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Neue Nationalzeitung · 1910-11-11 · Heft 23 (11.11.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 23 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Neue National-Zeitung'* Seite 5 Ü" Die Wahlaktion begann damit, daß Dr. Stern zirka hundert Personen seines Vertrauens in den Sitzungssaal der Gemeinde einlud, Damit stellte er sich, der Präsident, der über den Parteien stehen sollte, an die Spitze der Wahlbewegung. In dieser Versammlung seiner yertrauensmänner hielt Doktor Stern eine Ansprache, in welcher er dem zu wählenden Komitee eine gebundene Marschroute erteilte. Er gab vorläufig Ratschläge, welchen Kreisen die neuen Männer zu entnehmen sein werden. Namen nannte er nicht. Das war überflüssig. Das geschieht hinter den Kulissen, durch Vermittlung des Obmannes des Wahlkomitees. Sohin konstituierte sich das aus dreißig Personen bestehende Wahlkomitee, das aus seiner Mitte wieder ein aus fünf Personen bestehendes Bureau einsetzte. Als Obmann fungiert, wie bei den vorigen Wahlen, Herr kais. Rat Johann Lichtenstadt, .der Wiener Finanz-Agent der rumänischen Regierung, Ritter diverser russischer und rumänischer Orden, Medaillen und Erinnerungszeichen. Nun beginnt die „Wahlarbeit". Die Kandidaten melden sich: bisher gibt es ihrer 26. Sie melden sich formell beim Wahlkomitee, aber sie unternehmen Bittgänge zum Dr. Stern. Er hat zu entscheiden, er stellt die Liste zusammen; Herr Lichtenstadt ist bloß sein Werkzeug. Das Wahlkomitee muß parieren; Lichtenstadt droht sonst mit seinem Rücktritt, terrorisiert, kooptiert gefügigere Elemente. Dann wird die Liste beschlossen, wie Dr. Stern will. Der Wahlakt ist beendet. Was dann folgt: Wählerversammlung, ein Schein-Programm, Vorstellung der Kandidaten, Abgabe der Stimmzettel ist nur Formalität. Der Leiter der Wahlagitation ist ein Präsidialbeamter, ein Werkzeug Dr. Sterns: Adjunkt Engel, dem der Herr Präsident erst vor wenigen Monaten im Gemeindehause eine fürstliche Wohnung einrichtete — auf Kosten der Gemeinde. Wenn ein Magistratsbeamter die christlichsozialen Wahlen leiten würde, dann wäre gewiß Dr. Stern der erste, der über Korruption und Parteidespotismus lamentieren würde. Was er selbst macht, ist aber nichts anderes: es ist eine Schande für die Wiener Kultusgemeinde. Dr. Stern hat sich einmal geäußert, daß er jetzt nur für seinen Nekrolog arbeite. Wie schade, daß er diesen Nekrolog nicht mehr lesen wird. Er würde darin folgenden Satz finden: Dr. Alfred Stern hat sich von allen seinen Vorgängern wesentlich unterschieden. Nicht zu seinem Vorteile. Jene waren schlichte, um das Wohl und die Ehre der Gemeinde besorgte Männer, die ihrem Amte zur Zierde gereichten; Dr. Stern dagegen hat die Präsidentenwürde in den Parteikampf gezerrt, er hat sie für seine Machtgier mißbraucht, er hat das Strebertum groß gezüchtet und den Bruderzwist entfacht. Das Ansehen der Wiener jüdischen Gemeinde in den Augen der jüdischen Welt ist unter seinem Regime schwer kompromittiert worden. (Schlußarfikei folgt.) Dr. S. R. Landau. * Der Wahltermin: Der Kultusvorstand erläßt folgende Kundmachungen: I. Die statutarisch vorgeschriebene Neuwahl von acht Vorstandsmitgliedern mit sechsjähriger Mandatsdauer, die erforderliche Ersatzwahl für zwei Vorstandsmitglieder mit vierjähriger