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Neue Nationalzeitung · 1910-10-28 · Heft 22 (28.10.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 22 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr; 22 ■■ Emigration und weitau-schauende Politik! Begriffe, an deren zwocknotwendigen Zusammenhang wir uns noch gewöhnen müssen. Bei anderen Völkern richtet man sich sogar aufs Sterben mit Politik ein; bei der Anlegung eines Friedhofes wird auf Jahre hinaus kalkuliert. Wir dagpgen bleiben auch da sorglos, wo es sich um eminente Lebensfragen handelt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß offene Grenzen für die jüdische Einwanderung eine Lebensfrage für das ganze jüdische Volk bedeuten. Wir haben uns nur vor Augen zu führen, welchen -Schaden die ganze Judenheit davongetragen hätte, wenn es einer Anti-Alienbewegung in England und verschiedenen Anti-Iuimigration-Leagues in Amerika gelungen wäre, schon vor 20 Jahren die Grenzen für die jüdische Einwanderung zu sperren, um die ganze Tragweite der gegenwärtig so erfolgreichen fremdenfeindlichen Bestrebungen in diesen Ländern zu erfassen. Dagegen hilft es nun nichts, wenn wir die Emigranten als Bettler abtun und, statt vorausschauende Emigrationspolitik zu treiben, Emigrantenahnosen einführen, ein modernes Supplement zu der traditionellen jüdischen Alraosenwirtschai't. Daß aber auf dem Gebiete der Emigration auch rationell gewirtschaftet werden kann, ist johneweiteres klar. Emigranten sind keine Bettler, das Gros derselben reist auf eigene Kosten und es ist wahrlich sehr leicht, Emigraüonsinslitute zu schaffen, die sich selbst erhalten und dabei von größtem Vorteil für die Emigranten sein könnten. Ein Beispiel zur Illustration. Es ist eine allbekannte Tatsache, daß eine von Jahr zu Jahr steigende Anzahl von jüdischen Emigranten von den Grenzbeamten abgewiesen und in die alte Heimat zurückgeschickt wird. So ist im amerikanischen Fiskaljahr 1903/04 860 Juden der Einlaß in Amerika verwehrt woiden. 860 zurückgeschickte Juden bedeuten einen friedlichen Pogrom, der an ökonomischer Tragweite die von den russischen Huligans inszenierten Judenkrawalle völlig in den Schatten rückt. Emigranten, die alle Verbindungen mit der alten Heimat abgebrochen haben und nach dem Verkauf ihrer letzten Habe in die weite Welt gezogen sind, sind bei ihrer unfreiwilligen Rückkehr auf Wohltätigkeit angewiesen. Die Einführung einer Emigrantenassekuranz könnte aber diesem Uebel in der rationellsten Weise steuern. Alle Emigranten würden zu der Assekuranz greifen, denn auf einen unglücklichen Zufall hat wohl jeder eine Chance. Ausbezahlt wird aber die Polizze einer im Verhältnis zur Gesamtheit nur verschwindend kleinen Anzahl von Auswanderern. Die Institution könnte sich selbst erhalten und viel Gutes stiften. Die Wohltätigkeit hat da keinen Raum, der Emigrant tritt hier in seine Rechte. Daß diese rationelle Wirtschaftsweise, wo der eine keine Zedakah gibt und der andere keine nimmt, wo also für die Seligkeit nichts übrig bleibt, einem jüdischen Philantropen nicht behagen kann, ist wohl einleuchtend. Umso größeres Interesse haben die jüdischen Sozialpolitiker, dieses rationelle Prinzip auf das ganze Gebiet der jüdischen Emigration auszudehnen. Die Idee, die philantropische Wirtschaft einzudämmen und auf ihre natürlichen Grenzen zurückzuführen, liegt dem im Zusammenhange mit dem Emigrationskongreß aufgetauchten Projekte zugrunde, ein Finanzinstitut für das ganze Emigratiönswesen, eine sogenannte Emigrantenbank ins Leben zu rufen. Die nähere Begründung dieser Idee wird