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Neue Nationalzeitung · 1910-11-25 · Heft 24 (25.11.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 24 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue. ffational-Zeitung" Nr.«, 24 Wirksamer war allerdings, wie ich gezeigt habe, di e-natfonäle Idee. DM klerikäle Reaktipii war ja eine zum großen';Teil künstlich in Szene gesetzte Bewegung, die in Wirldiclikeit völlig anderen Bedürfnissen -als denreligiösen ^entsprang;' zumeist solchen wirtschaftlicher NaturV ©er Natlohälismüs hingegen hatte zutiefst im Völksgen (Ut e Wurzeln gefaßt. So kam es, daß auch das Judentum diesem Antriebe stärker folgte als dem konfessionellen. Das Wiedererwachen der Orthodoxie war eine belanglöse - Episode gegenüber der nationalen, vor allem der z i o n i s t i s c h e n Bewegung. Es ist nicht leicht, all diese Fäden zu entwirren. Aber soviel steht ohne Zweifel fest, daß beide Seiten auseinander gehalten werden müssen und daß den Einflüssen., des .Nationalismus die her weitem größere Bedeutung "zukommt. Wir sehen demgemäß, daß durch die -antisemitische Agitation den Bewegungen, die bald darauf im Judentum unter dem Drücke der Emigration ihrer östlichen Glaubensgenossen entstanden, der Boden bereitet wurde. Der religiöse und noch viel mehr der nationale Radikalismus muß als ein Vorbote des Zionismus betrachtet werden. Aber es war dennoch bloß die wirksame Vorbereitung. Den entscheidenden Anstoß gab die Berührung mit dem Osten, in welchem die Tradition noch so lebendig lebte, daß die Zionsidee, die den Juden der westlichen Länder anfänglich eine lächerliche Utopie dünkte, dort beinahe als Selbstverständlichkeit empfunden wurde. Man darf eben, von den Nuancen der Eigenart abgesehen, nicht vergessen, daß die Bedingungen, unter denen diese Juden standen, wesentlich von denen des westlichen Judentums verschieden waren. Es war ihnen, niemals die Emanzipation gegeben, sie wurden stets in religiöser und nationaler Hinsicht als Fremdlinge angesehen und verfolgt; und so kam es, daß sie ihren Schwerpunkt aus der Gegenwart in die Vergangenheit und aus der Vergangenheit wieder in eine imaginäre Zukunft verlegten, die die phantastischen Wünsche einer Wiedergeburt des alten, palästinensischen Staates zur Erfüllung bringen sollte. Der klerikale Vorstoß, die nationale Ausschließung dor Juden, sie brachten es mit sich, daß auch hier eine Wendung zur Vergangenheit erfolgte, daß die Gemeinschaft der Abstammung, der Interessen und Tendenzen stärker in den Vordergrund trat. So erklärt sich die große Reaktion, die seit mehr als einem Jahrzehnt das Judentum beherrscht. Aus zwei Ursachen, die von den entgegengesetzten Ausgangspunkten her einander verstärkten, einer äusseren und einer inneren, einer, die im Gliristentum, und einer, die im Judentum ihren Sitz hatte, resultiert sie. Durch den Antisemitismus war gleichsam der Boden gelockert worden und so konnte er die Saat des Zionismus besser aufnehmen. Nichtsdestoweniger ist es ein verhängnisvoller Irrtum, dieser Bewegung eine allzugroße Bedeutung beizumessen. Es ist wahr, sie breitete sich in unerwartetem Maße aus und verdient besondere Aufmerksamkeif, da sich in ihr der Stimmungswandel so deutlich spiegelt. Aber, wenn der Räum, über den sie sich ausdehnte, auch ein erstaunlich großer war, die Raümerfüllung war keine starke. Die Bewegung büßte an Intensität ein, was sie an Umtarig, an Extensität gewonnen. Es ist überall vom Zionismus die Rede, es gibt in den verschiedensten Kulturländern Anhänger des Zionismus, aHein ihre Zahl ist nieht groß und ihr Einfluß ein verhältnismäßig geringfügiger.' Die lärmende, unduldsame Agitation; darf.