Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „Neue National-Zeitting" Nr. 21 Sckänkerci, die keine Konzessionen erhielten, gestattet werde, wenigstens noch ein Jahr ihr Geschäft weiterzufuhren, bis sie eine andere Existenz finden werden. Der Statthalter versprach, diesen Vorschlag in Erwägung zu ziehen sowie überdies eine Hilfsaktion für die erwerbslos gebliebenen Schänker. Die armen Leute, zumeist Juden, haben also wenigstens noch eine Hoffnung. Wie sie behandelt wurden, geht am besten daraus hervor, daß sich Herr Stapinski rühmt, dieHälfte derKonzessionen für seine Bauern bereits erhalten zu haben. Weitere erwartet er von den Rekursen . . . SPRECnSd/IL. Auto und Neujahrsfest. Wien, 10. Oktober 1910. Verehrliche Redaktion! Ergebenst Unterzeichneter ersucht um gütige Aufnahme nachstehender Zeilen: Vergangenen Mittwoch, dem zweiten Rosch- Haschana-Tage hat sich vor dem sogenannten Müllner-Tempel im IX. Bezirk ein unerhörter (' h i 1 u 1 Haschern coram publico ereignet, der bei dem weitaus größten Teile der Tempelbesucher eine geradezu maßlose Empörung hervorrief. Einige Geldprotzen — es waren ihrer vier — die bekanntlich nur des „Schnoderns" wegen zu den hohen Feiertagen den Tempel aufsuchen, und vor denen der jeweilige „Vorstand" nicht genug oft Katzenbuckel macht und grinsend Händedrücke tauscht, kamen am genannten Tage im Auto und Gummiradier zum Tempel. Diese „Herrschaften" hatten die Kühnheit, ihre Vehikel bis knapp an das Tempeltor heranfahren zu lassen, woselbst sie Arm in Ann mit ihren brillantbeladenen Gemahlinnen von dem am Toreingange Wache haltenden Cerberus — ein grauhaariger Jude im Zylinder - der mit unerbitterlicher Strenge und häßlicher Großtuerei seines Amtes waltet, daß ja nicht Gott behüte ein wirklich frommer Jude — ohne Karte — das Gotteshaus betrete — in „ehrfurchtsvoller" Weise begrüßt wurden. Bis nach Beendigung des Gottesdienstes warteten die Fahrzeuge — dem Auftrage gemäß — vor dem Gotteshause, von wo aus sodann, unter den Augen der zahllosen aus dem Tempel strömenden Leute in schamloser Weise die Abfahrt erfolgte! Dieses Attentat auf die Religion und auf die Heiligkeit des Bosch-Haschana-Tages bedarf wohl nicht eines Kommentars; es ist dies eine unerhörte Gotteslästerung und die „Herren vom Vorstande" und der Herr Seelsorger haben die absolute Pflicht, einen derartigen Chilul Haschern unter keinen Umständen und niemandem — auch nicht dem „am meisten Schnodernden" zu gestatten! Ueber das „Sehnodern" und über so geartete — oder besser gesagt entartete — „Schnöderer" empfehle ich den Herren vom Vorstande im Buche J e s a i a s nachzulesen; dort heißt gleich im ersten Kapitel wörtlich,*wie folgt: „ . . . Gott spricht: Euere Ganzopfer, Euere Schlachtopfer hasse ich! Wer verlangt es denn von Euch, daß Ihr meine Tempel betretet?" . . . Unserem alten Propheten Jesaias scheint offenbar der heutige „moderne" Ausdruck „Schnödem" wohl nicht dem Worte, aber dem Sinne nach bekannt gewesen zu sein. Er spricht hierüber des öfteren in seinem trefflichen Buche. Einer geehrten Redaktion verbindlichst dankend Bruno Nathansohn. * Die Judengemeinden und die Kolonisation. Geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir, anläßlich der hohen Feiertage der jüdischen Oeffentlichkeit nachstehende Anregung zu unterbreiten: Seit Dezennien beschäftigt die- Emigration unserer arg bedrängten Volksgenossen die Judenschaft Westeuropas. Unsere Kultusgemeinden würden den Wünschen vieler Glaubensgenossen entsprechen, wenn dieselben anläßlich der herannahenden Feiertage einheitlich den Beschluß fassen wollten, einen Jahresbeitrag zu votieren, um alljährlich wenigstens eine Familie aus dem Lande der Knechtschaft, Verfolgung und Bedrückung in Gegenden zu bringen, wo