Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. „JMeue National-Zeitung'* Seite 5 hier helfend einzugreifen? Das geschieht aber nicht überall.'Oerade bei den-gottesdienstlichen Veranstaltungen müssen a 1 l e jüdischen Religionslehrer der Jugend Vor Augen halten, daß es die Würde des: Judentums zu wahren gilt. Die Art und Weise aber wie sich Junge und — Alte im Gottesdienste benehmen, sie bilden den wahren Ghillul, so hast du es ja genannt. Mehr Chillul, als wenn man offen und ehrlich auf die Wunden hinweist, die am Marke des Judentums zehren. Und, wenn 4ü noch so geistreiche Verteidigungsreden hältst, diese Schuld wirst du nicht zu bemänteln vermögen. Sanegor: Wir wollen nicht im Unfrieden scheiden. Was wir sprechen, dient dem Wohle des Judentums. Möge es von den Beteiligten beherzigt werden. Von Eltern, Lehrern, Rabbinern, Vorständen und Schülern. — Vieles, vieles ist krank am Baume des Judentums,; aber noch ist es Zeit, es zu heilen. Tue nur jeder seine Pflicht, dann wird es besser werden. Kategor: Du bist schon wieder in deinen unheilbaren Optimismus verfallen, den ich nicht teilen kann. Ich sehe keine Symptome der Besserung. Uns tut eine Radikal kur not. Die Heuchelei, in welcher Gestalt auch immer sie auftritt, muß schwinden. Wir müssen es uns auch abgewöhnen, in jedem, wenn auch noch so veralteten und kleinlichen Gebrauche, das Wessen des Judentums zu erblicken und in seiner Abänderung den Untergang des Judentums zu sehen. Bei der Jugend aber muß angefangen werden. Lassen wir endlich die Schönrederei, wir wollen uns zu Taten aufraffen. Ich fürchte aber, es bleibt alles beim alten. Sanegor: Ich nicht, in diesem Judentum steckt doch eine unbezwingliche Kraft. K a t e g o r: Jede Kraft rostet, wie das Eisen, wenn man sie nicht ausnützt. Sanegor: Dies eben werden wohl unsere Berufenen bekommen und dann auch handeln. K a t e g o r: Daran zweifle ich. S anegor: Ich aber hoffe. Die Hoffnung hat das Judentum erhalten. Schweigend gehen die beiden auseinander. Soeben -durchbricht die Sonne das herbstliche Gewölke. Ben-Israel. Moritz Frühling: Seneralstabsarzt T)r. Salomon Kirchenberger. (Anlässlich seiner Pensionierung.) Ein 21 jähriger Zeitraum liegt zwischen der Ernennung des ersten jüdischen Generalstabsarztes im Aktivstande, des am 10. April 1904 in Wien verstorbenen Sr. Michael Waldstein Edler von Heilwehr und der des vor mehreren Tagen in den Ruhestand versetzten Dr. Salomon Kirchenberger. Am 1. Mai 1888 datirt die erste, die letzte 1. Mai 1909. Wohl brachten es noch sieben Juden, — und nur von solchen die es auch blieben, ist hier die Rede, — zum Generalstabsärztenstitel, aber eben nur ad honores: Emanuel Arzt, Sigmund Ritter von Bernstein, Josef Epstein, Moriz Lion, Eduard Parias, Josef U11 ri ch und Jakob Zuckermann. Salomon Kirchenberger, im Jahre 1848 zu Eidlitz in Böhmen geboren, absolvierte als Zögling der k. k. medizinisch-chirurgischen Josefs-Akademie den höheren Lehrkurs an derselben, wurde am* 1. Februar 1873 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert und sechs Tage später beim Garnisonsspitale Nr. 11 in Prag als Oberarzt eingeteilt. Am 1. Mai 1879 zurä Regimentsarzt ernannt, machte er mit dem 54. Infanterieregiment die militärischen Operationen zur Bekämpfung des Insurgentenaufstandes in Bosnien, Herzegowina und Süd- Dalmatien im Jahre 1882 mit, wurde 1895 mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet und am 1. Februar 1896 dem technischen Militärkomitee zugeteilt. Am 1. November 1896 avanzierte Kirchenberger zum Stabsarzt und wurde noch im selben Monate zum außerordentlichen Mitgliede des Militär- Sanitätskomitees ernannt. Am 1. Mai 1900 rückte er zum Oberstabsarzt II. Klasse vor, bei gleichzeitiger Ernennung zum Garnisons-Chefarzt in Troppau, wurde 1901 mit dem Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens dekoriert und am 1. November 1903, bei gleichzeitiger Ernennung zum Kommandanten des Garnisonsspitales Nr. 4 in Linz, zum Oberstabsarzt I. Klasse ernannt. Am 15. Oktober 1906 erfolgte seine Ernennung zum Sanitätschef des 1. Korps in Krakau, 1908 erhielt er den Eisernen Kronen-Orden III. Klasse und am 1. Mai 1909 wurde er zum Generalstabsarzt befördert. Das letzte November-Verordnungsblatt brachte nun die Nachricht von seiner Pensionierung, aus welchem Anlasse ihm noch das Komturkreuz des Franz Josel-Ordens verliehen wurde. Möge dem um die Armee verdienten Herrn ein durch geistige und körperliche Rüstigkeit verschönter langer Lebensabend beschieden sein. Kirchenberger hat es ebenso wie die oben Genannten verstanden, Pflichterfüllung und Charakterfestigkeit in harmonischen Einklang zu bringen. Moses Richter (New-York): Der Beizer Zadik. Beiz ist ein galizisches Städtchen unweit der rassischen Grenze, mit 3000 jüdischen Einwohnern, die sich als Werkzeuge Gottes gebärden. Das Städtchen ist recht schmutzig und in den Gassen stolpert man alle 50 Schritte über einen Misthaufen. Die Einwohner sind nach Art des Rabbi gekleidet, nur sind ihre Kleider unsauber, während die des Rabbi rein sind. Man trifft dort „Ehemänner", die kaum fünfzehn Jahre alt sind; sie tragen hohe Fuchsfellmützen („Spodkes"), niedrige Schuhe, weiße Strümpfe und kurze Hosen, die am Knie festgebunden sind. Die Hemden haben weiche Kragen und sind am Hals mit Bindfäden zusammengebunden. Um den Kaftan wird ein dicker Gürtel getragen und je frömmer Einer ist, desto niedriger hat er den Gürtel umgebunden. Die Leute auf der Straße bewegen sich schnell, fast laufend. Sie scheinen nie freie Zeit zu haben, als wären sie sehr eifrige Geschäftsleute. Die Frauen des Städtchens tragen die Köpfe rasiert und um dieselben Tücher gebunden. Ihre Kleider sind einfach. Eine Mode kennt man in Beiz nicht. Nur sehr wenige Frauen tragen Perücken. Der „Beizer" gehört zu den bedeutendsten galizischen Wunderrabbis. In Beiz war der berühmte „Beis Chojdesch* Rabbiner. Von ihm will ich hier eine Geschichte erzählen, die sich seit Generationen vererbt hat und die jeder Fremde in Beiz zu hören bekommt: