Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425824--1831-2428218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 N2Ü5 MCißNÄL-ZÖCÜNG LANDAU XII. JAHRGANG. WIEN, 28. OKTOBER 1910. Nr. 22. Die Kultuswahlen in Wien. i. Am letzten November-Sonntag werden die Wahlen für den Wiener Kultusvorstand stattfinden. Kaum ein Monat trennt uns noch von diesem Termine. Und doch rührt sich noch gar nichts in der jüdischen Bevölkerung. Mit staunenswerter Apathie warten nicht bloß die Wähler, sondern selbst der überwiegende Teil der zahlreichen jüdischen Organisationen, bis ihnen die Kandidaten von einer Koterie aufoktroiert werden, von einer Koterie, der jeder Sinn für die Leitung einer jüdischen Großgemeinde, für deren sozialen Forderungen und administrativen Aufgaben fehlt, die aber durch ihre Schulden Wirtschaft die Gemeinde einem Abgrunde zutreibt, die durch ihre Protektion bei derErnennung der Gemeinderabbiner und durch Systemlosigkeit im Religionslehrplan den Abfall vom Judentum fördert, die im Interesse ihrer wackelnden Vorsteherstühle die minderbemittelten Klassen entgegen dem demokratischen Geiste des Judentums vom Wahlrechte ausschließt. Dafür verstehen diese Herren die Wahlmache sehr gut. Sie haben zuerst für die Höherbesteuerten eine Privilegienkurie mit 12 Mandaten geschaffen. Jeder Jude, der mindesteds 200 Kronen Kultussteuer zahlt, hat zwei Wahlstimmen — in Wien; sonst aber in der ganzen Welt nicht. Wer keine 200 Kronen zahlt, der wählt nur einmal und zwar in der Wahlkurie mit 24 Mandaten, wer aber mehr zahlt, der wählt überdies noch einmal in der höheren Kurie mit 12 Mandaten. Dieses Wahlsystem, genannt Pluralitäts-Wahlrecht, ist eine Spezialität des Wiener Kultuavorstandes, dessen Abgott der Geldsack und dessen Propheten einige Millionäre sind. Aber die paar Kundert Leute, denen die Gemeinde mit 180.000 Juden ausgeliefert wurde, geben das Geld für den Wahlfonds her. Sie haben den Ehrgeiz, nicht bloß 12 Mandate zu besetzen, sondern auch die übrigen 24 Mandate für ihre Werkzeuge zu erobern. Und das ist ihnen bisher gelungen. Dann kommen die Trinkgelder für die Bethaus-Vereine. Diese werden aber nicht aus den Kassen der Millionäre, sondern schon aus dem Steuersäckel gezahlt. Wenn an der Spitze eines Bethausvereines ein Mitglied des Kultusvorstandes oder sonst ein Wahlagitator desselben, mag er auch persönlich anrüchig sein, steht, dann wird dieser Verein vom Kultus- Vorstande mit Subventionen überhäuft. Da rekrutieren sich die „ Königstreuen * Truppen, die bei den Wahlen Mann für Mann aufmarschieren und sie müssen bei guter Laune erhalten bleiben. Ist aber ein Bethaus- Obmann nicht mehr „verläßlich", dann wird er schikaniert und kujoniert, der magere Korb der Subvention wird seinem Vereine höher gehängt. Der Bethaus - Verein Brigittenau ist hiefür ein klassisches Beispiel. Schließlich folgt der W a h 1 a p p a r a t. Der Kultus- Vorstand ernennt ein Wahlkomitee aus den Reihen der ihm ergebenen Bethaus-Vereine, der von ihm ernannten Bethaus-Vorsteher und sonstiger Personen, die mit dem Judentum nichts verbindet, als die Aussicht, für geleistete Agitatorendienste auch selbst einmal ein Mandat zu erhalten. DaB an der Spitze dieses Wahlkomitees vor zwei Jahren der Wiener Finanzagent der rumänischen, antisemitischen Regierung stehen konnte, ist das beredtste Zeugnis für das Niveau dieses Wahlkomitees. Durch zwei Jahre hören die Gemeindemitglieder von „ihrem" Vorstande gar nichts. Nur wenn die Wahlen kommen, da wird ihnen ein Wisch ins Haus geschickt. — Darin werden sie aufgefordert, im Namen der „Einheit" und des „Friedens" für die ernannten