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Neue Nationalzeitung · 1910-10-14 · Heft 21 (14.10.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 21 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Nr. 21 FEUILLETON. David Pinski: )om-I^i]Dur-6ebete. Autor. Uebersetzung von Hermann Blumenthal. I. Der Geizige. In einen alten, ganz alten, gelb und schwarz gewordenen Gebetmantel gehüllt, eine abgewetzte, fadenscheinige Samtkappe auf dem Kopfe, sitzt er über einem alten, zerrissenen, von Schweiß, Kerzentropfen und Tränen fleckig gewordenen Gebetbuche. Er schreit nicht, er weint nicht und macht keine Gebärden. Sein nicht mehr junges Herz ist versteinert und die Worte kommen aus seinem Munde trocken — ohne Gefühl. Er fleht um nichts; er kann Gott nicht einmal versichern, daß er kein Gebet versäumt hat. Vor kurzem bemerkte er eines Morgens zu seinem Schrecken, daß seine Speisekammer ausgeraubt wurde. Es fehlten zwei Laib altes Kommißbrot, ein Hering, ein Stückchen kaltes, gekochtes Fleisch und einige Erdäpfel. Den ganzen Tag war er auf der Suche nach dem Dieb und erst am Abend fiel ihm ein, daß er weder das Morgennoch das Vorabendgebet gesprochen hatte . . . Außerdem hat er dieses Jahr auch Jom Kipur-Kerzen gespart . . . Er fleht um nichts, denn er lebt in ewiger Feindschaft mit Gott und den Menschen. Er bittet um nichts, nicht einmal um ein langes Leben! Die Zeit, die ihm bestimmt ist, wird er leben, aber so lange er lebt, wird er nichts von dem, was er zusammengerafft hat, aus der Hand geben. Wenn in seinem Gebetbuche ein Blatt fehlt, blickt er in das Buch seines linken Nachbars. Das geht so ein- und zweimal, aber beim drittenmal stützt dieser den Kopf auf die Hand, so daß er nicht mehr mitlesen kann. Der Geizige wendet sich nun zu seinem rechten Nachbar, aber dieser kehrt ihm gleich den Rücken und sagt: „Ihr dürft Euch wirklich schon ein neues Gebetbuch kaufen . . .!" Der Geizige antwortet ihm nicht, sondern murmelt verächtlich vor sich hin: „Als wenn ich ihm das Gebetbuch abgenützt hätte!" Er blickt sich nach allen Seiten um, bei wem er jetzt einblicken könnte, aber er merkt, daß ihm hier keiner gut gesinnt ist . . . Ach ja, er hätte doch einen Wunsch! Er möchte, daß alle seine Feinde vernichtet werden — und als Feind betrachtet er jedermann — denn alle hassen ihn. Jeder hält es für eine gute Tat, ihn zu schädigen; nicht einmal vor Frau und Kindern fühlt er sich sicher. Ja — er will versuchen, Gott um Vernichtung seiner Feinde zu bitten . . .! Er macht ein tiefernstes Gesicht und versucht seinen Augen eine Träne zu erpressen . . . II. Der Bettler. Hinten bei der Tür steht er in einem Winkel zwischen Wand und Ofen, die linke Seite an die Wand gelehnt. Wenn er müde wird, setzt er sich auf die bloße Erde, ohne sich auf Heu zu betten. Seine halberblindeten Augen blicken stumpf und teilnahmslos. Mit müden Lippen, ohne jedes Gefühl, murmelt er die Gebete aus seinem kleinen, alten Gebetbuche. Er bittet um nichts und weiß auch nicht, um was er flehen sollte. Das Leben ist ihm gleichgültig! Er und sein stummes Weib und seine drei Kinder betteln das ganze Jahr von Haus zu Haus. Sonst kümmert er sich um nichts. Er muß nur wissen, wann Rosch Chojdesch*) ist, wo Juden und wo Christen wohnen und wo man ein größeres Almosen bekommen kann. Aber sein Weib behält all das besser im Kopfe, als er. Er erhebt sich, wenn die anderen von ihren Sitzen aufstehen, kniet nieder und schlägt an seine Brust zugleich mit ihnen — aber ein Gedanke beschäftigt ihn immerfort: „Der gestrige Rüsttag wrar eine große Enttäuschung!" Daran trägt aber nur sein Weib die Schuld. Er war der Meinung, daß sie vor dem Krabischer Bethaus Aufstellung nehmen sollen, aber sie hat es sich in den Kopf gesetzt, vor der deutschen Synagoge zu stehen. Er hatte nachgeben müssen und sie gingen fast mit leeren Händen heim, während andere vor der Krabischer Synagoge ein ansehnliches Stück Geld einsammelten. Er hat seinem Weib gleich erklärt, daß sie ein stummes Rindvieh sei. Am Abend hat er es ihr wiederholt und heute wird er es ihr neuerlich sagen. „Nein — nächstes Jahr wird er nicht mehr so dumm sein!" Jakob Gordin: Die Stimme des Schofar. Uebersetzt von A. Sch. „Schofar! Eine Kleinigkeit — Schofar! Es ist das Echo, das bis zur Himmelspforte dringt, es ist die Stimme, die den Juden aus seinem Schlaf erweckt, es ist das Signal der Jomim Nauroim, der schrecklichen Tage, während welcher es dem Menschen zum Bewußtsein kommt, daß er nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele besitze, daß es außer dem Leben auch Tod gebe." Mit diesen Worten sprach Reb Awrom Schlojme seine Nachbarn und Freunde an, die bei ihm am Ausgange des Neujahrsfestes zu Tee geladen waren. Reb Awrom streicheile sich den langen Bart, versank einen Augenblick in Gedanken und setzte schließlich mit trauriger Stimme seine Rede fort: „Aus den historischen Schofartönen vernimmt der Jude die lieblichen Töne einer allen Symphonie, er hört den Fluch des schrecklichen Banns, er vernimmt das ,Hepp! Hepp!\, das wilde Geschrei der Kreuzfahrer, das Jauchzen der Pogrommörder, den Jammer der Verzweiflung, die Melodie der süßen Hoffnung, den Triumph der Freiheit .... Sch—! Sch—! Schofar! Eine Kleinigkeit — Schofar!" Reb Awrom Schlojme hielt inne, in tiefe Gedanken versunken; seine Zuhörer saßen still, wie bezaubert. Endlich unterbrach Reb Isroel Pelek mit einem Husten die feierliche Stille und sprach: „Meine Herren, entschuldigt. Daß die Stimme des Schofars keine Kleinigkeit ist, will ich durch eine seltsame Geschichte bekräftigen. Höret also : In der Stadt Niemirow nahm ein alter General mit seinem Stab Quartier. Er galt allerorts als grausamer Judenfeind. Sein größtes Vergnügen war, die Juden zu quälen, zu erniedrigen und zu verspotten. *) Neumondstag.

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