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Neue Nationalzeitung · 1910-12-09 · Heft 25 (9.12.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 25 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Rabbiner spekulativ verfährt, Gelehrsamkeit mit praktischem Sinn in harmonischen Einklang zu bringen versteht, den praktischen Sinn allerdings auf Kosten der idealen Güter des Judentums betätigt, gelingt es ihm, über die gefährlichen Klippen des reißenden Gemeindestromes glücklich hinwegzusteuern und sein pastorales Schifflein in ein ruhigeres Bett zu lenken. Bei Doktor Schmiedl war das alles nicht nötig. Seine Predigt, sein Vortrag, seine Derascha hat ihm die Liebe aller erworben. Hier lag die gewaltige Kraft der unbeabsichtigten Eroberung aller jüdischen Seelen, die seinen süßen Worten lauschten und noch heute lauschen. Der Zauber seines Vortrages liegt in der echt jüdischen Art, wie dieser jüdische Seelenhirt zu seinem jüdischen Volke zu sprechen versieht. Und es ist ein großer Fehler der modernen jüdischen Homiletiker, Jünger heranzubilden denen der Geist der großartigen Kraft und geistvollen Derascha, welche an Kopf und Herz der Hörer sich wendet, ganz abgeht, ganz fremd ist. An Dr. Schmiedl könnte man sich ein Beispiel nehmen, wie man die Predigt zu gestalten habe, daß sie echt jüdisch und doch modern sei. Mit Recht schrieb einst der nicht vor gar langer Zeit leider verunglückte M. A. Klausner, daß der Jude Logik bete und Psychologie singe. Wie kann man mm von dem Juden verlangen, daß er an Sabbatund Feiertagen eine inhaltsleere phrasenreiche und salbungsvolle Predigt über sich ergehen lasse, während das einfachste jüdische Gebet tiefen Ideengehalt hat? Unsere großen Männer haben daher dem jüdischen Geiste entsprechend zum jüdischen Geist gesprochen, so oft sie ihre Derascha hielten, und unser großer Doktor Schmiedl wendet sich ebenfalls, so oft er seine geistsprühenden Deraschos hält, an den jüdischen Volksgeist, der ihm zujubelt, weil er ihn versteht. Immer seltener werden die Männer vom Schlage des Dr. Schmiedl. Und wenn in Wien das Protektiorlswesen, das in jüngster Zeit zu blühen begonnen hatte, weiter fortwuchern wird, wird der jüdische Geist leider von der jüdischen Kanzel ganz verschwinden. Es ist eine seltene Erscheinung, daß ein großer Gelehrter auch ein großer Prediger ist. Der Genius Adolf Jellineks hat in sich beides vereinigt. Er war der große Forscher, der großartige Lamdan und Charif und der geniale hinreißende und zündende Kanzelredner, dessen Reden nicht salbungsvoll waren, auch nicht trocken, sondern Schmelz hatten und echt jüdischen Geist atmeten. Hierin ist Schmiedl Dr. Jellinek ähnlich. Auch er vereinigt in sich große Gelehrsamkeit mit glänzende Rednergabe. Er war, nacheinander Rabbiner in Bielitz, Prossnitz, in Fünfhaus, als es noch nicht der Gemeinde Wien einverleibt war, und als erst der geniale Jellinek das Zeitliche gesegnet hatte, lenkten die Leiter der Wiener jüdischen Kullusgemeinde ihr Augenmerk auf Schmiedl, der damals schon die Siebzig überschritten hatte. Es dürfte auch heute noch manche Rabbiner geben, die mit feuriger Beredsamkeit und im modernen Gewände die alte Derascha, die echt jüdische und echt jüdische Geister anziehende und zu allem Guten, Wahren und Schönen entflammende Predigt auf der jüdischen Kanzel kultivieren und sie zu Ehren bringen; allein diese weißen Raben müssen in irgend. einem