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Neue Nationalzeitung · 1910-11-25 · Heft 24 (25.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 24 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. '24 „Neue Nationat-Zeitung" Seite 3 Sozialdemokratie in der richtigen Erkenntnis, daß der Spontanen Erfüllung ihrer. Ideale unüberwindliche Hindernisse entgegenstanden, an ihre Stelle die ruhige Arbeit der Organisation treten ließ und so die revolutionäre Propaganda durch die reformatorische ergänzte und ersetzte. Aehnlich suchte der Zionismus in den Juden zuerst das Gefühl der Gemeinschalt zu wecken, um sie dergestalt mehr und mehr vom europäischen Boden abzulösen, sie ihrer Umgebung zu entfremden. Seine reformatorische Ausdrucksform heißt: der jüdische Nationalismus. Schon unter den herrschenden Umständen sollten sich die Juden als eigene Nation konsolidieren und als solche ihre Rechte vertreten. Mit solch einem Standpunkt ließ sich schon rechnen. Er fand demgemäß mehr Zustimmung und Verbreitung. Man konnte irn Lande verbleiben und trotzdem der veränderten Stimmung Rechnung tragen. Tm übrigen sollte, wie gesagt, damit kein prinzipielles Zugeständnis verbunden sein. Die Zionsidee war nicht verleugnet, sondern lediglich vertagt worden. Wenn man jedoch tiefer blickt, kann man sich nicht verhehlen, daß ein vollständiger Wechsel der Grundrichtung eingetreten war. Für derartige Strömungen ist ja niemals der abstrackte Ausdruck in SO hohem Maße charakteristisch wie die Stimmung, die iie auslösen. Die Stimmung des Zionismus unterschied sich indessen gerade in den Hauptpunkten von der des Rationalismus. Die Zionisten verlegten den Schwerpunkt nach dem Osten, nach dem neuen Jerusalem, sie betrachteten sich als Untertanen eines Reiches, das erst erstehen sollte und deshalb als Fremdlinge in jhrer derzeitigen Heimat. Sie wiesen jedes innere Interesse an den Angelegenheiten der letzteren konsequenterweise zurück, vor allem jede politische Beteiligung. Solch ein Zustand war eben wogen seiner Schroffheit auf die Dauer kaum aufrecht zu erhalten. Der Nationalismus verhielt sich anders, er verlangte keine so asketische Zucht, er kam den praktischen Bedürfnissen entgegen, ja er versprach sogar greifbare Vorteile, die man bisher gar nicht besessen. Vor allem dadurch, daß er den Anschluß an das politische Leben emöglichte. Der Zionismus war, da er den Autenthalt der Juden in den verschiedenen Staaten bloß als ein Provisorium, als einen unhaltbaren und deswegen bald zu beseitigenden Zustand betrachtete, eine eingestandenermaßen unpathetische Bewegung. Der Nationalismus dagegen war Wenigstens nach außen mit den Bedingungen der bisherigen Staatsbürgerschaft vereinbar. Die Juden sollten sich auch weiter, wenigstens für die nächste Zukunft, als Söhne ihres Vaterlandes, allerdings in geographischer und nicht mehr in ethnologischer Hinsicht, fühlen. Also als Staatsbürger mosaischer Konfession und jüdischer Nationalität sollten sie ihre entsprechende Organisation und Vertretung haben. Sie sollten in eigenen Kurien Wählen, eigene Mandate erhalten. Es ist begreiflich, daß dies Programm eine stärkere Anziehungskraft übte, jährend der Zionismus bloß utopischen Schwärmereien Nfa^irung gegeben hatte, eröffnete der Nationalismus wieder den konkreten Bedürfnissen, dem politischen Ehrgeiz freies Feld. Man konnte, ohne auf die Verwirklichung der fernen Zukunftsträume zu warten, schon hierzulande als Vertreter speziell jüdischer Interessen 2ü Reichsratsmandaten und Einfluß gelangen. Aber selbst von dieser in ihren Tendenzen wesentlich gemäßigten Bewegung kann man nicht behaupten, daß sie außerordentlich in die Breite drang. Sie zog überall die Aufmerksamkeit der jüdischen und christlichen Bevölkerung auf sich, sie erzielte gelegentlich «inen praktischen Erfolg, der dann zumeist überschätzt wurde, sie entfaltete eine rege Propaganda, die sich durch eine intolerante Polemik gegen alle fremden: Auffassungen auszeichnete, aber im allgemeinen äußerten sich ihre Wirkungen weniger in Werken als in Worten. Das beweist der völlige Mangel an bedeutungsvollen Leistungen, die irgend eine entscheidende Wendung der bisherigen Lage herbeigeführt hätten; beweist vor allem die neueste, im Deutschen Reiche immer stärker anwachsende Bewegung: »das liberale Judentum", das dem Zionismus und Nationalismus gegenüber sich ablehnend verhält. Allerlei kleine Schmerzen.*) Fortsetzung des Gespräches zwischen Kategor und Sanegor, mit einem einleitenden Briefe Kategors an Ben-Israel. (Schluß.) K a t e g o r überraschte mich mit folgenden Zeilen, die ich Ihrem geehrten Blatte, hochgeschätzter Herr Redakteur, nicht vorenthalten will. Lieber Ben-Israel! Mein Gegner, der Alleweltvertcidiger, der sattsam bekannte Sanegor, hält sich in seinem letzten Schreiben an den Herausgeber des Blattes darüber auf, daß Sie in indiskreter Weise unsere Gespräche veröffentlichen. Das sieht dem guten Manne ähnlich. Ich für meinen Teil wünsche eine solche Veröffentlichung. Laut hinaus schreie man, was ich sage. Freilich, nicht alle jüdischen Blätter würden diese Gespräche aufnehmen. Das weiß ich wohl und deshalb schätze ich ein Blatt, das den Mut findet, dies zu tun. Darum, lieber Ben- Israel, machen Sie sich nichts daraus, wenn Sie der sanfte Sanegor der Indiskretion beschuldigt. Kämpfen Sie tapfer weiter, wenn Sie auch dafür keine Medaille oder sonst irgendeine Auszeichnung erhalten werden. „Wunden soll man frei tragen", das ist auch mein Standpunkt immer gewesen. Vielleicht finden sich Aerzte, sie zu heilen. — Genehmigen Sie, lieber Ben-Israel, etc. etc. Demgemäß belästige ich Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, nochmals mit einem Gespräche der vielgenannten Gegner. Nichts für ungut. * Kategor: Wir streiften jüngst die Unterrichtsfrage im jetzigen Judentum. Die liegt mir schwer am Herzen. Um es gleich herauszusagen: Unsere Jungen wissen vom Judentum nichts, die Mädchen aber gar nichts. Woran liegt dies? Ich glaube vor allein am Unterrichte selbst... Still, laß mich ausreden, Sanegor, du kommst zu deiner Verteidigung noch früh genug. Ich weiß, was du sagen willst: Die Zeit ist dem Judentum feindlich, die Kinder haben anderes zu lernen als unsere Religion, die Eltern sind gleichgültig religiösen Fragen gegenüber. Alles wahr. Aber ist es bei sotanen Verhältnissen nicht doppelt Pflicht der Lehrer, intensiv und energisch einzugreifen und das gut zu machen, was anderwärts, besonders im Hause, an unserer Jugend gefrevelt wird? Die Schule muß heute vielfach das Haus ersetzen. Eine heilige Pflicht übernehmen die Lehrer und ihre Sache ist es, sie unablässig zu üben. Um dies zu tun, dazu gehört *) Vergleiche die Artikel in Nr. 22 und 23.

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