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Neue Nationalzeitung · 1910-11-25 · Heft 24 (25.11.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 24 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite -8 M^fl^^M^O1?^?^^^' Nr. 24. Deutsches Reich. Die Zurücksetzung der Iuden im deutschen Heere. Berlin. Der Zentralverbandder deutschen Juden und der Zentralverband deutscher Staatsbürger, jüdischen Glaubens veranstalteten am 14. d. M. im großen Saale der Philharmonie eine Versammlung, die sich mit der Stellung der Juden im deutschen Heere beschäftigte. Justizrat Dr. Hör witz eröffnete um 12 Uhr die gutbesuchte Versammlung mit einer Ansprache, in der er die Frage der Stellung, der Juden im Heere als brennende charakterisierte, und erteilte sodann dem ersten Redner Prof. Dr. Martin Philippson das Wort zu folgenden Ausführungen: Die beständige Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere, ihre Ausschließung vom aktiven und Reserveoffiziersstande seit einem Vierteljahrhundert nur um ihres Bekenntnisses willen bedeudet eine grundsätzliche Verung 1 i mpfun g der jüdischen Religionsgemeinschaft in Deutschland und ihres Glaubens. Deshalb muß der Verband der deutschen Juden zur Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte sich dieser Sache annehmen und die Glaubensgenossen zum Mitstreit aufrufen. Die preußische Verfassung und die Gesetzgebung des Deutschen Reiches haben die volle Gleichberechtigung aller Konfessionen, auch zur Bekleidung öffentlicher Aemter, ausdrücklich ausgesprochen. Aber diese Bestimmungen werden auf militärischem Gebiete andauernd verletzt. Solche Verletzungen widersprechen der Ueberlieferung des preußischen Heeres. Von 1813 bis 1884 hat es zahlreiche Reserveoffiziere und sogar einen aktivenMajor jüdischen Bekenntnisses gegeben. Sie widersprechen auch der in den Heeren aller außerdeutschen zivilisierten Großstaaten und sogar bis 1866 in den süddeutschen Staaten geübten Praxis, Juden im stehenden Heere selbst bis zu den höchsten Stellen zu befördern. Noch heute werden in Bayern jüdische Einjährig- Freiwillige wenigstens Reserveoffiziere, während sie in Preußen — allerdings erst seit 1885 — die dazu erforderlichen Eigenschaften nicht besitzen. Wenn sich aber ein jüdischer Einjährig-Freiwilliger taufen läßt, so erhält er offenbar dadurch plötzlich die ihm bisher fehlenden persönlichen Eigenschaften, denn er wird befördert. Es handelt sich also nicht um eine Rassenfrage, wie man glauben machen möchte, sondern um eine Glaubensfrage. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion wird verfassungswidrig als Hindernis in der Beförderung angesehen. Der frühere Kriegsminister v. Einem hatte im Reichstage mehrfach die Berechtigung der diesbezüglichen Beschwerden der Juden unter Anerkennung ihrer soldatischen Tüchtigkeit zugegeben. Aber seitdem der Bülowblock dem schwarz-blauen Block gewichen ist, ist wieder eine Aenderung zum Schlimmen eingetreten und der jetzige Kriegsminister v. Heeringen hat im Reichstage den Juden die für einen Offizier nötige Autorität vor der Front abgesprochen. Die Glaubensgenossen müssen sich um den Verband der deutschen Juden scharen, um in der Welt gegen derartige Ueberbleibsel der Barbarei Einspruch zu erheben, bis diese zur Ehre des deutschen Namens verschwunden sind. (Lebhafter Beifall.) Der zweite Redner Geh. Justizrat Cassel eigriff darauf das Wort und führte etwa folgendes aus: Mein Vorredner hat das Thema bereits so erschöpfend erörtert, daß ich mich darauf beschränken kann, nur zu ergänzen. Bei der Zurücksetzung der Juden im Heere handelt es sich nicht um die Beschwerden einzelner, sondern um eine Frage, die die Ehre des gesamten Judentums betrifft. Es ist vielfach angenommen worden, daß die Zurücksetzung, die die Juden erfahren haben, auf den Einfluß des All erhöchsten Kriegsherrn und auf Vorurteile der Laiidwehröffiziere zurückzuführen ist. Diese Auffassung ist unrichtig. Die Zurücksetzung ist eine Folge der antisemitischen Propaganda, die auch gewisse Kreise des Offizierskorps derart beherrscht, daß sich zum Nachteil der Juden eine Praxis befestigt hat, die ebensowenig mit der Verfassung in Einklang gebracht werden kann, wie sie dem Willen des Allerhöchsten Kriegsherrn entspricht. Die Zurücksetzung wird nicht nur gegen die jüdischen Einjährigfreiwilligen, sondern auch gegen die jüdischen Mannschaften angewendet. Durch die Erklärungen des Kriegsministers v. Einem vom 13. April 1905 und 9. März 1909, Erklärungen, die unzweifelhaft mit Genehmigung des Allerhöchsten Kriegsherrn abgegeben worden sind, geht hervor, daß an der höchsten Stelle an eine Zurücksetzung wegen der Religion niemals gedacht worden ist. Nach diesen. Erklärungen durfte man hoffen, daß Remedür geschaffen werden würde. Nun ist aber ein Wechsel im Kriegsministerim eingetreten. Kriegsminister v. Herringen hat im schroffsten Widerspruch zu seinem Amtsvorgänger Erklärungen abgegeben, in denen er als Grund für die Zurücksetzung die Rücksicht auf die Vorurteile in den niederen Volksschichten angibt. Er hat ferner erklärt, daß auch der Mangel der Persönlichkeit trotz der vorhandenen Tüchtigkeit berücksichtigt werden müsse. Ganz abgesehen davon, daß es jeder modernen Anschauung widerspricht, wenn man die Erscheinung des Einzelnen und seine Abstammung als Vorbedingung für seine Berechtigung hinstellt, wäre die Folge dieser Handlungsweise die Frage, wie es denn möglich ist, daß alle Bedenken schwinden, wenn der Aspirant sich taufen läßt. Die Tatsache beweist, daß die Zurücksetzung sich gegen den Glauben und nicht gegen die Abstammung richtet. (Lebhafter Beifäll.) Justitzrat Horwitz schlug, nachdemer den Rednern gedankt, folgende Resolution vor, die einstimmige, beifällige Annahme fand. „Seit länger als einem Vierteljahrhundert ist innerhalb des preußischen Kontingents kein einziger Soldat jüdischen Glaubens zum aktiven oder Reserveoffizier befördert worden, während wiederholt christliehe Söhne jüdischer Eltern zu Offizieren befördert wurden. Dieser grundsätzliche Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses von den Offiziersstellen ist verfassungs- und reichsgesetzwidrig und widerspricht nicht nur den Einrichtungen aller anderen zivilisierten Großstaaten, sondern auch der Ueberlieferung des preußischen Heeres, der allgemeinen Verfügung des Kriegsministers vom 10. Juni 1908 und Armeebefehlen des Kaisers. Die heutige Versammlung erhebt Widerspruch gegen die Fortdauer dieses Zustandes. Der Vorsitzende wird beauftragt, vorstehenden Beschluß zur Kenntnis des Reichskanzlers, des Militärkabinetts, des preußischen Kriegsministers und der Mitglieder des Deutschen Reichstages zu bringen." Wie man sieht, sind die deutschen Juden entschlossen, in energischer Weise ihre Staatsbürgerrechte zu verteidigen. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

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