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Neue Nationalzeitung · 1910-10-28 · Heft 22 (28.10.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 22 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 der Meliz, der Advokat, der den Kategoros widerlegen soll. Ich weiß nicht, ob es ihm mit allen Kniffen eines Rechtsanwaltes gelingen wird, dies zu tun. Jedoch „eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede." So wollen wir sie denn willig hören „Beede4". Der freundliche Leser sei der Richter und ziehe zum Schlüsse sein unparteiisches Resume. Kategor: „Nun sind sie wieder vorüber, die langen, jüdischen Feiertage. Es ist von manchen Leuten dieses unbezwingbaren Völkchens viel gebetet worden, man hat in den Synagogen die Dichtungen aus den ältesten Zeiten ausgegraben, hat sie schnell und langsam, mit den Lippen, vielleicht auch mit etwas Andacht hergesagt. Der Gottesdienst dauerte lange, sehr lange. Oft zu lange auf Kosten der wahren Andacht. Kantoren haben ihre Tenöre, Barytone und Bässe ertönen lassen, nahezu wie in der Oper. Es wurde über vieles, vielerlei und manches andere gepredigt. Man hat also gebetet, gesungen, gesagt. Die Frage ist nun, ob das Zuviel hier nicht ein Zuwenig bedeutet. Mit anderen Worten: Ist der lange Gottesdienst, diese Einrichtung einer alten Zeit, auch für unsere Zeiten am Platze? Alles wickelt sich jetzt viel rascher ab. Wir wollen noch an demselben Tage über alle Ereignisse, sei es nun, daß sie sich in Lissabon oder Petersburg, in London oder Rom, auf dem Nord- oder Südpol, sei es, daß sie sich auf dem Lande, Meere oder in der Luft abspielen, möglichst schnell unterrichtet werden, und es geschieht dies auch. Und da verbringen wir stundenlang In der Synagoge, die Frauen schwätzen, die Männer lesen verstohlen Zeitungen, manchmal sogar die Kurszettel, während Gebete verrichtet werden, die doch wahrlich in die Zeit der Automobile, der Elektrizität, der Luftschiffe, der Phonographen und Telephone, in die Zeit, da die Völker sich befreien und mißliebige Souveräne über Nacht aus dem Lande hinauskomplimentieren, nicht passen. Was hat uns heute irgend ein Vorbeter aus den Tagen der Kreuzzüge mit seinen geschnörkelten Reimspielereien, Pintim nennt man sie, zu sagen? Ich bin dafür, daß in diesem unserem alten Judentum auch die Gegenwart in ihre Rechte tritt, und endlich die dazu Berufenen etwas für ein neues, modernes Geschlecht tun, damit es nicht aus dem Grunde, weil es unser Altertum und Mittelalter nicht versteht, ganz abfalle und, wie ein morscher Zweig, von dem alten Stamme sich löse. Die Berufenen aber, die dies einsehen, tun nichts, teils aus Angst, teils aus Trägheit, was noch schlimmer ist." S a n e g o r: „Ich habe dich, Ankläger, alter, wohlbekannter Satan, der schon dem Hiob das Leben sauer machte, ausreden lassen. Nun bitte ich dich, auch mir Gehör zu schenken. Wie, haben wir nicht prächtige Synagogen, elektrisch beleuchtet, mit Orgelklang und Chorgesang? Und manchmal singen auch Damen in diesen Chören — welch ein Fortschritt! Predigen die Herren Rabbiner nicht schön: historisch, philosophisch, sozialpolitisch, national-ökonomisch? Wenn die Frauen bei diesen Predigten schwätzen, mancher dabei seine Zeitung liest oder gar bläsphemisch einschläft, so beweist dies, daß unser Publikum nicht ganz auf der Höhe des Verständnisses für diese oratorischen Leistungen steht. Traurig genug für das Publikum. Wollen