Neste geistig verkümmern, weil sie keine Protektion haben..... Vielleicht wird das 90. Wiegenfest des greisen Wiener Rabbiners nach dieser Richtung hin wenigstens Wandel zum Besseren schaffen. Dann wird der Jubel um den greisen Jubilar ein doppelter sein. Möge es nun die göttliche Vorsehung in ihrer unendlichen Gnade walten lassen, daß es dem greisen Jubilar auch vergönnt sei, bei körperlicher und geistiger Frische seinen 100. Geburtstag zu feiern. Nachum Hamaschgiach. T)er Ausgang der Wiener Kultuswahlen. Ein Pyrrhussieg. Die offizielle Liste hat gesiegt. Es war ein trauriger Sieg. Noch ein solcher „Sieg" und die Leiter der Wiener Kultusgemeinde haben vollständig abgewirtschaftet. Wie wir bereits in der vorigen Nummer prognostiziert haben, war die Stimmung der Wählerschalt sehr apathisch. Von 12.268 stimmberechtigten Kultuswählern sind im Ganzen 4446 Stimmen abgegeben worden. Während also die Wähleranzahl gegen das Jahr 1908 um 1130 zugenommen hat, ist die Stimmenanzahl um 551 (4997 Stimmen im Jahre 19; 8) gesunken. Die Visitkarten, die vor zwei Jahren Wunder gewirkt haben, scheinen also zu versagen. Ja, noch mehr. Während die offizielle Liste vor zwei Jahren auf sich 3961, respektive 3187 Stimmen vereinigte, sind für dieselbe bei den letzten Wahlen 3031 respektive 2351 Stimmen abgegeben worden. Die Majorität ist also um 930 Stimmen zurückgegangen; dies alles, trotzdem seitens des offiziellen Wahlbureaus, an dessen Spitze ein Präsidialbeamter des Kultusvorstandes stand, in sehr bedenklicherWeise mitdenStimm zetteln in anipuliertwur drer Das Unglaublichste besteht darin, daß einzelnen Wählern ausgefüllte Stimmzettel ins Haus geschickt wurden, ausgefüllt natürlich mit den Namen der Majoritätskandidaten. Dieser Stimmenrückgang ist im Zusammenhange mit der Zunahme der Stimmenanzahl auf Seiten der Opposition ein bedeutsames Symptom für die Unzufriedenheit, welche in der Majorität der jüdischen Bevölkerung um sich greift. Wenn von 12.268 Wählern 7822 zu Hause bleiben, so läßt sich dies kaum mit bloßer „Indolenz* erklären Das sind die Wähler, von denen ein großer Teil gewiß auf dem Sprunge steht, zur Opposition zu übergehen. Nur noch zwei Jahre und sie werden auch so weit sein. Ziehen wir das Verhältnis zwischen den Stimmen der offiziellen Liste (3031 respektive 2351) und der Wahlberechtigten (12.268), so resultiert, daß die gewählten Vorstandsmitglieder 25, respektive 10 Prozent Stimmen erhalten haben. Die Stimmenanzahl wird bedeutend geringer, wenn wir die Anzahl der Kultussteuerzahler dazunehmen, denen das Wahlrecht eskamotiert wurde, weil sie die Kultussteuer nicht oder nicht ganz bezahlt haben. Es gibt darunter auch eine große Anzahl von Steuerzahlern (speziell Staatsbeamte), die die Steuer halbjährig respektive monatlich zahlen. Da sie bis zum 24. September nur für 6 oder 8 Monate die Steuer bezahlen, dürfen sie seit der Aera Dr. Stern nicht wählen. Wenn wir nun die Zahl aller Kultussteuerzahler und zwar 25.276, in Betracht ziehen, so ergibt sich daß die neuen Herren Kultusvorsteher das „Vertrauen" von 12, respektive 9 Prozent der Steuerzahler genießen. Und da hat die Wochenschrift des Kultusvorstandes noch den Mut, von einem „offenkundigen Vertrauensvotum für den Vorstand" zu sprechen. . . . Unter den Gewählten gibt es zweifellos Männer, die durch ihre bewährte jüdische Gesinnung und bis-

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