Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 25 herige gemeinnützige Tätigkeit für das Amt eines Kultusvorstehers prädestiniert erscheinen, wie Dr. Markus Spitzer, der wieder- sowie Dr. Jakob Engel und S. B r o d, die neugewählt wurden. Wir sehen aber keinen, der den Mut hätte, die Kultusgemeinde auf neue, das heißt volkstümliche Bahnen zu drängen. Allerdings hat Herr Brod in seiner Kandidatenrede versprochen, für die Erweiterung des Wahlrechtes einzutreten. Wir wollen also warten. ... Dr. Heinrich Schreiber hat im Laufe der WählervciSammlungen in so aufdringlicher Weise seine bisherigen demokratischen Allüren verleugnet, daß wir auf diese Akquisition nicht viel rechnen. Dr. Anselm H a 1 p e r n, der von Dr. Stern ernannte Vertreter der östlichen Juden, wird sich hoffentlich nun mehr für jüdische Fragen zu interessieren beginnen. So lange er Privatmann war, hat sich seine Tätigkeit der öffentlichen Kontrolle entzogen. Da er sich aber entschlossen hat, eines der schwierigsten Aemter im Kultusvorstande zu übernehmen, so wird es auch seine Pflicht sein, den Mann zu stellen. Wie Herr Dr. Halpern diese Pflicht erfüllt, dafür werden wir ein wachsames Auge haben. * Die Niederlage der Zionisten. Wir haben bereits in der vorigen Nummer festgestellt, daß eine Koalition der gesamten Opposition an dem Widerstande der zionistischen Partei scheiterte. Der Ausgang der Wahlen hat bewiesen, daß diese von Selbstüberhebung und von einem Mangel an politischer Reife diktierte Haltung des zionistischen Wahlkomitees nur den Interessen des Kultusvorstandes förderlich war. Die zionistische Liste erhielt 1582 resp. 1408 Stimmen, d. h. zirka 35%. Zur Majorität fehlten ihr zirka 1300 Stimmen. Diese 1300 Stimmen wären aufzubringen gewesen, wenn sich der „Verband der östlichen Juden" und Herr Hermann E11 b o g e n aktiv am Wahlkampfe beteiligt hätten und wenn auch mit dem „Jüdischen Wähler-Verein von Ottakring-Hernals" ein Einvernehmen hergestellt worden wäre. Herr Eltbogen, den zuerst Gottlieb Bettelheini, der Bethaus-Obmann vom IX. Bezirk, stürmisch zur Kandidatur drängte, dann aber schmählich verließ, als ihm Dr. Stern abwinkte, erfreut sich in der Brigittenau und in der Kaufmannschaft einer sehr großen Beliebtheit und es wäre ihm ein Leichtes gewesen, bei einer persönlichen Agitation 800—1000 Stimmen für die oppositionelle Liste aufzubringen. Der „Verband der östlichen Juden" besitzt, trotzdem sein Bestand erst nach Monaten zählt, in den Kreisen der Tausenden östlichen Wähler sehr zahlreiche Anhänger und wäre es, zumal sich mehrere osijüdische Organisationen seiner Wahlaktion angeschlossen halten, möglich gewesen, dieselben der Opposition zuzuführen. Abgesehen davon, hätten sicherlich auch die Freunde und Anhänger der „Neuen National- Zeitung" unserer Parole Folge geleistet. Allein da Herr E 11 b o g e n in kluger Erwägung aller Wahlchancen d;e bestimmte Erklärung abgegeben hat, nur dann zu kandidieren, wenn die gesamte Opposition geeinigt auftritt, da nur in diesem Falle auf einen Sieg zu rechnen war; da weiters Herr Obmann T r n k a resp. das Wahlkomitee des obgenannten Wählervereines von derselben Erwägung geleitet den Beschluß faßten, den Wählern ihrer Bezirke die Abstimmung freizulassen, hat auch der Vi rband den Beschluß gefaßt, in den Wahlkampf nicht einzugreifen. So erhielten die Zionisten in Ermangelung einer anderen Opposition bis 1582 Stimmen und 7822 Wähler blieben zu Hause... Das ist zionistische Wahltaktik, die man sich bei den nächsten Kultuswahlen wird gut vor Augen halten müssen. Noch in anderer Beziehung mag dos Verhalten der jetzigen zionistischen Wahlmacher für die Annalen der künftigen Gemeindechronik festgelegt weiden. Wiewohl von zionistischer Seite seit dem Jahre 1897 gegen den Wiener Kultusvorstand ein heftiger Kampf geführt wird — er wurde eingeleitet mit dem Artikel „Kahalwirtschaft" von Dr. S. R. Landau in der „Welt", Nr. 4, vom 25. Juni 1897 — und dieser Kampf in den letzten Jahren nur noch schärfere Formen angi nommen hat, ist man dennoch von dieser Seite an den so verhaßten und bekämpften Dr. Stern vor den letzten Wahlen mit der Bitte um Ueberlassung dreier Mandate herangetreten. Der Kuhhandel, in dem um den Preis dreier Mandate die ganze zionistische Opposition kapitulieren sollte, kam nicht zu Stande, weil in der Personenfrage keine Einigung erzielt werden konnte. Dieses Antichambrieren bei Dr. Stern steht im krassen Widerspruch zu dem in Wählerversammlungen und in Flugschriften verkündeten Schlagwort, daß es Dr. Herzls Testament sei, die Kultusgemeinden zu erobern, denn das ist nicht mehr Schule Herzl, sondern höchstens Schule Oskar Marmorek. Und als ihnen Dr. Stern nicht einmal drei Mandate geben wollte, dann nahmen sie erst den Kampf auf. Von den offenen 11 Mandaten besetzten sie gleich neun mit ihren Anhängern und waren so gütig, den anderen oppositionellen Parteien die zwei restlichen anzubieten ... Selten hat eine Opposition in leichtfertigerer Weise ihre Siegeschancen zerstört. * Das zifternmassige Ergebnis. Das Ergebnis der am 27. November vo'lzogenen Kultuswahl stellt sich in folgenden Ziffern dar: Abgegebene Stimmen: 4446; davon erhielten: Die ausgetretenen Vorstandsmitglieder: Dr. Markus Spitzer 3031 Stimmen, kais. Bat Sigmund Kauders 2973 Stimmen, kais. Rat Leopold Langer 2864 Stimmen. N e u g e w ä h 11 wurden die Herren : Richard Bettelheim mit 2876 Stimmen, Dr. Jakob Engel mit 2994 Stimmen, Karl Lemberger mit 2867 Stimmen, Architekt Jakob Gärtner mit 2831 Stimmen, Installateur S. Brod mit 2772 Stimmen. Vorstehende acht Herren wurden für eine Mandatsdauer von sechs Jahren gewählt. Mit vierjähriger Mandatsdauer wurden gewählt die Herren: Dr. Heinrich Schreiber mit 2776 Stimmen Emanuel Grünwald mit 2351 Stimmen Mit z w e ijähriger Mandatsdauer : Herr Dr. Anselm Halpern mit 2777 Stimmen. i Von den Kandidaten der Minorität erhielt die meisten Stimmen Herr Börsenrat Adolf Brecher und zwar 1582. Herr Dr. Jakob D e u t s c h erhielt für die sechsjährige Periode 151 Stimmen und für die vierjährige 520 Stimmen. . *