Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue Natiorial-Zeitung" Nr. 23 Statt Vorschuss — Zirkulare! „Israelitische Kultusgemeinde Wien. Z. 272 ex 1910. An sämtliche Angestellte der israel. Kultusgemeinde Wien Zirkulare. Die Anzahl -der einlaufenden Gesuche von Angestellten Tim Gewährung von Vorschüssen etc. ist eine außerordentlich große, ihre Berücksichtigung belastet die Finanzen der Gemeinde in unverhältnismäßiger Weise. Eine bereits Vorjahren ergangene Aufforderung an die Angestellten, derartige Ansuchen nur in besonders dringlichen Fällen einzureichen, ist anscheinend wieder in Vergessenheit geraten, da die Anzahl derartiger Gesuche gerade in letzter Zeit sehr zugenommen hat. Im Hinblicke hierauf ergeht hiemit an sämtliche Angestellte neuerlich die Mitteilung, daß in Hinkunft Vorschußansuchen nur dann aufrecht erledigt werden können, wenn sie durch außerordentliche Umstände begründet sind. Das Gleiche gilt für etwaige Ansuchen um Vormerkungen von aufzunehmenden Darlehen. Wien, 30. Mai 1910. Der erste Sekretär: Dr. Lieben m. p." Not kennt kein. Gebot. Der notleidende Beamte, dem man einen Vorschuß verweigert, geht zum Wucherer oder er — defraudiert. Die ßeamten-Defraudationen. Die Defraudationen, die sich in der Kultusgemeinde jüngst ereignet haben, sollten dem Vorstande Anlaß zum Nachdenken geben. Wenn auch zu hoffen ist, daß die drei Beamten, die in diesem Jahre entlassen werden mußten (und zwar Offizial Moriz K. wegen Veruntreuung, Unter-Offizial Moriz H. wegen Veruntreuung und Unter-Offizial Emil Sch. wegen Ueberschuldung) keine Nachahmer finden werden, so ist es dennoch Pflicht des Kultusvorstandes, sein Beamtenpersonal nicht verhungern zu lassen. Ein unglaublicher Leichtsinn ist es aber, daß Beamten mit sehr bescheidenen Gehältern höchst verantwortungsvolle Stellungen übertragen werden. Auf diese Weise werden ja der Korruption Tür und Tor geöffnet. Es betrifft dies in erster Linie die Amtsleiter- Stellvertreter. Diese Herren sind berufen, in Krankheits- und Urlaubsfällen der Amtsleiter dieselben zu vertreten und ziemlich wichtige Ressorts zu leiten: Hauptkassa, Matrikelamt, Wohltätigkeitsamt usw. Wie sind nun diese Stellvertreter bestellt? Der Stellvertreter des Hauptkassiers, durch dessen Hände Millionen gehen, ist ein Unter-Offizial und bezieht SlOO K jährlich. Allerdings ist sein Vorgänger aus unaufgeklärten Gründen versetzt worden .... Aber gerade deshalb sollte das Präsidium trachten, dem Nachfolger eine seiner Verantwortung angemessene Stellung und Besoldung einzuräumen. Bei jedem einfachen Postamte liegt die Kassagebarung in den Händen eines Hauptkassiers und eines Kontrollors, die Wiener Kultusgemeinde verwendet als zweiten Funktionär für den Umsatz von Millionen einen Beamten mit 2100 K Jahresgehalt. Auch der Stellvertreter des Leiters des Wohltätigkeitsamtes bezieht 2100 K jährlich; der Stellvertreter im Matrikelamte 2800 K. Ich könnte noch weitere Einzelheiten aus dem Kapitel „Beamtenproletariat" aufzählen als Beweis, mit wie wenig Verstand diese Gemeinde geleitet wird. Aber wen ich mit dem bisherigen Inhalte dieses Artikels nicht überzeugt habe, bei dem werden auch weitere Argumente wirkungslos bleiben. Wenn man von den Beamten verlangt, daß sie in ihrem Berufe ganz aufgehen, daß sie ihm selbst ihre freie Zeit ohne jede Entschädigung — wie es vor der Aera Rappoport üblich war — widm'en, ja, wenn man die Beamten zwingt, daß sie während der Kultuswahlen gegen die Opposition Kortesch dienst e leisten, dann muß man diese Beamten wenigstens gegen den Hunger und seine Versuchungen schützen,, dann muß man ihnen doch ein menschenwürdiges Dasein und eine genügende Versorgung im Pensionsfalle bieten. Wer diese Grundsätze vrrl> tzt, der ist ein Feind der Beamten, der legt die Axt an die Wurzeln der Gemeindeverwaltung. Am 27. November werden sich die Gemeindebeamten zu entscheiden haben, ob sie die?en ihren „Brotherren" noch weitere Gefolgschaft leisten können- L. Allerlei kleine Schmerzen.*) Fortsetzung des Gespräches zwischen dem Kate gor und S a n e g o r mit einem einleitenden Briefe des letzteren an den Herausgeber des Blattes. Hochgeschätzter Herr Redakteur! Ein indiskreter Ben-Israel hat ein Gespräch, das ich mit meinem Gegner, dem Herrn Kategor, hielt und das wahrlich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt war, belauscht und es schleunigst Ihrem Blatte mitgeteilt. Ich weiß es, munche werden sich über diese Indiskretion ärgern, möge der Ben-Israel dies mit seinem Gewissen und den betreffenden Herrschaften ins Reine bringen. Aber mehrbenannter Ben-Israel sagt in seinen einleitenden Worten, der Name Sanegor sei als Synegor landesüblich korrumpiert. Er meint wohl, Sanegor sei aus Synegor entstanden. Versteht er so wenig Griechisch? Oder treibt etwa hier der Druckfehlerteufel wieder sein unartig Spiel? Im übrigen mag der Ben- Israel meine Dialoge mit meinern Herrn Gegner weiter veröffentlichen. Ihr Sie hochschätzender Sanegor. * Der Setzer des Blattes, dem die^e höfliche Zuschrift vorgelegt wurde, schlägt sich reumütig an die Brust, er hat den Fehler verschuldet, er bekennt und der Sanegor, korrumpiert aus Synegor, sowie der angeklagte Ben-Israel beruhigen sich. Der letztere macht von der ihm gewährten Erlaubnis Gebrauch und übersendet Ihnen, hochverehrter Herr Redakteur, auf die Gefahr hin. wieder als indiskret gescholten zu werden, das folgende von ihm erlauschte Gespräch zwischen den zwei Gesellen. Es naht jetzt, die Zeit der Wahlen für den Vorstand der Kultusgemeinden, nicht nur in Wien, sondern auch anderwärts. Da gilt es, eine kleine Abrechnung zu halten und auf verschiedene Schäden in unserem geliebten Judentum aufmerksam zu machen. Schweigen wäre hier nicht am Platze, oder sind wir fehlerfrei? Und wir sagen so oft am Versöhnungstage unser Sündenbekenntnis — alphabetisch geordnet — her. Etwas wird schon daran sein. Doch jetzt zur Sache. K a t e g o r: Was dem heutigen Judentum leider abgeht, das ist das laute und lautere Bekennen der Wahrheit. Wie sagt der Wiener? Es ist alles auf den *j Vergleiche den Artikel «Rückblick auf die vergangenen Feiertage" in der Nr. 22. In dem Artikel ist leider ein sinnstörender Druckfehler übersehen worden. Es soll nämlich nicht „Pintim,,, sondern selbstverständlich „Piutim" heißen. A.nm. d. Red.