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Neue Nationalzeitung · 1910-10-28 · Heft 22 (28.10.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 22 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung*4 Seite b Neumayer und Goldnifirk. Der Wiener Bürgermeister sorgt dafür, daß sich die Juden der antisemitischen Vorherrschaft in der Reichshauptstadt stets bewußt bleiben. Unter erlogenen Ausflüchten wurde dem genialen Komponisten Karl Goldmark die gebührende Ehrung anläßlich seines 80. Geburtstages verweigert. Ein Neumayer, von dessen Ueberresten nichts mehr vorhanden sein wird, wenn die ganze geistige Welt die unsterblichen Werke Goldmarks noch verehren wird, hat die unerhörte Verwegenheit, einem Goldmark öffentlich vorzuwerfen, daß er für sich die allgemeine Ehrung beansprucht habe, wiewohl ihm zum 80. Lebensjahre noch zwei Jahre fehlen. Das ist die Art, wie eine Zierde Oesterreich-Ungarns vom Wiener Bürgermeister behandelt wird, weil er ein Jude ist. Dafür wird Herr Neumayer gewiß, wenn er stirbt, wieder Dr. Stern und Eduard Drumont vereint an seinem Sarge klagen sehen. Die Landtags Wahlreform in Galizien. Der galizische Landtag ist jetzt mit der Wahlreform beschäftigt. Die konservative Majorität sieht sich vor die Alternative gestellt, entweder einer Erweiterung des Wahlrechtes zuzustimmen oder aber den einzigen polnischen Landtag der Obstruktion preiszugeben. Die Wahlreform wird eine neue politische Konstellation in Galizien schaffen und damit gewiß die politischen und ökonomischen Verhältnisse der Million Juden wesentlich beeinflussen. Es wäre daher Pflicht der Selbsterhaltung für die jüdischen Organisationen und die jüdischen Abgeordneten, zur Wahlreform vom jüdischen Gesichtspunkte Stellung zu nehmen. Aber nichts geschieht. Die Zionisten und die Hausjuden lassen den Dingen freien Lauf und schauen apatisch zu, wie sich Großgrundbesitzer und Bauern in die Mandate teilen, während den Städten, wo die Juden ihren Hauptsitz haben, wo die Quellen der Steuerkraft und die Zentren der Intelligenz liegen, nur einige Mandate hingeworfen werden. So zeigt es sich auf Schritt und Tritt, daß die Zionisten und die Hausjuden weder befähigt sind, die Interessen der galizischen Juden zu wahren, noch berechtigt sind, sich ihnen als Führer aufzuwerfen. jüdische Emigrafionsprobleme. i. Philaniropie oder Sozialpolitik? Die Charite ist unser nationales Embleme; auf dem Rachmonulhgefühl sind alle jüdischen Institutionen aufgebaut, auf das Mitleidmotiv ist jede Betätigung in der jüdischen Oeffentlichkeit zurückzuführen. Wir strotzen förmlich von Mitleid, die weibliche Barmherzigkeit durchdringt unser weibisches Wesen. Und weil wir so oft um Erbarmen flehen müssen, ist uns der Barmherzige der Gott, und weil wir immer nach Almosen auf der Suche sind, ist uns das Almosengeben die gottgefällige Tat, die von den Schrecken des Todes rettet. „Zedakah Tazil Mimawelh" — ist unser Motto auf sozialem Gebiet. Was Wunder, daß man vergeblich in der jüdischen Oeffentlichkeit nach sozialen Institutionen im eigentlichen Sinne des Wortes sucht; die jüdischen Gemeinden sogar sind nichts anderes als eine mehr oder weniger gelungene Zusammenfassung von Wohltätigkeitsanstalten. Unsere Kardinaltugend ist entartet und hat sich zum Grundübel unseres öffentlichen Lebens entwickelt; vor lauter W o h ltätigkeit kommt es bei uns zu keiner wahren Tätigkeit. Man klagt oft über die