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Neue Nationalzeitung · 1910-10-14 · Heft 21 (14.10.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 21 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Jaden unter die Kategorie der Palästinapilger nicht fallen, mithin auf ermäßigte Reisepässe keinen Anspruch haben. Ein zweiter jüdischer Senator in der Türkei. Daud Effendi M o 1 c h o, ehemaliger erster Uebersetzer des Kaiserlichen Diwans, ist die Ernennung zum Senator erteilt worden. Die oltomanischen Juden werden also künftig durch zwei Sitze im Senale vertreten sein. General ßotha an die südafrikanischen Jnden. Die südafrikanischen Zionisten veranstalteten jüngst in Johannesburg eine Ausstellung mit einem Wohltätigkeitsbazar. Zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung wurde auch der südafrikanische Premierminister General B o t h a geladen. Man war mit Recht gespannt auf die Rede, die er für die Eröffnung der jüd-i sehen Ausstellung zusagte. „Es ist eine historische Talsache," sagte General B o t h a, „daß Ihre Ellern in jener Zeit, da sie überall in Europa verfolgt wurden, bei den Engländern und Holländern Schutz fanden. Die weiße Bevölkerung in Südafrika besteht, wie Sie wissen, aus Holländern (Buren) und Engländern. Es ist demnach kein Wunder, daß die Juden bei uns volle Freiheit und Gleichheit genießen. Wenn es ein Land gibt, in dem Juden volle Sicherheit gefunden, so ist es unser südafrikanisches Land. Ich wollte daher meinen Wunsch aussprechen," sagte der Premierminister fortfahrend, „daß der Nationalfonds, zu dessen Vermehrung ich heute beilrage, nicht dazu dienen möge, die Auswanderung der Juden aus Südafrika nach Palästina zu fördern. Dort, wo die Juden in Not und Elend leben, ist die Tätigkeit des Nationalfonds am Plalze. Wir aber wollen nicht, daß unsere Kolonisten uns verlassen; im Gegenteile wünschen wir, daß Ihre Brüder in größerer Zahl zu uns kommen mögen und wir werden sie als gute Freunde aufnehmen. Wir rechnen auf die Unterstützung unserer jüdischen guten Freunde, die uns gewiß unterstützen werden in der Durchführung unseres Ideals, eine selbständige südafrikanische Kultur zu schaffen." Protestversanimlungen gegen die Verletzung der Gleichberechtigung. Wegen Ausschließung der Juden vom Reserveoffiziersstande und ihrer sonstigen Zurücksetzung in der Armee will der Verband der Deutschen Juden in Berlin, mit Rücksicht auf die unbefriedigende Antwort des preußischen Kriegsminislers auf die zu Anfang des Jahres an ihn gerichtete Eingabe und auf seine Aeußerungen in der Reiehstagsdebatte, die im Gegensatz zu den vorjährigen des Herrn von Einem die militärischen Vorgesetzten in ihrer Zurücksetzung der jüdischen Einjährigen zu bestärken geeignet sind, im Laufe des Winters in einer Reihe öffentlicher Versammlungen Stellung nehmen. Die erste Versammlung soll in Berlin im großen Saal der Philharmonie am Sonntag, den 13. November, stattfinden. Die Versam mlungen wird der Verband in Gemeinschaft mit dem Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufen. Als erste folgt der in Berlin veranstalteten eine Versammlung in Breslau am 24. November im dortigen Saal der Gesellschaft der Freunde. Weitere sind vorläufig in Frankfurt a. M. und für Köln geplant. — An den Versammlungen werden auch bekannte nichtjiidische Parlamentarier als Redner teilnehmen. Die Schwenkung der Antisemiten in Deutschland. Zur näheren Charakteristik der jetzt seitens der reichsdeutschen Konservativen versuchten Ableugnung des Antisemitismus wollen wir die letzte Erklärung der „Kreuzzeitung" dem von demselben Bialle im Jahre 1892 veröffentlichten Tivoliprogramm gegenüberstellen. Die sensationelle jüngste Erklärung der „Kreuzzeitung" lautet: „Soweit der Evangelische Bund sich zum Schutz des evangelischen Glaubensinhaltes unserer Kirche auf unsere Seite stellt, werden wir ihn als Bundesgenossen schätzen und ehren; aber die Erregung konfessioneller L ei d en s c h a f t e n m iß b il 1 i g e n wir überall. Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit ja auch davon überzeugt, daß sich der antis emitische Passu s ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch imJudentume konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judentume so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei rassereinen Deutschen entwickelt haben." Der erwähnte „antisemitische Passus" des konservativen Programms vom Dezember 1892 (Tivoli-Programm) lautete dagegen wörtlich : „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben. Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schüler." Die Antisemiten haben also doch etwas gelernt in den 18 Jahren! Die Juden in Tripolis. Tn einem Feuilleton in der „Voss. Ztg." schreibt H esse- \Y a rteg g: ,,Unter den 80.000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens ein Zehntel Juden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemadas Zeit aus Spanien vertrieben worden sind und sich wie überall am Mittelmeerc, auch hierher flüchteten, sondern auch die N a c 1) k o m m e n d e r ä g y p t i s c h c n u n d r ö m iseilen Juden. Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es b 1 ü h e n d e J u (1 e Ii k o 1 On i c n, selbst Karthago besitzt eine solche, wie der dortige Judeniriedhoi beweist, und sind auch die Römer verschwunden, die Juden haben sich mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und sitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodj'tcn der Dschnbel Choriaw und Xefrussa selbst Troglodyten geworden. Daß die Höhlenbewohner dort schon lange ansässig sind, sah ich selbst aus den alten Grabsteinen aus dem' n. und 12. Jahrhundert. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So z. ß. fand ich sogar in der die Stadt Tripolis umgehenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendiekicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf AmruB mit über tausend Einwohnern, die fast durchwegs Juden sind. Sie haben ihre eigenen Synagogen, Rabbiner, Talmudschulen und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis an den heutigen Tag. Ja, sie halten eifersüchtig jeden fremden Einfluß fern, wollen von Europa, von Reisen, von modernen .Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Aberglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, d e m großen J u d e n v i e r t e 1 v o n T r i p o 1 i s, sind die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zum großen Wohlstand und Einfluß gelangt, Handel, Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Karawanenvcrkchr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar auf Beamtenposten mit der sogenannten ..höheren Kunst" beschäftigt und sind jedenfalls nicht verloren. Sollte aber jemand durchaus nicht abzubringen sein, so sendet man, ehe man ihn zu einer Reise nach Deutschland veranlaßt, seine Arbeiten an irgend einen bekannten Künstler zur Begutachtung." Zeifschriften-Hundschau. Das Fiasko der reichsdeutschen Antisemiten. Der Entschluß der Konservativen, dieser antisemitischen Kerntruppe in Deutschland, den Antisemitismus aus ihrem Programm zu streichen, wird lediglich als ein Wahlmanöver angesehen, um die Stimmen jüdischer Gimpel zu fangen. Sonst dürfte es mit der „Gleichberechtigung" der Juden in Deutschland, wiewohl die Konservativen das Heft in Händen haben, beim Alten bleiben.

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