Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22_»Neu«? National-Zeitung"___ Seite 11 TEUILLETON. Marco Brociner: Schickele*) Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in Rumänien. I. Ein Schächter? Ein Schächter im Städtchen Plopana? Was ist denn da weiter dabei? Nun, es ist allerdings nichts weiter dabei. Aber wenn jemand wie Berisch Kloper vierzig Jahre hindurch das Federvieh von Plopana und Umgegend vom Leben zum Tode befördert und jede rituelle Abschlachtung nur gegen bar vollzieht, so kanp man etwas beiseite legen. Wieviel? Die einen sagen tausend, die anderen zweitausend Dukaten und wenn ich fünfzehnhundert Dukaten sage, so habe ich wie alle, die den goldenen Mittelweg einschlagen, den Nagel auf den Kopf getroffen. Berisch Kloper hat also fünfzehnhundert Dukaten; das ist eine hübsche Summe Geldes und man kann, wenn man dieselben sagen wir zu zehn Prozent anlegt und nebenbei auch noch was verdient, ein schönes Auskommen haben. Aber wenn Berisch Kloper nichts weiter als ein schönes Auskommen hätte, so wäre er lange nicht der glückliche, der stets lachende und allzeit mit einem so prächtigen Appetit gesegnete Mensch, als welchen ihn alle Welt kennt. Berisch Kloper hat jedoch neben seinem schönen Auskommen auch eine einzige, siebzehnjährige Tochter, Gitele heißt sie, und die ist sein Stolz, sein Augapfel, die Sonne seines Lebens. „Es gibt in der Moldau Tausende von jüdischen Mädchen, aber wenn ihr noch eines findet, das so schön, so lieb und so klug ist wie Gitele, sollt ihr mich einen Lügner heißen." Das sind nicht meine Worte, sondern die des Heiratsvermittlers Josef Flammer und ich bemerke gleich von vornherein, daß man gut tut, die Aeußerungen dieses Ehrenmannes mit großer Vorsicht aufzunehmen. Nicht etwa deshalb, weil er dem Satze: »Der Wein erfreut des Menschen Herz!" huldigt, so sehr huldigt, daß sein Herz jederzeit erfreut ist; nein, man kann ein großer Trinker und doch ein großer Freund der Wahrheit sein. Aber er ist ein Heiratsvermittler und da bringt (s das Geschäft mit sich, daß man seine Ware anpreist und mit den Hyperbeln nicht gerade sparsam umgeht. Von den Lobeserhebungen, die Josef Flammer über Gitele jederzeit in Bereitschaft hat, muß daher folgendes subtrahiert werden: Erstens wie gesagt der Umstand, daß er Heiratsvermittler ist; zweitens die Tatsache, daß Gitele Fische und besonders Karpfen, die Flammer sehr liebt, ausgezeichnet zubereitet, und drittens wohl auch das Faktum, daß der Schächter in seinem Keller einen Rotwein lagern hat, wie man seinesgleichen zehn Meilen in der Runde nicht findet. Wenn wir dies alles subtrahieren, was bleibt? Es bleibt ein etwas zu großes, zu dickes, etwas zu plumpes Mädchen, das durchaus nicht schön, nicht einmal hübsch ist. Aber Gitele hat zwei sametschwarze, prächtige Augen und einen Mund zum Küssen, so rot und voll ist er. Und es gibt Menschen, welche das „ewig Weibliche lieben", selbst wenn es etwas zu groß, zu dick, etwas zu plump *) Der berühmte Wiener Theaterdichter und Kritiker, dessen Schauspiele „Die Hochzeit von Valeni" im Deutschen Volkstheater und „Hinter demVorhang" im Bürgertheater so große Erfolge erzielten, hatte die Güte, uns diese Novelle aus dem jüdischen Leben in seiner rumänischen Heimat zum Abdrucke zu überlassen. Unsere Leser werden ihm hiefür gewiß ebenso wie wir Dank wissen. Die Redabtion. ist, wenn nur die Augen schön und der