schlechte jüdische Wirtschaft; ja, wir sind für ein liederliches öffentliches Gebahren sprichwörtlich geworden. Es liegt aber auf der Hand, daß ein gut Teil der verzweifelten und zweifelhaften jüdischen Oekonomie oder Oekonomielosigkeit dem alles durchdringenden und nichts verschonenden caritativen Prinzipe in die Schuhe zu schieben ist. Es ist eine Contradictio in adjecto, wenn man von Wohl* tätigkeitsbestrebungen System und Ordnung, und von jüdischen Gemeinden Berechnung und Prinzipien verlangt. Die Barmherzigkeit kennt keine planvoll weitausschauende Politik. Je barmherziger, desto impulsiver, desto planloser; das Mitleidsgefühl ergießt sich im Augenblick und für den Augenblick, es wärmt die Nächststehenden, die Zuerstgekomiuenen und läßt die Fernstehenden unbeachtet . . . Und zu den Fernstehenden, zu den Weitabliegenden zählen auch die Ursachen der sozialen Uebel . . . Die Philantropie ignoriert sie daher stets (darin allein verfährt sie systematisch), sie wird sich hüten, die Axt an die Wurzel der Not zu legen, denn sie setzt die Not voraus, der Philantrop braucht den Notbedürftigen, und nur recht und echt nach unserem nationalen Geschmack verfährt die Bibel, wenn sie uns die ewige Existenz der Notleidenden verbürgt . . . „Der Notleidende wird immer auf Erden zu finden sein" . . . Und daß es so sei, daß das Bibelwort sich auch in unserem Leben ewig und immerdar bewähre, darauf scheinen alle jüdischen Institutionen hinzuarbeiten. Zu diesem Zweck grassiert die „Zedakah" unter uns, auf dieses immer und immer wieder erreichte Ziel steuert wie besessen die jüdische Philantropie los und alle großen Ideen hat sie schon deswegen in ihren weichen Schlamm gezerrt... Wenn es nur unbedeutende Erscheinungen des jüdischen Volkslebens wären, die dem verderblichen Einfluß der jüdischen Zedakah verfallen sind, wenn die Philantropie nur eine kleine Aushilfe bei uns bedeuten würde, wie es bei anderen gesünderen Völkern der Fall ist, hätte man gegen die jüdische Barmherzigkeit nichts einwenden können. Aber bei dem auserwählten Volke ist es nun einmal anders; bei uns nimmt die Zedakah die Avantscene des öffentlichen Lebens in Anspruch, bei uns drängt sie sich als Panazee auf, bei uns ist sie das Jüdische an sich, und alles und jedes muß sich ihr anpassen, wenn es nicht aus dem Judentum scheiden will. Die Religion predigt die Zedakah, die Gemeinden üben sie, die privaten Wohltäter helfen mit, und der übrige Teil der Judenheit bittet um Zedakah, das ist der Chorus judaicus, das ist das Judentum in seiner kondensierten Form, das ist der große jüdische Bettelsack . . . Ja, es sind die wichtigsten Gebiete, in denen unsere traditionelle Philantropie nach Gutdünken schaltet und waltet, und auf eines dieser Gebiete möchte ich jetzt speziell die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit lenken. Auf dem Punkte, eine unveräußerliche Domäne der jüdischen Barmherzigkeit zu werden, steht jetzt die jüdische Emigration, und es ist wahrlich die höchste Zeit, daß sich alle diejenigen umsehen, denen es um die Zukunft der zur Auswanderung gezwungenen jüdischen Massen zu tun ist; sie müssen schleunigst Abhilfe schaffen und eine weitausschauende Sozialpolitik auf dem Gebiete der jüdischen Emigration begründen. Das fordern die Interessen der jüdischen Emigranten und nicht zu allerletzt auch die der jüdischen Gesamtheit.

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