Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „.Neue National-Zeitting" Nr. 23; IB&RjieSPONDe'NZCN . Oesterreich-Ungarn. Kaiser Franz Josef I. Huldigungstempel. Wien. Im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde, L, Seitenstet tengasse 4, fand Montag den 31. Oktober, halb 7 Uhr abends, eine Sitzung des Baukomitees zum Baue des vom Israelitischen Bethausverein „Am Volkert" im H. Bezirke, Ecke der Pazmaniten- und Pillersdorfgasse, geplanten neuen Tempels statt. Das vorbereitende Aktionskomitee steht unter dem Protektorate des Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, das Ehrenpräsidium hat Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann übernommen und an der Spitze des Baukomitees stehen der Obmann des Bethausvereines „Am Volkert", Herr Kultus Vorsteher Adolf Schramek und Herr Elkan Bauer. Der Plan für den Bau wurde vom Architekten Herrn Ignaz Reiser ausgearbeitet. Der Zweck der Sitzung war, auch außerhalb des Vereines stehende Persönlickeiten zum Eintritt in das Baukomitee und zur Propaganda für das neue Gotteshaus zu gewinnen, das zur Erinnerung an den 80. Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers mit Allerhöchster Bewilligung den Namen: „Kaiser Franz Jo sef I. Huldigu ngst e m p e 1" führen soll. Erschienen waren: Präsident Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Adolf Schramek, Obmann des Bethausvereines, Elkan Bauer, Obmann des Baukomitees, Rabbiner Abeles, Adolf Glaser, Simon Wessely, Hermann Ehrenfeld, Leopold Otto, S. Hoffmann, Heinrich Gaßner, Adolf Pollitzer, Heinrich Weiner, Architekt Ignaz Reiser, Architekt Modern, Dr. M. Kohn, Dr. S. R. Landau, Dr. Löwy. Gustav Frankl, kaiserl Rat Dr. Theodor Lieben, Dr. Emil Adler, Dr. Bloch, Hermann Eltbogen, Bernhard Fischer, Josef Fischer, Bernhard Pick, Samuel Goldmann, S. A. Wasservogel u. a. Nach Begrüßung der Erschienenen legte der Vorsitzende, Herr Adolf Schramek, die Notwendigkeit des Tempelbaues gerade in diesem, von jüdischer Bevölkerung stark besetzten Bezirksteile dar. Es gilt hier eine das Judentum auch nach außen hin würdig zu repräsentierende Andachtsstätte zu errichten, die Alt und Jung Erhebung und Belehrung bieten wird und durch Anregung des religiösen Sinnes bei der Jugend als wirksames Mittel zur Bekämpfung der leider immer mehr zunehmenden Abfallbewegung betrachtet werden muß. Mit großer Opferwilligkeit haben die Mitglieder des Vereines unter sich bereits eine Summe von zirka 30000 Kronen aus eig nen Mitteln aufgebracht, aber dieser Betrag sei nur ein kleiner Bruchteil der erforderlichen Baukosten und er appelliert daher an die Anwesenden, in den weiteren Kreisen der Wiener Glaubensgenossenschaft Gönner und Förderer für dieses gottgefällige Werk zu gewinnen Oberrabbiner Dr. Güdemann unterstützte die Ausführungen des Vorsitzenden. Er machte das sehr interessante Zugeständnis, daß die Munifizenz für religiöse Zwecke sich gegenwärtig nicht so glänzend bewährt wie in früheren Zeiten. Dr. Alfred Stern erklärte, die Stellungnahme des Kultus vorstand es zu dem geplanten Unternehmen nicht präjudizieren zu wollen, aber die Bestrebungen des Vereines werden im Kultusvorstande nicht nur allseitiger Sympathie begegnen, sondern es werde auch gewiß die Kultusgemeinde, soweit es die vielseitig in Anspruch genommenen Gemeindemittel er; lauben, einen entsprechenden Beitrag zu dem Tempel, baue leisten. .; Darauf ergriff das Wort Dr. S. R. Landau, üm dem Baukomitee den Bau einer jüdischen Volkshalle in Verbindung mit dem Tempel wärmstens zu empfehlen. Das Gotteshaus müsse auch gleichzeitig ein Volkshaus sein und dann werden die Sammlungen gewiß einen größeren Erfolg haben. Gerade die Abfallbewegung, von der bereits d?r Vorsitzende ger sproeben hat, mache es dem Baukomitee zur Pflicht, einen Raum zu schaffen, in dem die Jugend und Erwachsenen durch Geschichtsvorträge und Gedankenaustausch für das Judentum gewonnen werden. Die große Judengemeinde Wien verfüge nicht über einen eigenen Vortragssaal, sondern muß sich von Fall zu Fall bei christlichen Vereinen einmieten; diesem unwürdigen Zustande möge ein Ende bereitet werden. Als Dr. L a n d a u seine Rede begann, ergriff H< rr Dr. Stern rasch Papier und Bleistift, um sich Notizen zu machen. Er war aber enttäuscht; es ergab sich für ihn keine Möglichkeit, den streng sachlichen Ausführungen entgegen zu treten. Der Vorschlag, einen Volkssaal in der Leopoldstadt zu errichten, wurde von den folgenden Rednern Langer, Fischer usw. befürwortet, allein Herr Architekt Reiser stellte sich auf den Standpunkt des non possumus, da die Baupläne bereits genehmigt seien. * Die Komödie mit den Koscherwürsten. Wien. Wie wir am 4. Februar d. J. berichtet haben, wurden seitens des Rabbinats infolge unseres Drängens die Fabrikate der vier bestehenden, sich koscher nennenden Selchereien und zwar L. & J. Piowati, Leopold Piowati, J. Theumann und „Tauria" (vormals Ehrlich) verboten, respektive für trefe erklärt. Gleichzeitig hatten sich die genannten Erzeuger herbeigelassen, unter Aufsicht des Rabbinats eine Fabrik zu errichten, die unter der Firma Grünspan & Co. eigentlich nur ein Deckmantel für den Verkauf von Trefe-Waren bildeten. Nachdem sich die Fabriken auf diese Weise salviert haben, fabrizieren sie, verkaufen und täuschen nach wie vor das religiöse Publikum. Und sowohl der Kultusvorstand als auch das Rabbinat dulden dies. Denn sie haben nicht den Mut, den Schwindlern die Koscher- Aufschriften von ihren Geschäftslokalen zu reißen. Nun hat sich das Rabbinat wieder etwas ermannt. Es versendet nachstehendes Kommunique: Tom Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Es ist dem Rabbinat zur. Kenntnis gekommen, daß seitens der Firma „Tauri a*, welche geassert wurde, Selchwarenerzeugnisse unter der Firma des unter Aufsicht des Rabbinats der israelitischen Kultusgemeinde stehenden Fleischhauers Ernst Fuchs versendet werden. Welches Uebereinkommen immer zwischen der Firma „Tauria" und dem genannten Fleischhauer diesem "Vorgänge zugrunde liegen mag, bringt das Rabbinat zur Kenntnis, daß der I s s u r gegen die von der Firma „Tauria" erzeugten Selchwaren — unter welcher Firma immer diese Selchwaren auch verschickt werden mögen — aufrecht besteht. Wien, 31. Oktober 1910. Das Interessanteste ist aber, daß es in g.inz Wien überhaupt keine koscheren Würste gibt. Denn selbst die unter der Aufsicht des Rabbinats stehenden Selchwarenfabriken verwenden nur Tref e-Därme, die sie von einem Christen beziehen ...