Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Kate gor: „Spott ist billig. Wenn sie aber einschlafen, erwecke sie der Prediger, indem er gleich dem Schofar seine Stimme erhebe. So sagt doch einer der Propheten, wenn ich nicht irre. Ich irre nicht. Denn siehst du, ich finde zwar alles schlecht, manchmal auch den Propheten Zarathustra, oder was der Mann sonst war, aber diese jüdischen Propheten, das sind meine Leute! Die sprachen nicht süß, nicht säuselnd. Denn die Wahrheit klingt nicht süß. Die ist eine bittere Pille. Aber sie sprachen volkstümlich, verständlich, sagten den Herrschaften die Wahrheit ins Gesicht, wie es sich gebührt Fern sei es von mir, die Prediger in unseren Synagogen mit den Propheten vergleichen zu wollen. Die Propheten haben gewiß nicht ihre Reden wohl vorbereitet, denn ihre Worte gleichen dem Gebirgsbache, der alles mit sich fortreißt, die Ufer überflutet, und dies vermag ein Redner nicht, der seine Rede glättet, auswendig lernt und dann hersagt. Eines aber sollten doch die Herren Prediger von den Propheten lernen: Den Leutchen etwas mehr die Wahrheit sagen. Nichts bemänteln, nichts vertuschen. Aber da fürchtet man wieder. Man hat Angst vor den Vornehmen, das sind meist, leider, die Reichen, die Steuerkräftigen. Man fürchtet anzustoßen. Das sollte aber einen Verkünder der Wahrheit nicht hindern, schonungslos unsere Gebrechen, Fehler, Irrtümer, sagen wir es, Sünden, aufzudecken. Für die Reichen allein ist doch der Prediger nicht da. Er sei ein Volksredner, spreche im demokratischen Sinne, tröste die Armen, die Elenden, die Belasteten. Aber da wird nur immer so geredet, daß es den Begüterten nicht unangenehm sei. Die Begüterten sind aber nicht immer die Besten. Du siehst, Verteidiger, Sanegor, wie viel ich anklagen kann, widerlege, wenn du es vermagst, meine Worte." Sanegor: „Vor allem, liebster Satan — entschuldige, daß ich dich so nenne — muß ich dir sagen, daß du dich in einem Widerspruche befindest. Du willst keine alten Gebete und auch keine modernen Kantoren. Was also willst du?" Kategor: „Andacht, Ehrfurcht, Innigkeit, Gemüt, ich glaube, es gesagt zu haben." Sanegor: „Du vergaßest aber die Mittel anzugeben, wie diese schönen, frommen Forderungen erfüllt werden sollen?" K a t e g o r: „Durch kurze, aber wohlverstandene, unserer Zeit und ihren Anforderungen angepaßte Gebete. Das habe ich ja auseinandergesetzt." Sanegor: „Da mußt du dir dazu erst das Publikum schaffen und erziehen. Und, wie soll man es zugeben, daß den Reichen durch irgend einen Prediger vor den Kopf gestoßen werde? Willst du die Synagoge ganz leeren? Wie wollen wir ohne die Begüterten das Judentum und seine Einrichtungen erhalten? Da muß man schon mehr auf realen Boden sich stellen. Die Wahrheit ist schön, aber man darf sie nicht immer derb heraussagen. Die Propheten hatten es besser, die mußten keine Rücksicht walten lassen. Darum bleibe ich dabei, lassen wir alles, wie es ist, alles beim alten, wie der lateinische Satz sagt: „sint, ut sunt, aut non sint". Es bleibe alles, wie es ist, oder es sei nicht." Kategor: „Der alte Opportunitätsstandpunkt, der schon so viel Unheil anrichtete. Ueberzeugt hast du mich nicht, alter Weltverteidiger, im Gegenteil, ich erkenne erst jetzt, nachdem ich deine Verteidigung hörte, wie recht ich habe. Lebe wohl und verteidige weiter. Ich will dich in dem Geschäft nicht stören." Sanegor: „Du wirst es mit den ewigen Anklagen und Schimpfereien nicht besser machen und Freunde wirst du dir auch nicht erwerben." K a t e g o r: „Das wünsche ich auch nicht; v i e 1 Feind', viel Ehr'. Die Wahrheit aber über alles!'* Die beiden Gesellen gingen auf verschiedenen Wegen auseinander. Das erlauschte Gespräch teile ich dir, teurer Leser, mit. Urteile selbst — und wrähle das Beste. Ben-Israel. POLITISCHE RUNDSQH/W. Herzl, Wolifsohn and die türkische Anleihe. David Wolffsohn hat seine zionistische Karriere als Präsident der Jüdischen Kolonialbatik begonnen. Er weigerte sich lange, diese Würde anzunehmen, er gestand es jedermann, daß seine kaufmännische Vorbildung für die großen Aufgaben seines Amtes nicht genüge. Aber er fügte sich dem Wunsche Dr. Herzls, mit dem er zusammen durch sechs Jahre die Bank leitete. Herr Wolffsohn hat Zeit gehabt, die Intentionen Dr. Herzls kennen zu lernen. Sie gingen dahin, in der Kolonialbank ein finanzielles Instrument für den politischen Zionismus zu besitzen, d. h. ins Praktische übersetzt, die Kolonialbank sollte dem Sultan und der Türkei bei ihren Geld-Transaktionen VermitUerdienste leisten und dafür politische Konzessionen erobern. Das war die eigentliche Tendenz bei der Gründung der Kolonialbank. Die Bank ist aber bisher nicht dazu gekommen, diesen ihren Wesensinhalt zu erfüllen und sie hat daher auch ihren Lebenszweck verfehlt. Jetzt, da die türkische Regierung krampfhaft Geld sucht und von einem Staate zum anderen hausieren muß; jetzt da die türkische Anleihe zu einer der wichtigsten Fragen der internationalen Diplomatie geworden ist und die Konfiguration der Mächte im Oriente von derselben abhängt — steht die Kolonialbank abseits. Was ist da vom politischen Zionismus noch übrig geblieben? ... Die Freisprechung des Deutschen Volksblattes. Nach vielen Jahren bat sich endlich die Wiener Staatsanwaltschaft entschlossen, gegen die vom „Deutschen Volksblatt0 betriebene Judenhetze einzuschreiten und den Redakteur desselben vor das Schwurgericht zu stellen. Einen Anlaß hiezu bot ein aufreizender Artikel „Jüdische Unverschämtheiten", welcher anläßlich des Lueger-Begräbnisses veröffentlicht, in dem Schlüsse gipfelte, daß künftighin „die Teilnehmer eines Leichenbegängnisses ihre Säcke . mit Steinen füllen, um allenfalls die arroganten Judennasen ein wenig g'rad zu klopfen". Das Schwurgericht, die zwölf Männer aus dem Volke, haben in der am 22. d. M. stattgehabten Verhandlung den angeklagten Redakteur freigesprochen. Es werden alsa auch künftighin derartige Exzesse des antisemitischen Geschäftsblattes straflos bleiben. Die Kondolenz des Kultusvorstandes war vergeblich. Der dumme Kerl von Wien ist antisemitisch und er bleibt es bis auf weiteres.