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Neue Nationalzeitung · 1910-10-14 · Heft 21 (14.10.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 21 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite 3 des jüdischen Volkes eigentümlich; die jüdischen Massen eint nicht ausschließlich die Religion, sondern vor allem die geraeinsame Not, aus der nun gemeinsame, rein materielle Interessen lesultieren, sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft. Wir haben nur die sp'zifisch jüdische wirtschaftliche Rücksfändigkeit hervorzuheben, die zum Krebssehaden der galizischen, russischen, rumänischen und amerikanischen Juden geworden ist, um das Judentum nicht sowohl im religiösen Schrifttum als im nationalen Unglück zu entdecken. Eine Folge dieses nationalen Notstandes sind die jüdischen Wanderungen, an die sich Interessen der jüdischen Gesamtheit knüpfen. Wenn wir imr speziell das jüdische Proletariat im Auge behalten, so könnten wir leicht an einigen Beispielen die Notwendigkeit einer einheitlichen jüdisch-nationalen Politik in der Internationale demonstrieren. Da ist in letzter Zeit durch die Presse bekannt geworden, daß man den jüdischen Emigranten, die mit Hilfe der „Kiewer Emigrationsgesellschaft" über Galveston nach Amerika expediert wurden, Schwierigkeiten bei der Ausschiffung bereitet und eine große Anzahl derselben, angeblich als Kontraktarbeiter, einfach zurückgeschickt hatte. Kontraklarbeiter sind nun auch in denjenigen sozialistischen Kreisen verfehmt, die sonst die Einschränkung der Einwanderung als reaktionäre Maßregel betrachten. Niemand wird aber behaupten wollen, daß man Kontraktarbeiter und Streikbrecher geradewegs identifizieren dürfe; auch liegt es auf der Hand, daß Immigranten, denen ein Bureau in Amerika Arbeit verschafft, bei weitem keine Kontraktarbeiter sind. Die jüdischen Arbeiterpaiteien haben daher das größte Interesse, gegen diese Vorurteile in Arbeiterkreisen anzukämpfen und Garantien für die jüdischen Einwanderer zu verlangen, die man offensichtlich bestrebt ist, nach der gegen die asiatischen Immigranten angewandten Methode zu behandeln. Ein zweites Beispiel : Auf dem letzten internationalen Sozialistenkongreß zu Kopenhagen, hat die „Jüdische sozialistische Arbeiterpartei" (Serp; in der zur Behandlung der finnländisehen Frage eingesetzten Kommission eine Resolution eingebracht, welche die Haltung der finnischen Behörden und bürgerlichen Parteien den eingewanderten Juden gegenüber einer Kritik unterzog. Bedauerlicherweise ist die Resolution überhaupt nicht zur Abstimmung gelangt. Eine jüdische -Sektion hätte ohne Zweifel, dank der größeren Selbständigkeit, ein bedeutenderes Resultat erzielen können. Es genügt hier auf die nationalen Aufgaben des jüdischen Proletariats, soweit sie für die Internationale in Betracht kommen, nur hingewiesen zu haben, denn viel wichtiger und tiefergreife id als die Einzelfälle, die für die Notwendigkeit einer jüdischen Sektion zeugen, ist doch wahrlieh die Quelle, der sie alle entspringen : das jüdische Proletariat als solches, mit den Eigentümlichkeiten seiner Produktions¬ und Denkweise, mit den Besonderheiten des Milieu, in dem es zu leiden und zu kämpfen hat und — last not least — mit seiner Vergangenheit und seiner wahrscheinlichen jüdischen Zukunft. Und dieser Zukunftsgedanke, der in den nationalen Forderungen der jüdischen sozialistischen Parteien zum Ausdruck kommt, ist es gerade, was die Geisler der Assimilanlen in Unruhe versetzt. Es ist die Idee des Judenstaates, die nun