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Neue Nationalzeitung · 1910-11-11 · Heft 23 (11.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 23 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Neue National-Zeitung" Seite 3 Pflanz hergerichtet. Betrachten wir manche unserer Zeitungen. Liest man diese, so meint man. wirklich, nicht nur in der besten aller jüdischen Welten zu leben, sondern auch, daß das Judentum aus lauter großen und guten Menschen bestehe. Spaltenlange Artikel über Vorsteher-, Schächter-, . Rabbiner-, Tempeldiener-, Kantoren- und Chorsängerjubiläen. Muß man da nicht Jachen, hätte man, wie mein Freund und Gesinnungsgenosse Mephistopheles sagt, das Lachen nicht längst verlernt. Sollen aber diese Zeilungs-Kulis einen Artikel, über einen wahrhaft verdienten Mann bringen, dann beschnüffeln sie ihn nach allen Seiten, da sie fürchten, mit ihm wieder einmal bei irgend einem Mächligen Anstoß zu erregen. Diese ewige Angst, oder besser gesagt dieses beständige Schielen nach oben, charakterisiert eine gewisse Sorte unserer Zeitungsschreiber. Da weiden unsere Feinde ins Vordertreffen gerückt. Was werden die dazu sagen, wenn wir die Wahrheit über manches sprechen, das anders, das heißt besser sein sollte, im gegenwärtigen Judentum. Kannst du, Verteidiger, das Vorgebrachte leugnen? Tue es, aber aus der Welt wirst du es doch nicht schaffen. S a n e g o r: Manches, was du sagst, mag richtig sein. Aber sollen wir unser Judentum vor den Augen der Welt bloßstellen? Das tun doch genugsam die antisemitischen Blätter. Da wird über die Mißstände in den Gemeinden von mutigen Zeitungsschreibern — wir haben auch solche — geschrieben. Die antisemitische Preßmeute fällt darüber her, lür sie ist's ein gefundenes Fressen. Man nennt dies einen Ghillul. Darum müssen wir in dieser Beziehung vorsichtig sein. Wir leben in einer schweren Zeit. Gewiß, wir leiden an allerlei kleinen Schmerzen. Hoffen wir, daß unsere Aerzte sie heilen werden. Warum sie in die Welt schreien? K a t e g o r: So viel ich weiß, sagt ein altjüdisches Sprichwort: „Wer eine M a k k o h hat, soll sie frei tragen." — Ich komme wieder mit meinen Männern, den Propheten: Haben diese auch verhüllt, verdunkelt, nur gelobt und nie getadelt? Man glaubt immer Trauungs- und Leichenreden zu hören. Lauter laudationes. Leute, die nie eine Synagoge gesehen haben, denen das Judentum eine unerträgliche Bürde ist, die sie nur tragen, weil irgend ein materielles Interesse sie dazu veranlaßt, werden bei der Trauung ihrer Kinder oder wenn sie ihre irdische Tätigkeit, bestehend in Ansammlung von recht viel goldenen und papierenen Schätzen — wobei ich nicht etwa an ihre lit< rarische Wirksamkeit, sondern an Aklien und Renten denke — beendigt haben, gerühmt, gelobt, gepriesen, verhimmelt. Darin also besteht das moderne Judentum. Sehr traurig. Früher wurden die verstoi benen Gelehrten, die Männer der Wissenschaft, die Frommen aufrichtig bedauert und gerühmt, jetzt die der Börse und des Geldes, die für ihre Kinder Reichtümer zusammengehäuft haben. Und die Söhne, die an der Bahre der Verstorbenen stehen? Sie können schon aus dem Grunde nicht das Kadisch sagen, weil sie längst dem Judentum den Rücken gekehrt haben. Dagegen werden sie sich bemühen, das Geld, das ihnen die Väter hinterließen, recht bald anzubringen. Ihnen werden dabei Schauspielerinnen, Pferde, befreundete Kavaliere, Wucherer usw. mit vereinten Kräften behilflich sein. Sanegor: Du hast heute deine schlechteste Weltverbesserungslaune angelegt, liebster Kategor. So arg mag es denn doch nicht sein. Und dann, beherrscht das Geld in unseren Tagen nicht alles? Sind