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Neue Nationalzeitung · 1910-10-28 · Heft 22 (28.10.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 22 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Kandidaten zu stimmen. Dieser Wisch wird „Programm" oder „Grundsätze" betitelt. Er enthält ein Sammelsurium von Schlagwörtern des Tages, niedergeschrieben ohne die Absicht, sie jemals zu verwirklichen. Denn kaum sind die Wahlen beendet, dann wandern die schönen „Grundsätze" ins Archiv. Sonst bleibt alles beim Alten und dauert wieder bis zu den nächsten Wahlen. Sie stehen jetzt vor der Tür- und damit ist auch die Zeit gekommen, für den schnöden Wortbruch Rechenschaft zu verlangen. Die Frivolität, mit der sich der Kultusvorstand über die „Grundsätze" seines offi- .ziellen Zentralkomitees hinweggesetzt hat, schreit nach Sühne. Was haben denn nicht alles vor zwei Jahren die offiziellen Kandidaten versprochen! Sie versprachen das geltende Statut einer gründlichen Aenderung zu unterziehen. Sie versprachen eine Vermehrung der Vorstandsmandate. Sie versprachen eine Aenderung des Wahlrechtes nach der Richtung, daß die Bestimmungen für die Erlangung des aktiven Wahlrechtes eine wesentliche Erweiterung erfahren. Sie versprachen für die Bemessung der Kultussteuer eine feste, womöglich gesetzliche Grundlage zu schaffen. Sie versprachen die Austritte aus dem Judentum „durch geeignete Maßnahmen auf dem Gebiete des Kultus und Unterrichts8, zu bekämpfen. Sie haben noch sehr vieles und anderes versprochen. Als si > dann auf Grund dieser Versprechungen gewählt wurden, haben sie kein einziges Versprechen gehalten, sie haben nicht einmal durch eine Anregung oder einen Vorschlag zur Verwirklichung ihrer Versprechungen die Initiative ergriffen. Dagegen hatle das Organ des Kultusvorstandes die Kühnheit, den Wortbruch in Schutz zu nehmen und zu behaupten, die Opposition wolle durch Herabsetzung der Minimalkultus-teuer von 20 K den Kultusvorstand zwingen, die Steuerzahler zu exequieren. Eine größere Verlogenheit hat es wohl kaum gegeben! Werden denn nicht jetzt, trotzdem das Kultussteuer-Minimum 20 K beträgt, noch 5—6000 Steuerträger unter Zuhilfenahme christlichsozialer Steuer- Exekutoren gepfändet! Und müssen nicht noch jetzt 1000—12üO Steuerzahler alljährlich von der Steuerzahlung enthoben werden, weil bei ihnen die Exekution fruchtlos bleibt. Dagegen beträgt in Berlin das Steuer- Minimum 6 Mark, in Warschau 2 Rubel — und niemand hat noch die Vermessenheit gehabt, diese in Bezug auf soziale Einrichtungen die Wiener Gemeinde turmhoch überragenden jüdischen Gemeinwesen der Steuererpressung zu bezichtigen. Ich habe die Frage der Steuer-Reform bloß zur Illustration herausgegriffen, um zu zeigen, was bei dem jetzigen Regime alles möglich ist. Nicht nur, daß Kultusvorsteher ihr verpfändetes Wort nicht einlösen, findet sich noch ein von den Steuergeldern bezahltes Blatt, welches durch Entstellungen diese Irreführung der Wähler zu beschönigen sucht. Dieses Vorgehen, sowohl des Kultus Vorstandes als seines Organes ist umso verwerflicher, als es bereits im Jahre 1904 im Programme des offLrielen Wahlkomitees, dem auch der Gemeinde- Leibjournalist angehört hat, ausdrücklich heißt: „Hiebei (bei der Veranlagung der Kultussteuer) wäre behufs Erweiterung des Wahlrechtes die Festsetzung des obligatorischen Steuerminimums auf zehn Kronen ins Auge zu fassen." In dieser konsequenten Haltung des Kultusvorstandes, welcher sich mit aller Macht gegen die Herabsetzung der Kultussteuer stemmt und sie bloß von einer Wahl zur anderen vortäuscht, offenbart sich am prägnantesten sein Wesen: er ist volksfremd und verschließt sich starrsinnig gegen den demokratischen Geist der Zeit, er will auf dem Piedestal thronen als Almosenspender und Beschützer, statt zum Volke herabzusteigen als Freund und Ratgeber. Schon deswegen muß der Kultusvorstand von jedem fortschrittlich gesinnten Juden, von jedem Manne aus unserer Mitte, für den ein Millionär noch kein Herrgott und selbst ein armer Jude kein Bettler, sondern ein Bruder ist, bekämpft werden. Will jemand fragen, was der Kultusvorstand außer dem Bruch der gemachten Versprechungen noch geleistet hat? Er kann sich die Frage wohl ersparen. Der Kultusvorstand hat das getan, was das tüchtige Beamlenkorps allein hätte machen können: Das Werkel wurde fortgeführt. Neue Schulden wurden kontrahiert. Das Danaidenfaß der Mikwah hat außer den bereits verausgabten 160.000 Kronen noch weitere 80.000 Kronen verschlungen und es ist noch immer nicht fertig. Es bleibt eine Mißgeburt der Baukunst. Ein Repräsentationshaus für die Gemeinde ist noch nicht in Angriff genommen, die Judengemeinde der Residenz hat nach wie vor ihren Sitz in zwei alten, finsteren Gebäuden. Jetzt werden sie bloßgelegt. In der Umgebung werden die Häuser abgetragen, um neuen Gebäuden, Zinspalästen und Warenhäusern, Platz zu machen. Nun ragen der hohe Turm und die nackten, schmutzigen, morschen Wände der beiden Kultusgebäude in die Luft: ein Wahrzeichen des Verfalles, dem ihre jetzigen Gebieter entgegengehen. (Weitere Artikel folgen.) Dr. S. R. Landau. Rückblick auf die vergangenen Feiertage. Gespräch zwischen dem Kategor und Sanegor. Zunächst will ich einen größeren Leserkreis mit den zwei Gesellen bekannt machen, welche das folgende Gespräch führen, teils aus guter Lebensart, denn man will doch wissen, wer die Beiden sind, die hier ein nicht ganz unaktuelles Gespräch führen, teils deshalb, weil ich meine — und ich beleidige wohl damit niemand — daß diese Herren weiteren Kreisen nicht ganz bekannt sind. K a t e g o r und Sanegor sind zwei Persönlichkeiten, die sich, merkwürdigerweise, aus dem griechischen Gerichtsverfahren in unsere neuhebräische Literatur, auch in unsere Pintim, d. i. unsere synagogalen Dichtungen, eingeschlichen haben. Wir haben ihnen gerne Gastrecht gewährt, wie so vielem anderen, das, aus der Fremde kommend, sich in unserer Mitte niederließ. Der Kate gor also, dieser erste Beisaß, das ist der Ankläger, der Satan, der diese Welt nicht für die beste aller Welten hält. Er hat verschiedene Wandlungen durchgemacht, bis er als Mephistopheles, wie einst Satan zu Hiobs Zeiten, vor des Herrn Thron trat. Sein Widerspiel ist der Sanegor, landesüblich als Synegor korrumpiert; er ist der Fürsprecher,

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