die Leutchen Pintim sagen, warum sollte man sie in diesem Vergnügen stören? Sie verstehen die alten Dichtungen nicht, das ist ihre Sache. Ihnen genügt „das Sagen". Es gibt übrigens ganz gute Uebersetzungen unserer Gebete. Mögen sie diese Uebersetzungen lesen, denn die Gebete können in allen Sprachen gesagt werden, wie der Talmud, wenn ich nicht sehr irre, irgendwo sich äußert. Und der Gesang unserer Kantoren! Bedeutet der gar nichts? Vermag er nicht zu erheben und zu erschüttern? Nur nicht alles einreißen wollen, es geschieht auf diesem Gebiete genug. Wir sind stark im Demolieren, schwach im Aufbauen. Einreißen kann jeder Taglöhner, aufbauen nur der geschickte Architekt Und dann die Predigt! Ist sie nicht wirklich modern geworden? Erfreut sie nicht durch schöne Worte, wirkt sie nicht ästhetisch und ethisch zugleich durch das Ausschöpfen des sittlichen und philosophischen Gehaltes des Judentums? Darum nicht immer anklagen, nicht immer, um echt wienerisch zu reden, „raunzen", sondern auch anerkennen und sich glücklich preisen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Und, was den erwähnten Abfall betrifft, da muß man sich schon damit trösten, daß es schwache Charaktere zu allen Zeiten gegeben hat. Nur die welken Blätter fallen vom Stamme, manchmal auch dürre Zweige. Der Stamm bleibt doch." K a t e g o r: „Wenn man dich anhört, dann ist es im Judentum wohl bestellt. Aber, wie viele Blößen hast du dir gegeben, auf die mir der Angriff sehr leicht gemacht wird. Was du gesagt hast, beweist nur, daß du die Aeußerlichkeiten über das Wesen stellst. Und das ist in religiösen Fragen ein arger Fehler. Will ich schön singen hören, gehe ich ins Konzert und ins Theater. Von Philosophie aber, oder gar von der bösen Politik will ich schon gar nichts in der Synagoge hören. Was dem Gottesdienste fehlt, das ist die Innigkeit, die Andacht. Das Herz findet in ihm der Befriedigung wenig. Etwas weniger wäre hier wirklich mehr. Da hört man immer, er hat schön gesungen, schön gepredigt. Kommt es auf diese äußere Schönheit im Gottesdienste an? Legt man auf diese Aeußerlichkeiten nicht viel zu viel Gewicht? Weniger Geflunker und mehr Innigkeit, das ist mein Wahrspruch, von dem ich mich nicht abdrängen lasse. Ich schenke dir Chorgesang, Orgelklang und die schöne Predigt, was ich dafür eintauschen möchte, das ist wahre Erhebung, andächtige Stimmung und volkstümliche Belehrung. Und die fehlt. Sprechen wir von der Predigt. Was soll's mit der verwässerten Philosophie, die hier oft, allerdings in schönen Worten, verkündet wird? Wünsche ich Philosophie zu hören, dann gehe ich nicht zum Prediger, ich lese meinen Schopenhauer oder, erschrick nicht, Nietzsche. Der verstand es, zu predigen. Er läßt den Zarathustra sprechen. Ich gestehe, manches von dem, was dieser sonderbare persische Weise sagt, klingt mir unverständlich, aber vieles, was er verkündet, ist wahr, leider sehr wahr, wenn es auch oft verrückt, oder w e i l es so verkündet wird. Wir werden bald die Weisheit nur bei den Verrückten finden. Soll aber die Predigt einen Wert haben, dann sei sie belehrend, sie unterrichte das arme, unwissende Volk über das Wesen der Religion, z. B. über die Bedeutung der Feste. Die meisten Zuhörer, Andächtige spricht man sie an, werden dem Prediger dann dankbar sein .. . ." Sanegor: „Wenn sie dabei nicht sanft entschlafen."

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