Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425827--1875-2428265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr. 25 Eine offizielle Wählerversammlung. Gleichzeitig mit dem Rechenschaftsbericht und den Wahldokumenten ist den Wählern auch eine Einladung zum Besuche von vier Wähler-Versammlungen zugekommen. In denselben sollten die vom Präsidenten Dr. Stern durch Vermittlung seines Wahlkomitees ernannten Kandidaten dem Volke vorgeführt werden. Die erste Wähler-Versammlung war für Samstag den 19. November bestimmt. Sie hätte um 7 Uhr abends anfangen sollen. Trotzdem begann sie viel später. Das Wahlkomitee war noch nicht ganz einig. Vier Wochen hatten sie Zeit und wurden nicht fertig. Die Zahl der Petenten war sehr groß und das Material doch so mangelhaft, daß keine elf Kandidaten aufzubringen waren. Endlich unmittelbar vor der Versammlung kam mit Ach und Krach die Liste zustande. In letzter Stunde wurde noch der vom Exekutiv-Komitee ernannte Wilhelm Pappenheim geworfen und statt seiner S. Brod bestellt. Nachdem Präsident Dr. Stern mit einigen einleitenden Worten die Versammlung eröffnet hatte und die Kandidaten aufrufen wollte, verlangte Dr. Zips er das Wort zur Geschäftsordnung. Die Versammlung, die ca. 200 Personen — darunter zum großen Teile Funktionäre, Beamte und Bedienstete des Kultusvorstandes — zählte, wurde sofort nervös. Aber schon zeigte sich, daß ein Teil der Wähler der Opposition angehörte und sie verlieh durch Zurufe der Forderung des Dr. Zipser Nachdruck. Er verlangte, daß zuerst über den Rechenschaftsbericht die Debatte eröffnet und dann erst den Kandidaten das Wort erteilt werde. Diesem Antrage trat sofort Dr. Schreiber entgegen, der in serviler Weise die Entscheidung dem freien Ermessen des Vorsitzenden überlassen wollte. Doch Dr. Stern machte von diesem Lakaientum keinen Gebrauch, sondern ließ eine Abstimmung eintreten. Die Versammlung entschied sich nun für die sofortige Anhörung der Kandidaten. Zuerst sprachen die abtretenden Vorsteher kais. Rat K a u d e r s und Dr. Markus Spitzer. Sie sprachen beide lediglich von rituellen Fragen und den" rituellen Aufgaben der Gemeinde. Inwieferne sie jedoch beide bemüht gewesen wären, das von ihnen vor sechs Jahren anläßlich ihrer Wahl akzeptierte Programm zu verwirklichen, darüber schwiegen sie sich gründlich aas. Kais. Rat Langer erschien nicht. Dr. S. R. Landau richtete daher an beide Herren eine Interpellation, insbesondere darüber, ob sie sich bemüht haben, die von ihnen versprochene Herabsetzung des Steuerminimums auf 10 Kronen durchzusetzen. Die Antworten der beiden Kandidaten waren recht merkwürdig. Herr Kauders erinnerte sich überhaupt nicht, etwas versprochen zu haben; Dr. Spitzer wieder erklärte, alle Juden seien Demokraten und er fühlte sich verpflichtet, aus Gründen der Solidarität zu — schweigen. Man war also nach diesen Reden so gescheit wie zuvor. Mit Recht konnte daher der folgende Kandidat Doktor Jacob Engel, nachdem er seine bisherige Leistungen auf dem Gebiete des Bethauswesens und der Wohltätigkeit geschildert hat, sich in souveräner Weise auf ein Zitat berufen und erklären, er mache gar kein Programm, denn er werde es nicht halten. Der folgende Kandidat Herr Wilhelm Pappenheim, der ja ohnebin als Protege des Herrn David von Gutmann bekannt ist, glaubte offizieller Kandidat zu sein, denn es hatte sich niemand getraut, ihn vom Durchfall zu verständigen. Er renommierte mit seiner bisherigen Tätigkeit in der „Israel. Allianz" und da zog er sich eine gebührende Schlappe zu. Als ihm Dr. S. R. Landau