Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'4 Nr. 22 allein leben? Nein. Kann man von Talmud allein leben? Nein. Hat er ein Geschäft? Nein! Beriseh Kloper nahm darauf aus einer Horndose eine Prise, nieste laut und fuhr dann fort: „Ich kenne kein Geschäft, das so sicher wäre, wie die Schächterei. Man legt kein Kapital hinein und zieht Kapital heraus. Habt ihr einmal gehört, daß ein Schächter bankrottiert hätte?" —. „Niemals!" rief Josef Flammer. „Ich bin seit vierzig Jahren Schächter", fuhr Beriseh fort, mein Vater war auch ein Schächter, mein Großvater ebenso und mein Schwieger wird nur ein Schächter werden; das könnt Ihr ihm sagen Flammer." Der Heiratsvermittler teilte Schickele diese Unterredung mit. Der arme Talmudist war wie aus den Wolken gefallen. Wenn eine Bombe vor seinen Augen zerplatzt wäre, hätte dies auf ihn keinen so erschütternden Eindruck gemacht, wie die Nachricht, die ihm Flammer überbrachte. Der Heiratsvermittler fühlte ein menschliches Rühren beim Anblick des trostlosen Gelehrten. Er begann ihm weitläufig die Vorteile des Schächtereiberufes auseinanderzusetzen, er wies darauf hin, daß Beriseh Kloper ein alter Mann, daß Gitele sein einziges Kind sei und daß sein Schwiegersohn die Anwartschaft auf zweitausend Dukaten habe. Schickele hörte diese Auseinandersetzungen mit düsterer Ruhe, dann schüttelte er traurig das Haupt und sagte: „Ich kann nicht, ich kann keine Fliege tot machen, wie sollte ich es zustande bringen, ein Tier zu schlachten! Ich kann nicht, es ist unmöglich." Josef Flammer brauste auf. Er warf dem Talmudisten ein paar Injurien auf den Kopf, er nannte ihn einen Stubenhocker, einen heillosen Narren, der sein Glück mit Füßen trete. Dann beruhigte er sich und begann mit einem feinem Lächeln Giteles Reize zu schildern. Das wirkte. Schickeies Augen leuchteten auf; er fing an, mit nervöser Hast seine Schläfenlocken zu drehen . . . Der Heiratsvermittler war ein großer Menschenkenner, er merkte, daß Schickele die Tochter des Schächters liebte, und wenn die Liebe ihre Hand im Spiele hat, dann braucht der Heiratsvermittler seine Künste nicht allzusehr spielen zu lassen. Flammer verließ daher den Gelehrten mit dem erhebenden Bewußtsein, daß er ein gutes Geschäft gemacht, und wem dies gelingt, der darf sich ein Gläschen über den Durst gestatten. Dies war das unmittelbare Motiv, das den Heiratsvermittler in die Schenke Naftalis trieb, wo er allerhand geheimnisvolle Andeutungen über eine bevorstehende Verloöung machte. II. Was vermag nicht alles die Liebe? Den Löwenherzigen macht sie zum Feigling und den Feigen zum Löwen. Warum sollte sie nicht auch die tiefe Scheu des stillen Gelehrten, das Blut armer Tiere zu vergießen, überwinden. Aber es war ein schwerer Kampf. Der bange Gedanke, sein ganzes Leben hindurch das Schlachtmesser zu schwingen, lag wie ein drückender Alp auf seinem Herzen, und wer weiß, ob derselbe nicht daraus schließlich doch Giteles Bild vertrieben haben würde, wenn sich nicht zur Liebe auch die Eifersucht gesellt hätte. Und das war so gekommen. Einige Tage, nachdem Schikele die kategorische Antwort des Schächters erhalten hatte, ging er an dessen Haus vorbei; es war an einem Samstag, die Läden waren alle geschlossen und es herrschte in dem Städtchen eine tiefe Sabbatruhe. Gitele stand vor der Haustür; sie hatte ein schönes Seidenkleid an, um den Hals