Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 24 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425826--1860-2428249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 ,Neue National-Zeitung" Nr. 24 mehr als ewigeiStr« itereien über Lehrpläne und Lehrbücher. Der tüchtige Lehrer vermag auch ohne vorgeschriebene Le^rpläae auf die Jugend zu wirken und die Lehrbücher — die können mir gestohlen werden, wenn auch für manche, vom hohen Ministerium approbierte, noch so vjel Reklame gemacht wird. In älteren Zeiten gab es solche Bücher nicht und wie viel wurde da gelernt. Jetzt Unwissenheit, Widerwillen gegen die Religion überall. Unhaltbare Zustände. Und dann diese Uebertritte unreifer junger Leute! Sanegor: Fasse dich nur mit deinen Anklagen. Du hast heute, schimpfender Kategor, wieder deinen guten oder schlechten Tag. Siehst wieder alles Grau in Grau. Das macht wohl das schlechte Wetter. Doch zur Sache. Ieh gebe dir vieles zu, aber nicht alles. Du bist ein Lobredner vergangener Tage. Aber schon Koheleth, du kennst ja den Schopenhauer des alten Bundes, hat gesagt: Sage nicht, die früheren Zeiten seien besser gewesen, das sprichst du nicht aus Weisheit. Wie viel Zeit wurde in verflossenen Tagen auf das Studium des Hebräischen verwendet? Und, was die Religion anlangt, so sahen die Kinder ihre Uebung im Elternhause. Das ist nun anders geworden. Die Kinder werden heute vielfach überbürdet. Die Schule stellt an sie die größten Anforderungen. Sie müssen aber auch andere Disziplinen erlernen, in denen in der Schule oft nicht unterrichtet wird: Fremde Sprachen, Musik, Zeichnen. Und dann kommt der körperliche Sport. Wir wünschen doch gesunde Seelen in gesunden Körpern, geistiges Fortschreilen bei möglichster Erhaltung der Gesundheit. Wie du demnach siehst, leben wir in einer anderen Zeit. Tadle diese nicht zugunsten verflossener Zeiten. In dem zweistündigen Religionsunterrichte kann beim besten Willen nicht mehr geleistet werden als wirklich geschieht. Dies alles erwäge, ewig anklagender Kategor. Du tadelst nur, denn dies ist dein Geschäft. Kategor: Du wirst anzüglich, alles beschönigender Sanegor, aber ich will dir nicht auf deinem Pfade folgen, ich will sachlich bleiben. Alles Persönliche widerstrebt mir, ich verzeichne nur Tatsachen. Und diese sprechen eine beredte Sprache. Freilich, in zwei Unterrichtsstunden kann man nicht alles dies leisten, was in vergangenen Tagen Aufgabe des ganzen Lebens gewesen ist. Aber auch in diesen wenigen Stunden ließe sich mehr tun. Man darf freilich nicht die Kinder mit abstrakten Formeln plagen, durch weitgetriebenen Unterricht in der Grammatik ihnen die hebräische Sprache verleiden oder ihnen philosophische Vorträge halten, die sie schon gar nicht verstehen. Ich will hier nicht ein Lehrgebäude für den jüdischen Religionsunterricht aufführen. Aber vor allem sehe man darauf, daß die Kinder geläufig hebräisch lesen und die wichtigsten Gebete verstehen. Wenn sie aber mit der Erklärung schwieriger hebräischer Formen geplagt werden und man dann sieht, daß sie nicht das Glaubensbekenntnis zu rezitieren vermögen, vom Gebetbuche keine Ahnung haben, keine Kenntnis unserer Feste und religiösen Einrichtungen besitzen, wie sollte man da nicht der vergangenen Tage denken, in denen ein zehnjähriger Knabe mehr Kenntnis unserer Religion hatte als jetzt ein Abiturient. Von den Mädchen will ich lieber schweigen — das ist ein zu trauriges Kapitel. Sanegor: Du nennst mich den Alleweltverteidiger. Und so muß ich meinem Namen Ehre machen und auch dir in vielen von dem Vorgebrachten