Mandatsdauer und für ein Vorstandsmitglied mit zweijähriger Mandatsdauer sowie die Neuwähl von Vertrauensmännern für eine zweijährige Mandatsdauer findet Sonn tag den 27. Noveober 1910, eine eventuelle Wahl Sonntag den 4. Dezember 1910 statt. a) Neuwahlen für die Mandatsdauer von sechs Jahren sind vorzunehmen: 1 für die Herren : Kais. Hat Siegmund K a u d e r s, Kais. Eat Leopold Langer, phil. et jur. Dr. Markus Spitzer; 2. für die vor Ablauf des Mandates verstorbenen Herren: Theodor Kitter von Goldschmidt, Emil Horner, Oskar Marmore k, Wilhelm P o 11 a k, Wilhelm S t i a s s n y; b) Ersatzwahlen für die Mandatsdauer von vier Jahren sind vorzunehmen für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn kais. Eat Leopold Sachs und den verstorbenen Herrn Karl Seligmann; c) Eine Ersatzwahl für die Mandatsdauer von zwei Jahren ist verzunehmen für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Dr. Alfred Berger. II. Die statutarisch vorgeschriebene von den höher besteuerten Mitgliedern vorzunehmende Neuwahl von vier Vorstandsmitgliedern mit sechsjähriger Mandatsdauer, die erforderliche Ersatzwahl für ein Vorstandsmitglied mit vierjähriger und für ein Vorstandsmitglied mit zweijähriger Mandatsdauer sowie die Neuwahl von 36 Vertrauensmännern für eine zweijährige Mandatsdauer findet Mittwoch den 7. Dezember 1910, eine eventuelle engere Wahl Freitag den 9. Dezember 1910 statt. Neuwahlen für die Mandatsdauer von sechs Jahren sind vorzunehmen für die Herren : David Ritter von Gr u t m a n n, Moritz Edlen von Kuffner, Wilhelm K u f f n e r. Eine Ersatzwahl für die Mandatsdauer von vier Jahren ist vorzunehmen für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Dr. Josef Breuer. Eine Ersatzwahl für die Mandatsdauer von zwei Jahren ist vorzunehmen für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Bernhard P o 11 a c k Edlen von P a r n a u. * Eine Wähler-Versammlung in der Brigittenau. Wien, 6. November. Die erste Kultus-Wählerversammlung in dieser Wahlperiode hat der „Verband der östlichen Juden" für gestern in die Brigittenau, Restaurant Kohn, einberufen. Di© zahlreich besuchte Versammlung, der auch der Obmann Herr Eltbogen und mehrere Vorstandsmitglieder des Tempelvereines, darunter Apotheker Ahl, der auch Vorstandsmitglied des Verbandes ist, beiwohnten, nahm einen imposanten Verlauf. Das erste Referat „Die Ziele unseres Verband e s" erstattete der Präsident des Verbandes Doktor S. R. Landau und führte während desselben Vorstandsmitglied A. ESporer den Vorsitz. Das zweite Referat „Die Kultuswahlen" erstattete Doktor Josef Z i p s e r. Den umfassenden Referaten schloß sich eine lebhafte Debatte an. Die Herren Dr. Rybaczewski, Dickstein senior, Dickstein junior, Lubetzkyu. a. unterzogen die Verhältnisse der östlichen Juden in Wien und die traurigen Zustände in der Gemeinde einer scharfen Kritik. In seinem Schlußworte klärte Dr. Landau die Versammlung über verschiedene wichtige Fragen des jüdischen Gemeindelebens in Wien und die Bedeutung des Wahlkampfes auf. Die Versammlung hatte für den Verband nicht bloß einen moralischen, sondern auch einen materiellen Erfolg, da der Verband eine große Anzahl neuer Mitglieder gewann. Im Laufe der nächsten Woche veranstaltet der Verband weitere zwei Versammlungen. _

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