- einen nicht darüber- ■ hinwegtäuschen. Keineswegs sind von ihr die Massen des gebildeten Judentums erfaßt worden. — Trotzdem läßt sich hier eine , bestimmte - Wirkung, nicht verkennen,. ,Ti^enn cliese!VSchithten, sich auch ..nicht dem Zmnismus,, und söiner Organisation.:anschlössen, sie haberiihn geduldet und sogar gefördert.". In ihrem, Verhalten^g^ das läßt sich nicht bestreiten, einebestimmte Zweideutigkeit,. die von üblen Folgen begleitet war. Wie wenig aufrichtig die Anhän gerschaft an dem Zionismus war, geht. .*, mit Deutlichkeit aus den in 0 e s t e r r e i c h herrschenden Verhältnissen hervor. Hier ist ja, von Rußland abgesehen, das eigentliche Zentrum der Bewegung gewesen, die in den. polnischen Gebieten der Monarchie, wo. zu der hergebrachten Juden Verachtung noch der moderne Antisemitismus hinzugetreten war und unerträgliche Zustände für die Juden herbeigeführt hatte, die größte Verbreitung gewann und von hieraus mit scheinbarem Erfolg auch in die westlichen Krönländer einzudringen, suchte. So stürmisch und geräuschvoll die Agitation hier war, wohl auch infolge der besonderen Heftigkeit,, mit der die antisemitische Bewegung in der Reichshauptstadt eingesetzt hatte, der Ausfall der letzten Parlamentswahlen bewies, daß sie nicht in die Tiefe drang. Mit dem Hochdruck seiner Agitation vermochtesich der jüdische Nationalismus bloß in den Besitz verschwindend weniger Mandate und nur in Galizien und der Bukowina zu setzen, obgleich liier in beträchtlich zahlreichen Wahlsprengeln jüdische Majoritäten den Ausschlag geben; und selbst diese wenigen Mandateverdankte er einer grotesken Verbindung mit der oppositionellen, polenfeindlichen ruthenischen Bevölkerungr einer Verbindung, welche die galizisehe Judenschaftr obgleich sie ihr manche augenblickliche Vorteile versprach, früher niemals eingehen wollte, um nicht die herrschenden Polen zu reizen. Dagegen ist bezeichnenderweise in den deutschen Ländern nicht einmal dieser geringfügige Erfolg erzielt worden und eine Einfluß^ nähme des Zionismus auf die politischen Verhältnisse überhaupt ausgeblieben. — Schon der Umstand, daß von den 913 zionistischen, mehr oder weniger fragwürdigen Lokalvereinen 718 Rußland, Rumänien und Galizien angehören, beweist die geringe Teilnahme der Juden des Westens an dieser jüdisch-nationalen Bewegung. So deutlich aber die Juden damit bekundeten,, daß ihnen eine offizielle Anerkennung und Förderung der zionistischen Idee fern lag, sie brachten ihr einer man möchte sagen, platonische Sympathie entgegen, dienicht ohne Wirkung war. Die tiefe Verstimmung gegen die antisemitische Propaganda läßt dies Verhalten einigermaßen erklärlich erscheinen. Allerdings war esr man darf es sagen, ein Entgegenkommen von beiden Seiten. Auch der Zionismus hatte, um weiter in di& Breite dringen zu können, seinen anfänglichen Radikalismus beträchtlich dämpfen müssen. Gegenüber der Forderung, auf dem uralten, seit vielen Jahrhunderten, brachliegenden Boden von Palästina ein neues Staatswesen zu gründen, hatten sich die Juden der Kulturländer skeptisch und ablehnend verhalten. Das Utopische dieses Gedankens blieb ihnen nicht verborgen, sie fühlten sich durch zu viele Fäden historischer Tradition mit dem Boden des Vaterlandes verwachsen. Der Zionismus begann sich deswegen, so verhaßt ihm jedwede Assimilation schon dem Wortklange nach war, den bestehenden Verhältnissen innerhalb bestimmter Grenzen zu assimilieren. Er schob die Verwirklichung seines phantastischen Programms in eine. fernere,; kalendarisch noch nicht fixierte Zukunft hinaus, er gab sich zunächst der Aufgäbe hin, sie langsam durch Ahk^ftpfuh^ ah -die Situation der Gegenwart, vorzubereiten: ähnlich etwa, wie die

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