den Inhalt meiner weiteren Ausrührungen bilden. Bertoldi. . Die behren der Emigpationskonferenz in Lübau. Von D. L. * ' Petersburg, Mitte Oktober; Am 28. September a. c. wurde die Emigrationskonferen& in Libau geschlossen. Es war die erste Emigrationskonferenfc der JCA und als solche muß sie als gelungen anerkannt werden. Es waren ca. 60 Delegierte anwesend, es wurden Beschlüsse*gefaßt, die fast allseitig nicht nur die Fragen der jüdischen Emigration, sondern auch der Trans- und Immigration berühren. Einige Resolutionen sprechen sich klipp und klar für die Notwendigkeit aus, das Organisationssystem der Tätigkeit des JCA zu ändern, sowie die breiteren Schichten der gesellschaftlich tätigen Elemente in die Arbeit hineinzuziehen. Sogar für die iussiscbe JCA sind das alles ganz neue Lieder: für die Pariser aber — eine ganze Revolution! Man bedenke nur: Die Forderung der Heranziehung von gesellschaftlich tätigen Personen, die Beteiligung der gewählten Vertreter von 5 Orts-Komitees an den Sitzungen des ZehtralkomiteesT der Appell an die Gesellschaft von Seiten einer Organisation, deren Leiter in Paris Bureaukraten reinsten Wassern sind und die nicht nur keinerlei Kontrolle anerkennt, sondern die öffentliche Meinung gänzlich ignoriert. Die Erklärung für diese äußerst sonderbare „Kombination" von schroffem Bureaukratismus und gesellschaftlicher Selbsttätigkeit ist einerseits in der Zusammensetzung der Konferenz und andererseits in dem Interesse und in der Aufmerksamkeit, mit welchen die jüdische Oeffentliehkeit und Presse alle Fragen der Tagesordnung der Konferenz behandelte, zu suchen. Es kommt hier vor allem die breite Agitation in Betracht, die der Libauschen Konferenz unmittelbar vorausging. Da wurden zum ersten Mal auf den Konferenzen und öffentlichen Versammlungen alle Fragen der jüdischen Wanderung besprochen und die Tätigkeit der auf diesem Gebiete wirksamen Organisationen — in erster Linie selbstredend die Tätigkeit der JCA —.einer scharfen Kritik unterzogen. In den Kommissionen, die zur Vorbereitung und Förderung des Emigrationskongresses gewählt wurden, haben auch Milglieder des Orts- Komitees der JCA Mandate erhalten. Selbstredend mußten nun dieselben Vertreter der JCA auch auf der Libauschen Konferenz den Wünschen und Forderungen der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragen. Dieser indirekte Einfluß der öffentlichen Meinung auf die JCA fand nun seinen klaren Ausdruck in den meisten Resolutionen der Konferenz, in denen hie und da sogar eine versteckte Unzufriedenheit mit den Pariser Leitern enthalten ist. Die Libausche Konferenz hat die bisher in der jüdischen Oeffentliehkeit gegen die Bureaukratenwirtschaft der JCA angesammelte Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht. Diese Unzufriedenheit war bereits so stark angewachsen, daß die Pariser Leitung ihren Widerwillen gegen derartige häretische Kundgebungen, wie Konferenzen von gewählten Vertretern etc. unterdrücken und der Einberufung der Konferenz ihre Zustimmung geben mußte. Allerdings fand diese Konferenz nicht in Paris, sondern im — halbzivilisierten Rußland statt; allerdings konnte man sich gewiß auf die russische Regierung verlassen, daß sie keinerlei „Meuterei" zulassen wird. Dennoch, der Widerstand in Paris war sehr groß und nur die Gefahr einer Revolution. „von innen" hat die Leitung ., zum, Nachgeben gezwungen. Denn die meisten russischen JCA-Mitglieder haben sich immer mehr der Kongreßbewegung angeschlossen. _ Das Programm der Konferenz wurde .bedeutend. ger

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