trug sie einen Kranz mattglänzender Perlen und die blauschwarzen aufgelösten Locken umwallten ihr rotes, vollbackiges Gesicht. Neben ihr stand ein großer, schwarzbärtiger Mann in einem Seidenkaftan. Als dieser den Schickele erblickte, lachte er laut und spöttisch auf. Schickele wurde blaß und dann rot und schlich sich mit gesenkten Augen an dem Mädchen vorbei. Eine Stunde später wußte er, wer dieser Mann war. Er hieß Rubin und war aus einem benachbarten Städtchen. Sein Aufenthalt in Plopona hatte einen ausgesprochenen Zweck: er bewarb sich um Giteles Hand. (Fortsetzung folgt.) „Jüdische Volksmusik", Von der Verwaltung des Vereines der jüdischen Volksmusik erhalten wir folgenden Aufruf: „Im Momente des Erwachens des nationalen Bewußtseins der Juden, welches sich durch das lebhafte Interesse an der jüdischen Kulturarbeit ausdrückt, muß auch die jüdische Kunst und in erster Linie die Musik in Erwägung gebracht, werden. Das jüdische Volkslied, welches vollständig die Stimmung und die Erlebnisse, die Leiden und Freuden des jüdischen Volkes wiedergibt, dient als Gegenstand des ernsten Studiums. Der Verein der jüdischen Volksmusik, welcher sich zum Ziele die Mitwirkung der Entwicklung der jüdischen Volksmusik gestellt hat, hat schon bei Beginn seiner Tätigkeit verschiedene Volksmotive zu sammeln angefangen, .letzt hat der Verein die erste Serie von jüdischen Volksliedern herausgegeben. Indem der Verein überzeugt war, daß er den sich bemerkbar machenden Bedürfnissen entgegentritt, hat der Verein mit keinen Hindernissen gezählt. Die Verwaltung des Vereines der jüdischen Volksmusik ruft alle, denen das Interesse des Judentums nah ist, ihm bei der Verbreitung der erschienenen Volkslieder energisch zu helfen. Auf allen musikalischen Abenden, in der jüdischen Schule, in der Familie, kurz überall soll man das jüdische Lied hören und man soll dasselbe in den A'ordergrund schieben. Der weitere Erfolg der Tätigkeit des Vereines in dieser Richtung hängt ausschließlich von dem Wiederhall ab, welchen die ersten Versuche finden werden." Die Verwaltung. Mit Bestellungen wende man sich an die jüd.-nat.-akad. Verbindung „Zephir ah", Czernowitz (Bukowina), Liliengasse 17. I^otizen. Herr A. IJ. Zupnik, k. u. k. Hoflieferant, Buchdruckereibesitzer, Redakteur und Herausgeber der „Drohobyczer Zeitung", Avurde vom Obersthofmarschallamt verständigt, daß die Nummer vom 18 August 1910, enthaltend den Leitartikel: .Zum 80. Geburtstage unseres Kaisers1, der Sammlung der Familien-Fideikommißbibliothek einverleibt und dem Verfasser der kaiserliche Dank ausgesprochen wurde. Schiffsnachrichten. H a in b u r g-A m e r i k a-L i n i e meldet : Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach Ncwyork: l./ll. Blücher, 5.'11. Amerika, 9./11. Batavia, 12/11. Cleveland, 19./11. Kaiserin Auguste Victoria, 2G./11. President Graut, 3./12. Pennsylvania; nach Boston: 8./11. Bosnia; nach Baltimore: 8./11. Bosnia: nach Philadelphia: 0./11. Prinz Oskar: nach New-Orle a n s : 15./11. ein Dampfer; nach Westindien: 29./10. Bolivia, 3/11. Venetia, ö./ll. La Plata : nach Mexiko: 8./11. Bavaria: nach Ostasien: 31./10. Brisgavia, 10./11. Slavonia, 20./11. Saxonia. Hochfeines natürliches Tafelwasser Klösterle _ Natürlicher Sauerbrunn Lithion-Quelle. von klösterle bei Karlsbad, — Ueberau zu haben Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4.