solche Verhältnisse nur im Judentum anzutreffen? Vor dem eidigen Mammon bückt sich eben die ganze Welt. Das werden wir nicht anders machen. Das Geld kann ja auch vieles Gute schaffen. Denke nur an die jüdische Wohltätigkeit. Leugnest du diese auch? K a t e g o r: Ferne sei es von mir, dies zu tun. Tatsachen lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Aber haben die Reichen nicht die Pflicht zu helfen? Wir wollen nicht untersuchen, woher gar mancher Begüterte seine Schätze hat. „Non olet", hat irgend ein römischer Imperator gesagt. Das Geld riecht nicht und stamme es auch aus nicht ganz wohlriechender Quelle. Nun behaupte ich, daß es auch Wohltätigkeitsprolzen gibt. Mit der Wohltätigkeit aber sollte man nicht prunken und sie nur dem zuteil werden lassen, der darauf Anspruch hat. Daß nach dieser Richtung viel in unserem Judentum gesündigt wird, kannst du mii wohl nicht abstreiten. Wie wenig geschieht zum Beispiel zur Unterstützung der jüdischen Wissenschaft, Man fördert dafür Einrichtungen, die am wenigsten Juden zugute kommen, denn diese Wohltätigkeit bringt äußere Ehren, Titel, Auszeichnungen ein. Aus der Förderung wahrer jüdischer Interessen ist wenig zu holen. Ich möchte hier auf einen Gegenstand zurückkommen, der mir besonders am Herzen liegt. Warum besitzen wir kein einziges täglich erscheinendes, unabhängiges, freimütiges Blatt? Ein solches materiell zu begründen, kann doch für unsere Begüterten, sofern sie Herz und Sinn für das Judentum haben, nicht schwer sein. Die literarischen Mitarbeiter werden sich in Menge finden. Wir aber unterstützen nicht einmal unsere unabhängige Presse, weil sie den Mächtigen nicht schmeichelt und die Wahrheit spricht. Und dann sagt man: Die Juden haben die Zeitungen in der Hand. Was tun unsere großen liberalen und sozialdemokratischen Blätter, wenn es sich um jüdische Fragen handelt? Sie schweigen, wenn sie nicht, wie die werten Genossen, höhnen und spotten. Da ist ein Feld für unsere Reichen. Aber was liegt denen am Judentum, wenn es ihnen nicht hilft, auf dessen Schultern emporzusteigen, sich zu Ehren und Ansehen zu bringen? Sanegor: Dein ewiges Geschimpfe kann auch den Ruhigsten nervös machen. Ein Körnchen Wahrheit liegt ja in deiner Anklage, aber man muß die Dinge nehmen wie sie sind, nicht wie sie sein sollen. Wie viele Leser werden sich für eine jüdische Tageszeitung finden und — was mehr noch ins Gewicht fällt — wie viele Abonnenten? Für ein solches Unternehmen werden die Leute, die es besitzen, ihr Geld nicht hergeben» Kann es ihnen auch nicht übelnehmen. Man wird heutigentags zu viel in Anspruch genommen. Wo soll man anfangen, wo aufhören? Von einem jüdischen Tagblatt hängt doch wohl auch das Heil des Judentums nicht ab. Du hast dich da in einen Gedanken verrannt, von dem du dich schwer losmachen kannst. Sonst fehlt uns nichts als ein jüdisches Tagblatt? Kategor: Du hast recht, uns fehlt viel mehr. Vor allem auch und insbesondere richtige Uuterweisung der Jugend. Da wäre einzusetzen, aber nicht allein mit schönen Worten, sondern mit kräftiger Tat. Das ist ein Kapitel, über das wir vielleicht ein anderesmal reden wollen. Heute ist es spät geworden. Wenn ich recht gehört habe, kommen jetzt die Tage der Wahlen in den Kultusvorstand. Da wäre nun der richtige Mann am Platze, der unsere kleinen und großen Schmerzen vorbrächte, daß ihnen Heilung werde. Es ist höchste Zeit, daß für dieses arg umlagerte Judentum etwas geschehe. Irgend ein Starker mit einem gewaltigen eisernen Besen fehlt uns. Was fängt man mit all den Kleinen und Klemüchen, den Schwachen und Schwächlichen an?

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