Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Sehr treffend schreibt darüber die „Badische Landeszeitung": „Mit dem Antisemitismus geht es zu Ende in Deutschland. Und da mit ihm keine Geschäfte mehr zu machen sind, so rückt die konservative Partei ostentativ von ihm ab. Die „Kreuzzeitung"" hat als Sprachrohr für diese Schwenkungder Konservativen gedient. Diese wollen sich doch aus Furcht vor den nächsten Wahle n etwas modernisieren und so stoßen sie die Tivoli-Antisemiterei aus ihrem Programm heraus. Natürlich bleibt's sachlich beim alten. Der Jude darf nach wie vor nicht Reserveoffizier und noch viel weniger aktiver Offizier werden und auch die anderen höheren Laufbahnen bleiben ihm nach Möglichkeit verschlossen. Aber das Bekenntnis, daß die Juden im praktischen Leben, in Kunst und Wissenschaft manches geleistet haben, kostet nichts, macht einen netten, ordentlich liberalen Eindruck und bringt vielleicht — das ist die Hauptsache — bei den Stichwahlen manche dankbare jüdische Stimme. Man nimmt bei den schlechten Zeiten, was man kriegen kann. Und Herrn v. Liebermanns Zeit ist ja doch vorbei. Dieser ehemalige Spaßmacher der Junker macht jetzt nicht einmal mehr Witze, über die man sich unbändig freuen kann. Also was will der Mann noch?" Das „Berliner Tageblatt" verlangt daher mit Recht, daß die Konservativen ihre Worte auch in Taten umsetzen: „Vor allem müßte man die Forderung aufstellen, daß von den Konservativen die Gleichberechtigung der jüdischen Konfession in der V e r w a 1 t u n g, in der Justiz und in der Armee anerkannt wird und daß demgemäß alle Hindernisse entfernt werden, die in der Konfession eines Bewerbers heute gefunden werden. Aber man wird auch darauf hinweisen müssen, daß nicht minder die Forderung der christlichen Schule und der christlichen Obrigkeit, wie sie sich im Tivoliprogramm findet, mit der k o nfessionellen Gleichberechtigung ebenso unverträglich ist wie mit der Verfassung überhaupt." * Selbstmorde unter Judeji. Tm Septemberheft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" veröffentlicht Dr. Rud. Wassermann (München) eine Abhandlung über die erschreckende Zunahme der Selbstmorde unter den Juden in Deutschland. Danach ist die Selbstmordziffer der Juden in Preußen, Bayern, Württemberg und Baden — welche vier Länder in den Kreis statistischer Betrachtungen gezogen sind — beträchtlich höher als die der Protestanten und Katholiken. Wassermann fährt dann fort: „Welches sind die Ursachen dieser Erscheinung? Ich kann heute nur wie vor vier Jahren sagen, daß ich trotz der Ausführungen Hirschbergs auf meinem damals eingenommenen Standpunkt verharre. Soweit er die negative Seite betrifft, stimme ich darum vollständig mit v. Mayr überein, wenn er sich folgendermaßen äußert: Daß die berufliche Gliederung der Israeliten und insbesondere deren fortschreitende Konzentration die Wahrscheinlichkeit des Selbstmordes in steigendem Maße beeinflußt hat, darf man nicht vergessen; die Steigerung des Selbstmordes ist aber so bedeutend, daß daraus allein eine erschöpfende Erklärung dieses moralstatistisch so interessanten Vorganges sich doch nicht ergibt. Daran ändert sich nichts, wenn man, wie dies z. B. Hirschberg getan hat, auch die Neigung der Juden zu Geisteskrankheiten berücksichtigt. Denn ein Teil dieser Ursachen lag auch schon früher — wenn auch nicht in dem gleichen Maße wie heute — vor, und doch war die Selbstmordziffer der Juden die denkbar geringste. ' Man wird darum für die positive Erklärung unseres Phänomens auf den Hinweis nicht verzichten dürfen, daß das Zurückgehen der positiven Gläubigkeit der Juden, die sich überall als Bollwerk gegen die Zunahme der Selbstmorde erwiesen hat, sich bemerkbar macht. So bildet die Entwicklung der jüdischen Selbstmordlichkeit ein Pendant zur Entfaltung der jüdischen Geburtenziffern, wie ich sie in meinem Aufsatz „Das Wolfsche Bevölkerungsgesetz und das Bevölkerungsproblem der Juden in Deutschland" gezeichnet habe. Hier wie dort 'kann nicht behauptet werden, daß die beobachteten Erscheinungen mit der Religion in Zusammenhang stehen. Aber hier wie dort hat die Zugehörigkeit zu einer Religion (Judentum) infolge der damit verbundenen Religiosität bewirkt, daß andere Faktoren latent blieben. Nachdem die bindende Kraft der Religion gefallen ist, vermögen diese anderen Faktoren nunmehr ihre ganze Kraft zu entfalten und so können wir von der Zukunft nichts anderes erwarten als weitere zunehmende Selbstmord häufigkeit und Neomalthusianismus!" Wassermann über Juden als Literaten. Ueber Juden als Literaten enthält tieft h der „Frauen- Zukunft" folgende Ausführungen von Jakob Wassermann: „Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampfe gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtages. das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhanges bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, der Ueberlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, urewige Iii titströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungeue und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Rur o p ä e r. als Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im etnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein." Briefkasten der Redaktion. Abonnent. Die turbulenten Szenen, die sich im Ottakringer Tempel nach dem Abendgebet des ersten Neujahrstages abspielten, sind uns bekannt. "Wenn nun auch die Tempelmitglieder darüber irritiert sein mochten, daß Kultuspräsident Dr. Stern am hohen Feiertag im Wagen \or den Tempel angefahren kam, um ihnen eine Strafpredigt dafür zu halten, daß sie sich die Abkommandierung ihres Oberkantors in einen anderen Tempel für den zweiten Feiertag nicht gefallen lassen wollten, so war es denn doch nicht am Platze, den alten Herrn in der Synagoge zu beschimpfen und sogar zu bedrohen, so daß er nur durch Hinweis auf seine achtzig Jahre sich vor — Mißhandlungen zu schützen vermochte. Die Herren in Ottakring haben seit Jahren unter den Gemeindezuständen zu leiden. Wenn es aber dazu kommt, mit der einzig wirksamen Waffe, dem Stimmzettel, vorzugehen, dann ducken sie sich gleich voi den Beschwichtigungen des Herrn Kuffner, der auch jetzt als Friedenstaube von Dr. Stern abgesendet wurde. Unter solchen Verhältnissen müssen wir es den Ottakringer Herren überlassen, sich auch jetzt ihre Sache selbst auszutragen. Notizen. Jüdisches Theater (Hurel „Stefanie", II. Taborstraüe 12.) Ab Freitag, den 14. d. M. „J e h i d e s" (Operette von Lateiner). — Ab Dienstag, den L8. d. M. „Mensch s»l men s a n" (Operette, Text von M. S c h e r r, Musik von Perlmutter und Wohl). — Studenten zahlen an Wochentagen die Hälfte. Bei Genußmitteln ist und bleibt einzig und allein die Qualität maßgebend. Schützen Sie sich, geehrte Hausfrau, vor Schaden, indem Sie ausdrücklich den echten Franc k, mit der Kaffeemühle als Schutzmarke, verlangen und jedes Kistel und Packel, welches dieses Zeichen der Echtheit nicht trägt, zurückweisen. Hochfeines natürliches Tafelwasser tft L \ ~ Natürlicher nifl<LrPMPSauerbrunn J llVJlWllV Lithion-Quelle.' von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberall zu haben Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4.