Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Sind alle Juden auch Demokraten? (Eine Antwort an Herrn Dr. Markus Spitzer.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Es bereitet einem gewöhnlich konstruierten Menschenkinde faktisch viele Mühe, sich durch die Reden, welche in den Wiener Kultuswählerversammlungen von Berufenen und Unberufenen gehalten wurden, durchzuarbeiten und ich bekenne es offen, es steht auch gar nicht dafür, diese Mühe aufzuwenden. Wie viel Wasser rieselte da hernieder! Viel Geschrei und Phrasengedresche und ach, wie wenig Wolle. Aber da wird dann ein Wort hingeworfen, das man nicht unerwidert lassen kann, weil es gar zu kraß der Wahrheit widerspricht. Zur Sache also. In der Wählerversammlung am Samstag, den 19. November, interpellierte Dr. S. R. L a n d a u, der unerschrockene Herausgeber dieses Blattes, die abtretenden Kultusvorsteher, „was sie in der Frage der Demokratisierung des gegenwärtigen Wahlsystems und der Herabsetzung des Wahlzensus . . getan haben." Aul diese sicherlich sehr aktuelle Anfrage antwortete Dr. Markus Spitzer, „daß alle Juden Demokraten seien." Ipse dixit. Eine Phrase wurde in die Welt gesetzt, die Sache ist abgetan. Mit Verlaub, Herr Kultusvorsteher! Sehen Sie sich einmal die Zusammensetzung unserer Kultusvorstände an, Sie können Ihre Blicke auf die Kultusgemeinden richten, und Sie werden sich von der Unrichtigkeit Ihrer hochweisen Behauptung überzeugen. Großhändler, Bankiers, gewisse Advokaten, Industrielle und andere Millionäie oder deren Sekretäre können nie als Demokraten gelten. Sie gedenken, geehrter Herr Doktor, wohl der Zeiten, da im Judentum nur die Kenntnis des Judentums etwas galt und diesem einen demokratischen Anstrich gab. Aber diese Zeiten sind längst vorüber. Uebrigens haben auch damals nur die Reichen im Judentum den Ausschlag gegeben. Das geht freilich mit der traurigen Entwicklung im Judentum Hand in Hand, aber die Tatsache ist nicht wegzuleugnen. In unserer demokratischen Zeit begann es sich auch in unserer Mitte zu regen, auch wir erkannten, daß es notwendig sei, die alte, rostige Maschine des Judentums mit einem Tropfen demokratischen Oeles zu salben, aber wie kommen die Großindustriellen, Bankiers, Großhändler und Millionäre im Judentum der. Demokratie entgegen? Wer nur im Gerüche steht, demokratische Einrichtungen anzuregen, wird verlästert, verspottet, als Stänkerer hingestellt, man spricht gleißnerisch von einer „gefährlichen, lärmenden, sinnlosen Demagogie" . . . Daß ich nicht lache. Nein, nennen wir die Juden nicht früher Demokraten, bevor sie sich nicht den Anforderungen einer neuen Zeit verschließen. Konservativ will man auf der einen Seite sein und auf der anderen faselt man von der jüdischen Demokratie. Was der Herr Dr. Spitzer Demokratie nennt, das ist eigentlich Timokratie, d. h. Geldherrschaft. Jede Vertretung ist heute demokratischer zusammengesetzt als die der jüdischen Kultusgemeinden. Man zähle die kleinen Beamten, Gewerbsleute, Lehrer zusammen, die in den jüdischen Kultusgemeindevertretungen sitzen. Wir wissen es gut, daß wir die Geldleute nötig haben. Geld bedeutet für uns, leider mehr als für alle anderen, Macht, Einfluß. Aber deshalb könnte man auch den kleinen Leuten eine Vertretung gönnen. Tut man es aber nicht, dann höre man endlich mit dem Phrasenge dresche auf: alle Juden sind Demokraten. Nein, wird sind es nicht, das zeigen die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Judengemeinden und ihre Vertretungen. Soviel zur Steuer der Wahrheit von einem aufrichtigen, einfachen jüdischen Demokraten. * Die Berichterstattung des Herrn Dr. Bloch. Es wird gewiß der Aufmerksamkeit unserer Leser nicht entgangen sein, daß wir stets, wenn unser Herausgeber Dr. S. R. Landau als Redner, Referent oder Vortragender auftritt, uns der strengsten Objektivität und der größten Kürze befleißen. Denn unser Blatt soll nicht einer Einzelperson, sondern lediglich den Interessen der Allgemeinheit dienen. Selbst die Persönlichkeiten unseres Leiters und unserer Freunde kommen für uns, ohne Unterschied, nur so weit in Betracht, als ihre Ziele und Bestrebungen mit denen der jüdischen Allgemeinheit parallel laufen. Die Sache ist es, der wir in erster Linie dienen wollen. Wenn wir nun von dieser Regel diesmal eine Ausnahme machen und die Rede des Dr. Landau in der ersten offiziellen Wählerversammlung nachträglich auszugsweise veröffentlichen, so geschieht dies nicht bloß deshalb, weil sie den Kulminationspunkt der Diskussion in dieser Versammlung bildete, sondern hauptsächlich deshalb, weil es die „Oesterr. Wochenschrift* für gut befunden hat, dieser Rede 7, sage sieben Zeilen einzuräumen, während die Antworten des Präsidenten Dr. Stern und des Vizepräsidenten Dr. K o h n über vier Druckspalten ausfüllen. Diese journaIi-tische Illoyalität hatte zur Folge, daß nicht nur von gesinnungigenössischer, sondern von mehrfacher gegnerischer Seite an uns die Bitte gerichtet wurde, aus der von uns in der letzten Nummer eingehaltenen Reserve herauszutreten und einen Versammlungäbericht, wenn auch nachträglich, zu veröffentlichen, zumal auch die Rede des Herrn Plaschkes und der Zwischenfall Pappenheim - Dr. Mahler eine ausführlichere Würdigung verdienen, als ihnen seitens des Organes der Kultusgenieinde, welches auch gleichzeitig Organ der „Wiener Allianz" ist, zuteil wurde. Ein echt Blochsches Konkurrenzmanöver war es aber, daß Herr Dr. Bloch die bestellten Angriffe eines Herrn Baum gegen die „Neue National-Zeitung", in welchen uns deswegen Vorwürfe gemacht werden, weit sich angeblich das „Deutsche Volksblatt" „aus dieser und ähnlichen Quellen seine Informationen holt", mit gesperrten Lettern abdruckte, dagegen den Passus in der Rede des Dr. Landau, der auf einen analogen Zwischenruf des Bethausvorstehers Wasservogel reagierte, verschwiegen hat. Allein es wäre bedenklich, mit Herrn Dr. Bloch über journalistische Anständigkeit zu streiten. Der Mann hat sich dem Kultus vorstände für die Suovention mit Haut und Haaren verkauft; die bevorstehende Besetzung des Rabbinerpostens in der Leopoldstadt hat in dem Schwiegervater des Rabbiners G r u n w a 1 d jede Empfindung unterdrückt, daß er nicht nur dem Dr. Stern, sondern auch der öffentlichen Meinung Rechenschaft schuldet. Im Interesse der öffentlichen Moral ist es aber zu begrüßen, daß Herr Dr. Bloch das Schicksal des Herrn Dr. Stern so eng mit dem seinigen verknöpft Wenigstens wird der Sturz des einen auch den des -ndi ren nach sich ziehen. *