recht geben. Aber eines behaupte ich: An allen den Unterlassungen sind nicht die Lehrer, sondern die Eltern, nicht die Schule, sondern das Haus schuld. Die Lehrer sollen all das leisten, was im Hause unterlassen wird^ Nun sehen wir einmal zu, mit welchem Widerwillen,, ja welcher Feindseligkeit man der Religion und ihren Vertretern in vielen jüdischen Häusern entgegenkommt. Man will von der Religion nichts wissen, erklärt sie als etwas Ueberlebtes, Abgetanes, wenn nicht als Rück^ schritt. Was, hört man ausrufen, unsere Kinder sollen neben Latein, Griechisch, Böhmisch, Französisch, Eng* lisch noch Hebräisch lernen? Der jüdische Religionslehrer soll mehr als der der Andersgläubigen gegen eine Macht ankämpfen, die sich immer mehr ausbreitete gegen die Religionslosigkeit. Eine schwierige, schier un-r überwindliche Aufgabe. Zu Hause wird oft über das gespottet, das verhöhnt, was der Lehrer als das köstlichste Gut erklärt. Welche Widersprüche werden im Herzen der Jugend dadurch erzeugt! Es ist der Geist der Zeit, der Menschen eigener Geist, gegen den der jüdische Religionslehrer autkommen muß. Und wehe ihm, wenn er dem jungen Herrchen eine schlechte- Note gibt. Dann reizt er die oberen und niederen Mächte: gegen sich auf. Schwere Zeiten sind über das Judentum gekommen. Kate gor: Mir will es scheinen, lieber Sanegor, als würdest du nun selbst, du, der unverbesserliche- Optimist, zum Pessimismus bekehrt. Auch ein Erfolg. Deine Auseinandersetzungen gebe ich vollinhaltlich zu. Ich denke aber, gerade in diesen düsteren Zeitläuften sollte der Religionslehrer seine ganze Kunst daran setzen, sich ihnen entgegenzustemmen, um dienoch bildsame Jugend für sich und die Religion zu gewinnen. Der jüdische Religionslehrer muß dies mit den Künsten der Pädagogik zuwege bringen. Die Kleinen weihe er in die schönen, jüdischen Gebete ein, erzähle ihnen mit Schlichtheit die biblische Geschichte, knüpfe daran weise Belehrungen. Die Großen lasse er Einblick bekommen in die schönsten Stellen der Bibel, trage ihnen die Geschichte des jüdischen Volkes vor, immer im Zusammenhange mit der Geschichte anderer Völker, mit denen es in Verbindung trat, knüpfe aber immer an konkrete Tatsachen an, bewege sich nie in abstrakten Vorstellungen und Begriffen und nütze die Zeit, und seien es auch nur zwei Stunden, weise aus. Wer sagt,, daß ihm nur zwei Stunden zur Verfügung stehen? Er hat die Jugend immer um sich. Darum bewache, belehre, leite, führe er sie auch außerhalb der Unterrichtszeit. Freilich gehören dazu besondere pädagogische Geschicklichkeit und Kunst, Mut, Ausdauer, guter Wille — und eine eigene, feste Ueberzeugung sowie ein vorbildliches, schönes Beispiel. Ich will jetzt wirklich aus meiner Rolle fallen und niemand anklagen, aber lassen es viele Lehrer nicht an diesen Eigenschaften fehlen? Sanegor: Wir vertauschen nahezu unsere Rollen' Kategor, wenn ich dir zugebe, daß es wirklich sich so verhält, wie du es schilderst. Dem Lehrer stehen in der Tat viele Gelegenheiten zu Gebote, in denen er, auch außerhalb der Unterrichtszeit, die Jugend belehren kann. Besonders tue er dies, wo er sich auch freier bewegenkann, im Gottesdienste. Kate gor: Da hast du mich auf den richtigen Punkt gebracht. Aber, wie sieht es in diesen Veranstaltungen aus? Ich werde schon wieder der ganze- Ankläger. Welche Zuchtlosigkeit herrscht da oft! Und, da sollte man nicht bessern können? Muß sich nicht Jeder, müssen sich nicht insbesondere die Vorstände und die geistlichen Vertreter des Judentums, alle jüdischen Lehrer mit dem Religionslehrer vereinigen, um