einmal von den jüdischen nationalen Hoffnungen nicht zu trennen ist, die alle Eskamotierungskünste der Assimilanten zu Schanden macht und sie zu Erbfeinden aller jüdischen Organisationsbestrebungen stempelt. Wer wird leugnen wollen, daß auch die Forderungen einer jüdischen Sektion in der Internationale nicht nur an den jüdischen status quo, an das tatsächliche und gegenwärtige Judentum appelliert, sondern und vielleicht auch vorzugsweise an eine jüdische Zukunft gemahnt, die nun einmal ohne den Judenstaat in der einen oder anderen Form nicht denkbar ist. Es ist daher kein Zufall, daß die Idee, eine jüdische Sektion in der Internationale zu begründen, von den sozialistisch - territorialistischen Parteien ausgegangen ist. Und darin liegt auch das Schwierige des Kampfes, den man für die jüdische Sektion zu führen haben wird. Eine jüdische Vergangenheit, eine jüdische Gegenwart würden uns schon die Assimilanten gönnen, aber eine jüdische Zukunft, einen jüdischen Volkswillen betrachten sie nur als Erbsünde und Erbfeind. Andererseits liegt aber gerade in dem Gegensatz der Fürsprecher des jüdischen status quo — und des Judentums in statu nascendi die historisch-prinzipielle Bedeutung des Kampfes um die Internationale. Mögen die jüdischen sozialistischen Parteien nur Stand halten und den Mut finden mit offenem Visier an die Internationale heranzutreten. __Bertoldi. Erklärung der „Jüdischen Zeitung". Die von Herrn Dr. S. R Landau gegt-n Herrn Alexander Geller, den verantwortlichen Redakteur der „Jüdischen Zeitung", eingeleitete Ehrenbeleidigungsklage würde durch nachstehende, von letzterem abgegebene Erklärung erledigt: Nachdem Herr Dr. S. R. Landau in seiner h. g. Gegenäußerung vom 16. März 1909 spontan erklärt hat, daß er durch die in der „Neuen Nationalzeitung* publizierten Artikel niemanden in seiner persönlichen Ehre verletzen, sondern lediglich sachlich polemisieren wollte, erkläre ich meinerseits namens der Redaktion der „Jüdischen Zeitung", daß ich durch den inkriminierten Artikel, betitelt „Eine kleine Abfertigung", dessen im Zuge des publizistischen Kampfes erfolgten Abdruck in der „Jüdischen Zeitung" ich bedaure, der persönlichen Ehre des Herrn Dr. S. R. Landau nicht nahe treten wollte. Aiexander Geller. POLITISCHE RUNDSCn/W. Die Revolution in Portugal. Portugal hat sich längst seiner Juden entledigt. Und dennoch ist in diesem judenreinen Lande die Revolution ausgebrochen, die königliehe Familie wurde vertrieben, die Republik wurde proklamiert. Der antisemitischen Presse fehlt also jeder Stoff zum Schimpfen — würde man meinen. Doch diese Brunnenvergifter der öffentlichen Meinung sind um Argumente nicht verlegen. Der Wiener antisemitische Moniteur schiebt also die Revolution den Judenstämmlingen, den Abkömmlingen jener Marannen in die Schuhe, die nur zum Scheine den Katholizismus annahmen, um ihr Leben und ihre Stellung zu reiten. Die russische Huliganpresse verweist wieder auf die merkwürdige Tatsache, daß die portugiesischen Papiere auf der Pariser Börse keine namhafte Baisse erlitten haben. Deshalb stünden die Juden hinter den Revolutionären. Gegen solche Argumente ist mit den Waffen des gesunden Menschenverstandes schwer anzukämpfen. Aber wenn die Huliganpresse aus der Revolution in Portugal den Schluß zieht, daß den Juden in Rußland keine Gleichberechtigung gewährt werden darf, so liegt der Unsinn auf der Hand: In Portugal gibt es gar keine Juden und trotzdem wurde der König über Nacht verjagt....

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