zurief: „Sie schmeißen ja die polnischen und russischen Juden in der Allianz heraus!", da hatte Herr Pappenheim den Mut zu erwidern: „Sie sprechen wider ihre bessere Ueberzeugung." Aber bald zeigte es sich, welche Un auf rieh tigkeit in dieser Antwort steckte. Abgeordneter Dr. Mahler gegen die »Allianz". Als Herr Pappenheim geendet hatte, ergriff Dr. M a h 1 e r das Wort, um in Worten höchster Empörung einen Vorfall zu schildern, der die allgemeine Entrüstung der Versammlung hervorrief. Dr. Mahler erzählte: „Heute nachmittags erschien bei mir eine russische Jüdin, die nach langen Irrfahrten mit ihrem Manne in Wien einlangte und um Hilfe bat. Sie war bereits in der Allianz und dort wurde ihr gesagt, ihr Mann soll auf Schub gehen und die Frau soll sich drei Stricke kaufen und aufhängen. Dies wurde mir berichtet und da diese Behandlung der russischen Juden in der Allianz nicht zum erstenmal vorkommt, so frage ich Herrn Dr. Stern als Präsidenten der Gemeinde und Vizepräsidenten der Allianz, ob er geneigt ist, der Sache nachzugehen, die Schuldigen zu bestrafen und dafür zu sorgen, daß in dieser jüdischen Institution auch ein jüdischer Geist herrsche." Die Schilderung des Dr. Mahler wirkte wie eine Bombe. Herr Pappenheim stand da zitternd wie ein Schulbub. Selbst Dr. Stern verlor seine gewohnte Ruhe. Doch sie faßten sich bald. Dr. Stern versprach eine strenge Untersuchung und Herr Pappenheim bemühte sich, den Fall anders darzustellen. Jetzt dürfte also eine Untersuchung erfolgen — usque ad finem. Ganz a la Jaworski. Die Herren werden bemüht sein, über die Sache Gras wachsen zu lassen. Die ahlreichen Mitglieder der Allianz in der Provinz, speziell in Galizien, mögen sich aber diesen Zwischenfall gut merken. Alsbald beruhigten sich die Gemüter und die neuen Männer marschierten auf : Herr Karl Lemberger sagte kurz, er werde arbeiten, Herr Richard B e 11 e 1 h e i m, ein glattrasierter, junger Herr, verlangte das Vertrauen der Wähler unter Berufung auf seinen Chef, den Baron Piothschild, der sich's zur Ehre anrechnet, dem Judentum anzugehören, aber sich nicht zur Ehre anrechnen will, setbst dem Kultusvorstande anzugehören und lieber seinen Beamten delegiert. Architekt Gärtner will nur arbeiten; er habe bereits 25 Synagogen fertiggestellt. Der Gleichmut der Versammlung wich, als Dr. Heinrich Schreiber hervortrat. Er wurde als Kandidat seines Wohnbezirkes Brigittenau proklamiert, wiewohl er dort gar keine Popularität besitzt. Allein die Brigittenau mußte einen Kandidaten erhalten und da Dr. Stern mit der Demission drohte, falls das Wahlkomitee den ihm unbequemen, hochverdienten Obmann des Brigiltenauer Tempelvereines Herrn Hermann E11 b o g e n kandidieren sollte, kam Dr. Schreiber an die Reihe. Der Mann ist' tief gesunken. Wenn man seine oppositionellen Reden von anno dazumal mit seinen jetzigen Lobeshymnen auf den Kultusvorstand und hohlen Phrasen verglich, so empfand man nur das Gefühl des Ekels. Sehr bezeichnend war es, daß dieser Mann, der seit vielen Jahren in Wählerversammlungen für die Erweiterung des Wahlrechtes eingetreten ist, plötzlich erklärte, er müsse diese Frage erst studieren ... Zahlreiche Zwischenrufe ließen diesen Redner nicht im Zweifel, wie die Wähler über seine Gesinnungsprostitution denken. Zum Schlüsse sprachen noch der Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe Herr Brod und der Kandidat für Floridsdorf Herr Grün wald. Herr Brod ist zweifellos ein sehr sympathischer, volkstümlicher Kandidat und er hat auch von allen Kandidaten am freimütigsten gesprochen.