Mund zum Küssen ist. Solch ein Mensch ist Schickele, der Sohn des Getreidemaklers Perez. Schickele ist ein ,.Lamden-» ein jüdischer Gelehrter, der den ganzen lieben Tag über seinen dicken Talmudbänden hockt und brütet und studiert. Was aus dem zwanzigjährigen, kleinen, hageren, stillen Gelehrten werden wird? Wenn Rabbi Nathan, der sfebenzigjährige Rabbi Nathan, zu seinen Vätern versammelt werden sollte, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß Schickele seine Stelle einnehmen wird. Aber diese Eventualität liegt noch in weiter Ferne, denn Rabbi Nathan ist aus jenem Holze, aus dem die Natur ihre Methusaleme schnitzt. Schickele denkt übrigens nicht an den Tod des Rabbi, denn er ist ein seelenguter Mensch, so seelengut, daß er selbst die Fliegen, die sich, während ei über den Talmudbänden brütet, auf seiner Nase niederlassen, in ihrem Krabbeln zu stören nicht übers Heiz zu bringen vermag, denn eine Fliege ist ja auch ein lebendes, schmerzempfindendes Wesen. Wie man einem lebenden, schmerzempfindenden Wesen ein Leid zufügen kann, ist dem stillen Talmudisten unbegreiflich. Schickele hat daher gegen den Schächter Berisch Kloper eine tiefe, instinktive Abneigung. Aber Berisch Kloper und Gitele sind zweierlei. Freilich, wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann würden Giteles schwarze Augen und ihr roter Mund nicht zwischen den Zeilen der dicken Folianten herumtanzen und ihr Lachen nicht verwirrend in die dialektischen Spitzfindigkeiten, in das Frage- und Antwortspiel der Gelehrten des Talmud hineinklingen. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, würde Schickele nicht ab und zu traumverloren vor sich hinstarren, mit dem Kopfe hin und her wackeln und dabei erstaunt flüstern: „Ein Mädel! ein schön' Madel, ein großes Mädel! ein dickes Mädel!" Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann müßte Schickele bemerkt haben, d«jß seine Cousine Sarah, eine arme achtzehnjährige Waise, die im Hause seines Vaters aufgewachsen, zwei kornblaue Augen, weiße Händchen und Füßrhen hat, so klein und zierlich, wie sie seit der Gründung von Plopana im Städtchen niemals gesehen wurden; er müßte bemerkt haben, daß diese kornblauen Augen seltsam aufleuchten, wenn er mit ihr spricht, daß sie zärtlich wie eine Mutter über ihn wacht und daß sie ihm dann und wann Blumensträußchen in einem Glas Wasser auf den Tisch stellte. Aber wie kann man all dies bemerken, wenn einen ein schönes, ein großes, ein dickes Mädel vor Augen steht? Schickele ist also verliebt? Offenbar. Ein Talmudist ist aber ein logisch geschulter Denker, der es vortrefflich versteht, aus einem Obersatze die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. „Wenn ich*, sagte Schickele, »die Gitele lieb habe, so will ich sie heiraten, und wenn ich sie heiraten will, so muß ich zuerst mit Josef Flammer sprechen." Die Vorbesprechungen über eine Heiratspartie führten sonst die Eltern des Heiratskandidaten mit Flammer, da aber Schickeies Mutter vor Jahren gestorben, sein Vater seit Monaten verreist war, so mußte der Talmudist die Sache in die Hand nehmen Er sprach darauf mit Flammer, der bald darauf die Angelegenheit Herrn Berisch Kloper vortrug. Der Schächter schüttelte bedenklich das Haupt und sagte: »Schickele ist ein Geehrter, allen Respekt vor einem Gelehrten, aber zum Heiraten braucht man Geld l Hat Schickele Geld? Nein. Kann man von Moses Thora