für dieselben eine Existenzmöglichkeit besteht. Die österreichischen Kultusgemeinden besitzen die Kraft, die Auswanderung von iooo Familien im Jahre finanziell zu unterstützen; dort, wo das Gemeindeeinkommen nicht ausreicht, wird gewiß ein gutherziger Genosse die erforderliche Ergänzung beisteuern, um der Gemeinde die Erfüllung dieser nationalen Pflicht zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage könnte die Kolonisierung von Kleinasien systematisch betrieben werden; bald würden die Unterstützten in die glückliche Lage 'kommen, selbst zu helfen und ihre in Goles lebenden Brüder zu sich holen. Der Vorschlag hat einen offensichtigen Vorteil gegenüber anderen Formen der Sammlung. Die Gemeinde interessiert sich für die Rettung einer bestimmten Familie; das Leid des Einzelnen berührt viel mehr das Herz, als das Unglück einer großen Masse. Die Hilfe für den Einzelnen ist möglich, die Mittel sind erschwinglich. Die Wirkung der Hilfe und Unterstützung wird sichtbar. Der Spender weiß genau, wofür er gibt, wenn er wohltut und wie sein Geld verwendet wird. Ich glaube, daß jede Judengemeinde es sich zur Ehrenpflicht anrechnen wird, wenigstens einer Familie die Rettung aus dem Elend zu ermöglichen. Dr. F. K. (Wien). {KPRRttPONDeNZCN Russland. Ein Antisemit — Abgeordneter von Odessa.*) Odessa. Am Sonntag, den 11. September fand in Odessa die Ersatzwahl eines Dumaabgeordneten von der ersten Odessaer Kurie an Stelle des freiwillig zurückgetretenen A. Brodsky statt. Da sieh diesmal unter den jüdischen Wählern kein einziger fand, der bereit gewesen wäre, eine Wahl anzunehmen, so einigten sieh alle progressiven Wähler auf die Kandidatur des konstitutionell-demokratisch gesinnten Dr. Tschauschansky, während die reaktionär-antisemitische Gruppe sich für Baron Reno entschied. Die Odessaer Stadtverwaltung und vor allen Dingen der allmächtige Stadthauptmann Odessas, General Tolmatschetv, taten nun alles, was in ihren Kräften lag, um den fortschrittlichen Wählern mit Gewalt und offenkundiger Fälschung das Mandat zu entreißen. Man begann damit, daß man sämtliche jüdische Wähler, die einen christlichen Vornamen führen, respektive deren Vornamen eine verschiedene, wenn auch noch so geringfügige Lesart aufzuweisen hat, ohne weiteres als des Wahlrechts verlustig erklärte. Auf diese Weise wurde die Zahl der jüdischen Wähler der ersten Kurie mit einem Schlage um zirka 200 verringert. Eine weitere große Anzahl von Wählern erhielten einfach die Wahlbulletins nicht, weil „sie von der Polizei nicht ermittelt werden konnten". (NB. Es handelt sich um Wähler der ersten Kurie, d. b. um Hausbesitzer und Kaufleute erster Gilde.) Von den übrigen Wählern wurde die Vorlegung der Geburtsscheineverlangt. Insgesamt wurden von 2486 Wahllegitimationen nur 1401 zugestellt. Außerdem wurden noch während des Wahlganges zahlreiche jüdische Wähler von den Distrikts- Wahlkommissionen unter nichtigen Vorwänden zurückgewiesen. Daß die progressiven Wähler absolut keine Agitationsmöglichkeit hatten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die jüdischen Wähler ließen sich indes nicht einschüchtern. Freilich konnten sie diesmal nicht mehr ihrem Kandidaten gleich beim ersten Wahlgange die absolute Majorität verschaffen, wie 1909 bei der Wahl Brodskys. Immerhin brachte es der Kandidat der Fortschrittlichen, Dr. Tschauschansky, auf eine relative Mehrheit. Er erhielt nämlich 547 Wahlzettel, während der Gegenkandidat, Baron Reno, 518 und der Kandidat der Oktobristen Kasarinow nur 63 Stimmen auf sich vereinigte. Es folgte nun am 18. September eine Stichwahl und sie endete mit der Wahl des Reaktionärs Reno. Die Gewalt- *) Diese Korrespondenz mußte leider bisher wegen Kaummangels zurückbleiben. Anm. d. Red.