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Neue Nationalzeitung · 1910-11-25 · Heft 24 (25.11.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 24 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MClOS/L RKRfiusGgBeR: DrS.R.LNNÖ^U •XH. JAHRGANG. WIEN, 25. NOVEMBER 1910. Nr. 24. Politische Strömungen im heutigen Judentum.*) Von Dr. Moriz Friedländer (Wien). ... So entringt sich dem Chasidismus der Zionsgedanke. Man darf aber diesen Zusammenhang, auf den der Galizianer Martin B u b e r in seinen Untersuchungen über jüdische Mystik hinweist, auch nicht überschätzen, und zwar aus zwei Gründen nicht. Fürs erste ist der Chasidismus eine rein religiöse, dem Praktischen, Weltlichen abgewandte Sinnesart, die deshalb zu einer politischen Richtung kein inneres Verhältnis gewinnen kann. Der Zionsgedanke ist hier nicht mit dem Staatsgedanken zu verwechseln; er bleibt eine abstrakte Idee oder sagen wir lieber eine Intuition, die nicht zur Tat reift. Zweitens hat der Zionismus als politisches Programm gerade in den Gegenden vereinzelt Wurzel gefaßt, die vom Chasidismus verhältnismäßig unberührt blieben, im europäischen Westen. Hier waren es andere Motive sozialer und nationaler Natur, konkrete Motive, die ihm den Weg ebneten. Ihnen wollen wir uns nunmehr zuwenden. Wichtiger, bedeutsamer nämlich ist die andere Seite der antisemitischen Bewegung, die nationale. Der Nationalismus, der eigentliche Grundzug des 19. und besonders des beginnenden 20. Jahrhunderts, hat zwei höchst verschiedenartige, in ihrer Gegensätzlichkeit sehr markante Wirkungen auf das Judentum *) Unter diesem Titel veröffentlicht unser hervorragender Mitarbeiter eine umfassende Studie im Novemberheft der Berliner „Zeitschrift für Politik". Dr. Friedländer hat während der letzten zehn Jahre, da er sich von der Baron Hirschschen Stiftung zurückgezogen hat, zumeist wissenschaftlich gearbeitet. Zum erstenmal beleuchtet er hier die aktuellen Ereignisse im Gesamtjudentum; wie immer interessant, originell und fesselnd, selbst für denjenigen, der mit ihm nicht übereinstimmt. Mit Zustimmung des Verfassers veröffentlichen wir den Teil dieses Essays, der sich auf den Nationalismus und Zionismus bezieht. .Die Oeffentlichkeit soll erfahren, wie Dr. Friedländer darüber denkt und urteilt. -Wir stimmen damit vielfach nicht überein. Die Redaktion. geübt, die beide doch bezeichnenderweise darin übereinstimmen, daß sie national gerichtet waren. Solange er den Juden günstig war, hatte er in ihnen eine außerordentliche Stütze. Dann brach sich die antisemitische Strömung Bahn, die ihre Bundesgenossenschaft zurückwies und sie zu Fremdlingen stigmatisierte. Es liegt auf der Hand, daß das bisherige Nationalgefühl der Juden hierdurch einen bedenklichen Stoß erlitt. Aber es trat nicht bloß eine Schwächung, nicht bloß ein Nachlassen und Aufhören desselben ein, sondern die Stimmung sank, wenn man so sagen darf, noch unter den Nullpunkt auf eine völlig andere Richtung und Dimension. Sie blieb national, aber ihr Objekt war nicht mehr das herrschende Volkstum, sondern das Judentum selber. Der jüdische Nationalismus feierte seine Geburtsstunde. Dieser Uebergang ist von größter Wichtigkeit. Erscheint er auch einigermaßen paradox, so entspricht er gleichwohl gänzlich dem von mir aufgezeigten Zusammenhang. An dem Nationalismus der anderen Völker nahmen die Juden solange direkten Anteil, als sie sich zu diesen zählen konnten. Sie begannen indirekt daran teilzunehmen, als der Antisemitismus sie von der Gemeinschaft ausschloß. Denn auch jetzt hielten sie die nationale Idee wie die anderen Völker aufrecht Bloß mit dem Unterschied, daß sie dieselbe auf das jüdische Gebiet selbst zu verpflanzen sich bemühten. Der Parallelismus ging soweit, daß das Nationaljudentum im selben Maße an Stärke und Heftigkeit zunahm, als der Nationalismus überhaupt im Wachsen begriffen war. Es spiegelte sich hier wiederum bloß der allgemeine Charakter der europäischen Politik. Mit einem Worte, die Juden waren auch dort von dem Vorbilde der Umgebung abhängig, wo sie sich von ihr loslösten und isolierten, wo sie ein nationales Sonderdasein zu begründen strebten.

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