Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite« .Nfeue; NationaUZeitung" Nr, 24- Als der, ^fieis Chojdesch" noch :fiabbiner in Beiz war, hatte, er die Stadtbewohner, gegen «ich.; An.,;einem• -Ifceitag" abends schickten sie zu ihm; den Schames*) mit der Nachricht, daß er von seinem Amte suspendiert sei. Der Schames entledigte . sich aber erst am Sabbath-Abend seines Auftrages, weil er den Rabbi am Sabbatb nicht betrüben .wollte. Der Rabbi antwortete dem Schames folgendes: „Sage den Bürgern, daß die Stadt, die die Thöra, die Quelle, des Lebens, zurückweist, niemals gutes Trinkwasser haben wird. Die Bürger aber, die Dich am Sabbath zu mir geschickt haben, sollen nach ihrem Tode im Grabe keine Ruhe finden. Dafür aber, daß Du mir die Nachricht erst am Sabbath-Abend gebracht hast, soll Dein Sohn ein so großer Gelehrter sein wie ich." Wie weit diese Wünsche und Verwünschungen in Erfüllung gegangen sind, weiß ich nicht. Aber Tatsache ist, daß das Trinkwasser in Beiz sehr schlecht ist Eines Tages hat die Regierung ein Stück des alten jüdischen Friedhofs zu Bauzwecken verwendet und viele Leichen mußten auf den neuen Friedhof übeiführt werden. In Beiz behauptet man nun, daß es die Leichen der Bürger aus der Zeit des alten Rabbi waren. Auf dem Beizer Friedhof steht eine Gruft, in die man bis zum heutigen Tage „Kwittlech" (Wunschzettel) hineinwirft. Dort ruht Reb Aurele, der vor 125 Jahren in Beiz Rabbiner gewesen war. Er soll nun der Sohn des Schames sein. Die „Dynastie" des jetzigen Beizer Rabbi stammt von Reb Schulim, einem Großvater des jetzigen Rabbiners. Reb Schulim starb im Jahre 5615 (1^55) während der Cholera- Epidemie. Er war nicht der Sohn eines Rabbiners, sondern ein einfacher, frommer Mann und ein Schüler des „Lubliner Zadik". Zu jener Zeit pflegten viele Lubliner Chassidim zum „Beizer" zu fahren. Als nun Reb Ahrele starb, fragten sie den „Lubliner", wer nun Rabbiner in Beiz werden soll. Er empfahl ihnen Reb Schulim und fügte hinzu: „Kwiltlech dürft Ihr Ihm auch geben." Reb Schulim wurde nun ein berühmter Rabbi. Nach seinem Tode wurde sein Sohn Reb Johoschitl Rabbi von Beiz. Reb Jsucher Beer, der jetzige Beizer Rabbi, ist dessen zweiter Sohn. Er trat das Erbe an über Wunsch des Vaters; der älteste RebSchmuel ist jedoch Rabbiner in Sokal. Das Haus des Rabbi. Der Rabbi bewohnt ein einfaches, einstöckiges Haus in einem engen, schmutzigen Gäßchen. Vor dem Hause sitzen Böckerinnen, die den Vorübergehenden Obst und Süßigkeiten anbieten. Neben dem Hause, auf einem großen Platze steht das Bethaus des Rabbi, in dem mehr als 5000 Personen Platz finden. Auch der Rabbi betet hier mit seiner Familie und an den wichtigsten Festtagen fungiert er selbst als Vorbeter. Die Wohnung des Rabbi besteht aus zwölf Zimmern. Die Möbel sind altmodisch. Der Rabbi hat ein eigenes Schlafzimmer. Von dort führt eine Tür in eine große Sukkah. **) Durch eine andere Tür gelangt man in ein sehr großes Zimmer, das die „große Stub" genannt wird. Diese Stube dient zu verschiedenen Zwecken. Am Samstag und an den Feiertagen wird hier gespeist. Wenn die Chassidim dem Rabbi die „Kwittlech" überreichen wollen, warten sie in der .großen Stub". Zwei Sekretäre des Rabbi schreiben hier diese „Wunschzettel". Ein