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Neue Nationalzeitung · 1910-11-11 · Heft 23 (11.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 23 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung" Nr 23 Sanegor: Da verfällst in Wortspielereien. Darüber muß ich lächeln und — auch ein Wortspiel — lachen. Kategor: Ich nicht. Aber ich behaupte: ein Mann, ähnlich wie einst Luther es gewesen, könnte uns helfen. Ein Mann des Mutes, der Kraft, der Tat. Da er uns aber fehlt, wird wohl alles wieder beim Alten bleiben, Konservativ nennt man dies. Lasse man das Alte, soweit es gut ist, ich tadle es nicht. Aber wo alles vorwärts schreitet, wollen wir allein zurückbleiben? In den Tagen des allgemeinen Wahlrechtes wollen auch wir nicht tiraokratischen Grundsätzen huldigen und uns nur vor dem Geldsacke beugen. Es lebe das Volk! Sanegor: Ganz einverstanden. Jedoch, wie soll man die Welt anders machen, wenn sie nun einmal so beschaffen ist? Kopfschüttelnd hörte ich dies Gespräch an. Indiskret wie ich bin, teile ich es Ihnen, Herr Redakteur, mit. Kategor und Sanegor sind inzwischen in entgegengesetzter Richtung im Nebel des düsteren Marcheschwantages verschwunden. Ben-Israel. Die bandtagswahl in der beopoldstadt. Das Resultat der Landtagswahl in der Leopoldstadt hat ganz unseren Befürchtungen entsprochen. Die drei jüdischen Kandidaten, die sich gegenseitig bekämpft haben, sind unterlegen und mit dem Christlich-Sozialen kam schließlich der Sozialdemokrat in die engere Wahl, in der er auch gewählt wurde. Für die Sache des Freisinns ist es gewiß ein großer Erfolg, daß an Stelle Dr. Luegers Schuhmeier gewählt und damit dieser Bezirk den Christlich-Sozialen entrissen wurde; bei den Juden dagegen war die Freude nicht sehr groß, nicht recht herzlich. Der judenfeindliche Ton der „Arbeiterzeitung", resp. ihrer redaktionellen Konvertiten, die rohe antisemitische Ausdrucksweise einzelner sozialdemokratischer „Volksvertreter* hat den Juden ihre Vorliebe für die sozialistische Partei gründlich herausgetrieben. Und wenn sie nun diesmal für den sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt haben, so war dies ein Beweis nicht der Sympathie, sondern der Wahl des geringeren Uebels. Leider haben die jüdischen Kandidaten selbst das Meiste zur Wahl Schuhmeiers beigetragen. Es ist bekannt, daß zahlreiche jüdische Wähler aus Ekel über den Zwiespalt ihre Stimmen schon im ersten Wahlgang für Schuhmeier abgegeben haben. Nur diesem Umstände hat er es daher zu verdanken, daß er in die Stichwahl gelangte. Der ganze Wahlakt hat bewiesen, wie sehr wir Recht hatten, als wir verlangten, daß die jüdischen Kandidaten, da sie sich nicht einigen können, zugunsten eines christlichen Freisinnigen zurücktreten, dessen Wahl erfolgen müßte, da er statt Schuhmeier in die engere Wahl gekommen wäre. Allein wenn schon das Leopoldstädter Mandat einem Sozialdemokraten zufallen mußte, dann ist uns gewiß Schuhmeier der sympatischesle. Er ist der einz'ge, dor gegen die Parteidiktatur Adlers aufzutreten den Mut hat'; er hat sich wiederholt — das ist uns von sehr vertrauenswürdiger Seite schon vor Jahren, mitgeteilt worden — wider den antisemitischen Ton der ehemaligen Kai-Kommis in der Redaktion der „Arbeiterzeitung* auagesprochen. Schuhmeier war bisher der einzige sozialistische Abgeordnete, der sich im Parlamente für der Gleichberechtigung der Juden, und zwar anläßlich die Debatte über die Präterierung der jüdischen Militärärzte und das antisemitische Regime Uriel, einsetzte. Wir sind daher überzeugt, daß Schuhmeier zwar nicht den gelben Fleck anlegen wird, wie es die Antisemiten verlangen, aber immerhin offen und energisch für die Rechte seiner jüdischen Wähler eintreten wird. Empfindlich und verdient war die Niederlage der 0 f n e r-Parlei. Nach all der Siegeszuversicht,-trotz der großen Agitation und der bedeutenden Wahlkosten kaum 14ü0 Stimmen, weniger als Dr. Mittler, der doch in der Leopoldstadt ein Neuling war. Der Nimbus des Dr. Ofner hat also sehr kurz gedauert. Die Zählkandidatur des Herrn Lucian Brunner hat ergeben, daß auch die zionistische Partei an Anhängerzahl eingebüßt hat. In der ganzen Leopoldstadt hat diesmal ihr Kandidat weniger Stimmen erhalten, als in einem Teile dieses Bezirkes vor drei Jahren. Von zirka 10.000 jüdischen Stimmen erhielt Herr Brunner — 466. Das ist eine deutliche Ablehnung. Wenn eine junge Partei, die mit so viel Geld arbeitet, einen solchen Mißerfolg aufzuweisen hat, dann hat sie für Jahre hinaus ausgespielt. Die l^ultuswahlen in Wien, ii. Wie die Wahlen gemacht werden. Als Herr Dr. Alfred Stern seinerzeit den Ehrgeiz empfand, in den Kultusvorstand zu gelangen, da wandte er sich nicht an die Wähler. Hatten die denn was dreinzureden? Er schickte einfach seinen Bruder zum damaligen Kultuspräsidenten W e r t h e imer und ließ um ein Mandat bitten. Nun wurde Dr. Stern, für dessen Qualifikation nichts sprach, als glückliche Börse-Operationen, mit einigen hundert Stimmen gewählt. Seitdem sind einige Dezennien vergangen. An dem „Wahl"-Modus hat sich aber nichts geändert. Denn Dr. Stern ist derselbe geblieben; was er am eigenen Leibe verspürte, das sollten nun andere auskosten. Er kennt weder Wähler noch Wahlen, weder Programm noch Gesinnung; er kennt nur Personen, die ihm die Türen einrennen, um sich von ihm ernennen zu lassen. Fürwahr, die gesinnungslose Bettelei der Kandidaten, das Kriechen und Schweifwedeln eitler Streber hat noch nie solche häßliche Orgien gefeiert, wie jetzt. Elf Mandate werden frei und nur drei Kandidaten kommen zur Wiederwahl! Aus allen Winkeln kriechen sie nun hervor, die unbekannten Gestalten, die nirgends zu sehen waren, wo es galt, für Judentum, jüdische Ehre und jüdisches Wohl zu kämpfen, die aber jetzt in den dunklen Korridoren der Gemeindehäuser herumkreisen, weil es gilt, ein Mandat zu ergattern. Haben denn die Leute gar kein Selbstbewußtsein, gar kein Ehrgefühl, empfinden sie nicht die Erniedrigung ihrer Person, wenn sie bei Dr. Stern antichambrieren müssen, um ein Mandat zu erbetteln, das nur den ehrt, der es aus den Händen freier Wähler erhält? ... Wenn ich die Kultuswahlen als eine Komödie erkläre, so habe ich damit nur die mildeste Bezeichnung gebraucht. In Wirklichkeit sind die Kultuswahlen eitt empörender Volks betrug, den eine Clique unter der Führung des Dr. Alfred Stein an der jüdischen Bevölkerung begeht. Leser, urteile selbst.

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