verhindert." ... Weit interessanter und jedenfalls sachlicher gestaltete sich die folgende Diskussion. Dr. Deutsch, dessen Bewerbung von offizieller Seile abgelehnt wurde, der aber dennoch von seinen zahlreichen Anhängern in Hernals-Ottakring kandidiert wurde, machte durch seine Sachkenntnis aller einschlägigen Fragen einen sehr guten Eindruck. Die oppositionellen Redner Hermann Plaschkes und Dr. S. R. Landau üblen eine rückhaltlose Kritik an der bisherigen Gemeindewirtschaft und deren Vertretern. Trotz ihrer Schärfe waren diese Reden streng sachlich und bis auf einige Zwischenrufe von Provokateuren, die von den Rednern gehörig abgefertigt wurden, folgte ihnen die Versammlung mit der größten Spannung und Aufmerksamkeit. Der Eindruck auf die Versammlung war so groß, daß nunmehr Präsident und Vizepräsident das Wort ergreifen mußten, um speziell die Ausführungen des Dr. Landau zu widerlegen. In welcher Weise dies geschah, soll nun geschildert werden. Hermann Plaschkes, dieser ausgezeichnete jüdische Volksredner, wie man seinesgleichen in Wien kaum findet, hat in seiner populären, dabei auch sehr humoristischen Weise die Hohlheit und Programmlosigkeit des ganzen herrschfriden Regimes nachgewiesen. Er erinnert in seiner Einleitung daran, wie vor zwölf Jahren anläßlich der ersten Versammlung des jüdischen Volksvereines bei Ronacher der in Begleitung mehrerer Kultusvdrsteher erschienene damalige Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Stern das Programm dieses Vereines als großartig, ja geradezu als ideal bezeichnete und wie diese Herren seither nichts getan haben, um dieses Programm, daß sie selbst später akzeptiert haben, zu verwirklichen. Wie die christlichsozialen Kandidaten stets ihr Programm mit drei Worten bezeichnen: Dr. Karl Lueger, ebenso schwören jetzt die jüdischen Kandidaten auf das Programm Dr. Alfred Stern (allgemeine Heiterkeit). In geradezu vernichtender Weise beschäftigte sich Redner mit der Person des Dr. Heinrich Schreiber, dem er seine oppositionelle Vergangenheit vorhielt. Dieser Mann sei am allerwenigsten würdig, in den Kultusvorstand einzutreten, denn dort braucht man Charaktere und nicht Leute, die den Mantel nach dem Wind drehen, nicht Männer, welche auf dem Bauch zuerst in das Zimmer des Präsidenten und dann des Vizepräsidenten schlüpfen, um ein Mandat zu ergaltern. Hier fand es der Präsident für notwendig, den Redner zu unterbrechen, aber der Beifall der Versammlung war ein Beweis, daß Redner der allgemeinen Zustimmung sicher war. Nach einigen Worten des Herrn S c h i c k 1 e r, welcher als Wähler des XVI. und XVII. Bezirkes es noch im letzten Moment versuchen wollte, das Wahlkomitee zur Nominierung des Dr. Deutsch zu bewegen, ergriff das Wort Dr. S. R. Landau. Dr. Landau erklärte, sich zuerst mit einer sachlichen Besprechung des Rechenschaftsberichtes beschäftigen zu wollen. Bezüglich dieses Berichtes könne Redner nicht mit Dr. Schreiber übereinstimmen, daß darin viel Wissen und Geist enthalten sei. Der Rechenschaftsbericht sei vielmehr nichts anderes als eine schablonenhafte Zusammenstellung von Ziffern. Ein Bild des geistigen Lebens und Schaffens der Wiener Gemeinde innerhalb der letzten zwei Jahre gebe dieser Rechenschaftsbericht nicht, und der Geschichtsforscher der Zukunft werde darin vergeblich nach einem Material suchen. Die Rückständigkeit der Gemeindeverwaltung kommt selbst in diesen Ziffern zum Ausdruck. Wir finden da wohl die Anzahl de Uebertrille genau aufgezeichnet, aber nicht mit einem einzigen Worte erwähnt, was der Kultusvorstand w.ihrend der letzten zwei Jahre versucht und unternommen hat, um dieser epidemisch auftretenden Bewegung entgegenzutreten; wir finden wohl die Ziffer der Steuerzahler, aber keine Differenzierung nach der Richtung, wie viel e Steuerträger der untersten Klasse der 20 Kronen- Männer angehören und wie viele anderseits jener höheren Kurie, die das Recht hat auf zwölf eigene Mandate. Das wäre alles zur Erkenntnis der sozialen Struktur unserer jüdischen Gemeinde ebenso wichtig, wie weiters die statistische Angabe, wie viele Steuerzahler exequiert werden müssen, weil wir dadurch in Erfahrung bringen, wie vielen Personen eine Steuer aufgehalst wurde, die sie nicht erschwingen können. Und wenn wir schon vom Rechenschaftsberichte sprechen, so sei darauf hingewiesen, daß, während beim Kapitel Spital beklagt wird, es seien keine Mittel vorhanden, um gewisse notwendige Herstellungen sowie die notwendige Beschaffung von therapeutischen Behelfen zu bestreiten, es der Kultusvorstand doch übersieh gebracht hat, vor einer Woche statt der ausgeschriebenen Primararztensstelle zwei Primararztensstellenzu besetzen, somit neue Auslagen zu machen, aber dies nur deßwegen, weil zwei im Kultusvorstande bestehende Parteien sich nicht einigen konnten: die Rothschil d-Partei, die den Dozenten Breuer, den Sohn des Hausarztes der Familie Rothschild, und die B. B.-Partei, die ihren Logenbruder Dozenten Dr. Braun vorgeschoben hat. Da keine Partei nachgeben wollte, wurden beide zu Primarärzten bestellt. Eine neue Ausgabepost wurde geschaffen, wiewohl für ärztliche Mittel kein Geld vorhanden ist. Das beweist zur Genüge, daß auch die Frage der Spitalsverwaltung lediglich von Momenten der Protektionswirtschaft geleitet wird. Redner überging nun zur Frage der Kandidaturen und erklärte sich im Großen und Ganzen den ausgezeichneten Ausführungen des Herrn Plaschkes anzuschließen. Nur eines möchte er bemerken und dazu sei er wohl als Präsident des Verbandes der östlichen Juden kompetent: es handle sich um die Person des vom Wahlkon dlee ernannten Kandidaten der östlichen Juden Dr. Anselm Halpern. Redner will sich über die Person des Kandidaten nicht näher auslassen, weil er abwesend sei. Allein, wenn schon das Wahlkomitee, nachdem es vor zwei Jahren die Uneinigkeit der verschiedenen Östlichen Kandidaten dazu benützt hat, um trotz der bisherigen Tradition keinen östlichen Kandidaten aufzustellen, diesmal aus Furcht vor unserem Verbände sich eines Anderen besonnen hat, so könnte diesmal auf die Wünsche der in Betracht kommenden Kreise mehr Rücksicht genommen werden. Und die gehen gewiß nicht dahin, daß ein Herr, der erst vor einigen Jahren aus Stanislau angekommen ist, der die Verhältnisse der Wiener Juden gar nicht kennt und sich für dieselben gar nicht interessiert, den östlichen Juden als Kandidat aufoktroiert wird: dagegen müsse Verwahrung eingelegt werden.