Jude verkauft Tee, Backwerk, Obst und Apfelmost. Bettler, Krüppel und Verrückte gehen hier ein und aus. Aus allen Gegenden Galiziens werden Wahnsinnige zum Rabbi gebracht. Sie bleiben dort wochenlang und warten auf Hilfe. Ich sah hier einen Besessenen. Er schrie immerfort: *) Bethausdiener. **) Laubhütte. „'Sagt >Räbbi; ^äaß er mir Semen Rüheplatz gebe \u Ex sprach raüeh vielr 'dummes^ZeÄg|i aber wenn m an ihm sagte „ Der Rabbi komtnt^1 antwortete er :' ^Der: Rabbi; soll recht lange leben, aber v^ ihm fürchte ich'fauch.» Er brennt \ und sticht michi mit seinen Worteril" : / -; r "Von hier gelängt man durch einen längen Korridor in' den „Audienzsaal" des Rabbi. Umgeben von vier Sekretären empfängt er zweimal täglich : von 4— 6 Uhr nachmittags und nach dem Abendgebet. Es werden Gruppen von 40 bis 50 Personen vorgelassen, so daß der Rabbi in• zwei Stunden, über 200 Besucher abfertigt. Nur Käpäziläten werden einzeln' empfangen. Die Einwohner von Beiz sind, wiewohl sie' durch den Fremdenverkehr viel profitieren, zumeist keine Anhänger des Rabbi. Er ist ihnen zu reaktionär und unduldsam. Reb Isucher Beer Rokeach, der jetzige Beizer Rabbi, ist ein stattlicher Mann in den Fünfzigerjahren. Er ist seit mehreren Jahren augenleidend und das hat ihn körperlich ein wenig heruntergebracht. Er trägt einen Spodek, einen seidenen Kaftan, weiße Hosen und weiße Strümpfe. Er gilt als großer jüdischer Gelehrter, doch hat er von allgemeiner Bildung keinen Begriff. Ich zweifle, ob er außer jüdisch noch eine andere Sprache schreiben kann. Er verpönt überhaupt jede Bildung. In der Politik spielt er insoferne eine unrühmliche Rolle, als er den Schlachzizen sehr ergeben ist. Bei den letzten Reichsratswahlen wäre ein jüdischer Kandidat gewählt worden^ wenn er nicht vom Beizer Rabbi bekämpft worden wäre. Er setzte sich mit seinem ganzen Einfluß für den judenfeindlichen Starzynski ein, der auch gewählt wurde. Die Gegenleistung des Grafen Potocki an dem Beizer bestand darin, daß die vom galizischen Landesausschuß geplante Errichtung eines jüdisch-theo'ogischen Instituts in Lemberg fallen gelassen wurde. Der Beizer braucht keine jüdischen Religionslehrer und der Chef der galizischen Landesverwaltung war mit ihm darin einig. Der Rabbi bekämpft auch den Zionismus und die jüdisch-nationale Bewegung. Die Frau des Rabbi und die anderen weiblichen Familienmitglieder bekommt man nur am Samstag zu sehenr wenn sie in die Schul gehen. Sie tragen viel Schmuck und schöne, aber einfach genähte Seidenkleider. Die Frau des Rabbi entstammt einer russischen Rabbinerfamilie. Sie soll nicht ganz ungebildet sein. Die I^ulfuswahlen in Wien. in. Wie bekannt, haben sich mehrere um das Wohl, der jüdischen Gemeinde besorgte Männer zur Aufgabegemacht, im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der Gemeinde und einer gerechten Vertretung der gesamten Bevölkerung eine Koalition sämtlicher durch den gegenwärtigen Kultusvorstand in die Opposition, gedrängten Gruppen herbeizuführen. Diese Koalition ist an dem Widerstande der zionistischen Gruppe gescheitert. Es wird sich zeigen,; ob dies klug und sachlich begründet war. * Infolge Scheiterns dieser Koalition hat Herr Bettiausobmann Hermann Eltbogen jede Kandidatur abgelehnt.