Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N5US NKlONßL-ZEBUNG _ _____ XII. JAHRGANG. WIEN, 11. NOVEMBER 1910. Nr. 23. Das Beamtenproletariat der Wiener Kultusgemeinde. Wenn die Wiener Kultusgemeinde trotz ihres chronischen Defizits, trotz ihrer bedeutenden Verschuldung, trotzdem den meisten Mitgliedern ihres Vorstandes das Verständnis für die Leitung einer jüdischen Großgemeinde abgeht, dennoch funktioniert, und nicht auf einmal zusammenbricht, sondern bloß schrittweise dem Verfalle entgegengeht, so hat sie dies einzig und allein ihrem Beamtenkörper zu verdanken. Die Beamten sind hier nicht bloß die Repräsentanten der Exekutive, sondern auch die einzigen treibenden Kräfte, ohne die der ganze Verwaltungsapparat zum Stillstand gebracht wird. Wo ein Kultusvorstand gar keine Initiative besitzt, den immer komplizierter werdenden Bedürfnissen des Gemeindelebens stumpf gegenübersteht und es als seiner Weisheit letzten Schluß betrachtet, neue Schulden zu kontrahieren, wenn er mit den Einnahmen nicht auskommt; wo ein Kultusvorstand nicht daran denkt, sich durch neue arbeitsfähige und verdiente Männer zu verjüngen, sondern in senilen Krämpfen sein Mandat umklammert und die eingerissenen Lücken nur mit Barrierestöcken ausstopft — da ist der Beamtenkörper die wichtigste Säule, die das Gebäude aufrecht erhält. Doch diese Säule kann bersten über Nacht. Und das ist der Grund, weshalb ich auf die Beamtenfrage der Kultusgemeinde zu sprechen komme. Sie gehört jetzt vor den Kultuswahlen zu den aktuellsten. Die Beamten der Wiener Kultusgemeinde sind bis auf wenige Ausnahmen sehr schlecht besoldet. Während selbst die jüngeren Gemeinderabbiner bedeutende Gehälter (Dr. Grunwald 11.000 K, Dr. Bach 8500 K) und überdies noch Einnahmen aus ihren Funktionen beziehen, bewegt sich das Gros der Beamtenschaft in dem Gehaltsschema zwischen 2100 bis 3100 K. Ein solcher Gehalt genügt heute angesichts der immer mehr zunehmenden Teuerung der Lebensmittel, Kleidung und Wohnung absolut nicht zu einer selbst bescheidenen Erhaltung der Familie. Die Beamten machen daher Schulden, das heißt, sie versuchen zuerst beim Kultusvorstand einen Gehaltsvorschuß zu erlangen. Doch da kommen sie gewöhnlich sehr schlecht an. Der Referent für dieses Ressort ist der Vizepräsident, sonst auch Hofrat Dr. Benjamin Rappoport. Das sagt alles! Das Sparsystem des Hofrates Dr. Rappoport. Dieser pensionierte Beamte der Finanzprokuratur ist der trockene Bureaukrat geblieben, wie er das ganze Leben war. Da er zu unfähig ist, um der Gemeinde neue Einkornmensquellen zu eröffnen, so ist er die personifizierte Sparvvut. Er hat daher für die armen Beamten ebenso wenig Herz und Gefühl wie für seine gaüzischen Landsleute. Würde Herr Hofrat Dr. Rappoport, der aus Brody stammt und in Lemberg die Universität absolviert hat, nicht einer jener sein, die sich „nix zu d'erkennen geben", dann hätten es eben die östlichen Juden, ohne Unterschied ihrer Parteistellung, nicht nötig, einen eigenen Repräsentanten im Kultusvorstande zu fordern. Mit Vorschüssen nimmt es der Hofrat sehr genau, wiewohl sie ja nicht geschenkt werden, sondern in zwölf Monatsraten zurückgezahlt werden müssen. Er schickt die kranken Beamten am liebsten auf Urlaub, gleich jenem Millionär, der den Bettler durch seinen Hausknecht hinauswerfen läßt, weil ihm „das Herz zerbricht". .. Wozu ist man Hofrat und Vizepräsident der Kultusgemeinde, wenn man auch noch Gefühl für arme Beamte haben soll! Wenn also die Beamten Vorschüsse verlangen, so antwortet ihnen der Herr Hofrat mit — Erlässen. Der jüngste Erlaß lautet: