Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Können und auf die politischen Verdienste. Aber gerade nach diesen beiden Richtungen läßt der Kandidat des Dr. Ofner noch alles zu wünschen übrig. Er ist erst vor drei Jahren als Agitator des Dr. Ofner in daß politische Leben eingetreten, er hat seitdem den Ofnerschen sozial-freiheitlichen Verein geleitet, der, wie alle liberalen Vereine, nur jüdische Mitglieder zählt, und doch sich von allen jüdischen Angelegenheiten fernhält. Sind das Verdienste, auf Grund deren Dr. Schwarz- Hiller berechtigt ist, von der Leopoldstädter Judenschaft das Landtagsmandat zu verlangen? Allerdings hat der Adjutant Dr. Ofners in den letzten Wochen durch zwei Handlungen die besondere Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit erregt. Er hat in seiner kindischen Unbeholfenheit eine Rede gehalten, die in dem Vorwurfe der Korruption gegen den Altliberalismus und gegen die jüdische Presse gipfelte. Ist ein Schwarz-Hiller im Stande, die jüdische Presse zu beleidigen? Hat dieser junge Mann, der die jüdische Welt vom Gesichtspunkte einiger Leopoldstädter Kaffeehäuser, in deren Milte er steht, beurteilt, überhaupt darüber ein Urteil, welche große und schwere Arbeit die jüdische Presse leistet, welche Opfer ihre Herausgeber der Allgemeinheit bringen an Zeit, Gesundheit und an Geld? Dr. Schwarz-Hiller hat wohl seinem Aerger darüber Luft machen wollen, daß sein Größenwahn in der jüdischen Presse die richtige Einschätzung findet; sein Ausspruch bleibt aber ein klassischer Beweis seiner niedrigen Gesinnung. Und nun kommt das Interessanteste. Während die gesammte öffentliche jüdische Meinung und das Gros di>r jüdischen Wähler die Kandidatur dieses strebsamen Mannes als eine Belästigung empfinden, öffnet ihm die „B nei-Brith"-Loge ostentativ ihre Tore. Damit die große Allgemeinheit von dieser Tatsache raschestens Kenntnis erlange, wird sie von einem Freunde des neuen „Bruders" in eine Zeitung lanciert. Ist da noch ein Komentar nötig? Der Bnei-Brith-Verein, der nach seinen Statuten und seiner Tradition nur der Humanität zu dienen hat, läßt sich dazu mißbrauchen, für eine politische Kandidatur Stimmung zu raachen! Was geht da vor? Soll am Ende die Loge zu einer jüdischen Tamany-Hall in Wien werden? Welchen Zweck hätte denn sonst die Aufnahme des Dr. Schwarz-Hiller gerade jetzt, unmittelbar vor der Wahl? Das muß die Bnei-Brith-Loge aufklären, will sie den Mißdeutungen aus dem Wege gehen, die von interessierter Seite absichtlich heraufbeschworen wurden und die ihr Prestige schwer schädigen könnten. Der Gegenkandidat, Herr Dr. Alfred Mittler, ein Repräsentant der alten deutsch-liberalen Garde, ist jedenfalls sympathischer, weil er sich an seine Kandidatur nicht festklammert. Daß Dr. Mittler ebenso auf eine Kandidatur ein Recht hat, kann nur der beschränkte Bezirks - Standpunkt der Ofner - Partei bestreiten. Als Persönlichkeit überragt Dr. Mittler weitaus seinen Konkurrenten durch seine politische Routine und seine Rednergabe. Der Bruderkampf in der Leopoldstadt beweist, daß es in Wien keine jüdische Führung gibt, daß das Präsidium der Kultusgemeinde in großen jüdischen Fragen ohnmächtig, einflußlos und sogar außer Stande ist, den Mißbrauch des Judentums für politische Geschäftszwecke zu verhinderr. Der Auflösungsprozeß der Wiener Judenschaft macht rasche Fortschritte. L. Die jüdische Sektion in der Internationale. In den „Sozialistischen Monatsheften" hat Maxim An in die Frage aufgerollt, ob es nicht an der Zeit wäre, dem jüdischen Proletariat, also auch der jüdischen Nation, denen der Freiheitskampf der Völker so viele heldenmütige Streiter verdankt, einen gleichberechtigten Sitz in der Internationale zu gewähren, wo doch alle anderen Völker brüderlich geeint über die gemeinsamen Ziele und Methoden beratschlagen, die im Kampfe gegen ihre Bedrücker durchzusetzen und anzuwenden wären. Auf die Artikel in den „Sozialistischen Monatsheften" hat das „Prawo lidu", das offizielle Organ der um ihre nationale Gleichberechtigung gegen die deutsche Hegemonie ankämpfenden tschechischen Sozialdemokratie sympathisch reagiert, dagegen die Wiener „Arbeiterzeitung" sehr ärgerlich repliziert. Auch in dem Organ der reichsdeutschen Sozialdemokraten, „Neue Zeit", ist aus demselben Anlaß ein Artikel erschienen, der die Ansichten der assimilatorisch gesinnten Elemente des jüdischen Proletariats, des sogenannten „Bundes", in dieser Frage wiedergibt. Es seheint mir daher von Wichtigkeit, denjenigen jüdischen Kreisen, die einiges Interesse für national-soziale Themen haben, einige aufklärende Betrachtungen zur Beurteilung der Frage an die Hand zu geben. . * * * Eine jüdische Sektion in der sozialistischen Internationale! Dem einen Lager eine ungeheuerliche, dem anderen eine bloß gerechte Forderung. Dem sozialistischen Assimilanten scheint sie das Phantom des „ewigen Juden" heraufzubeschwören, den man in der modernen, allem Spuck so abholden Zeit, schon längst abgetan geglaubt hat; dem Nationaljuden ist die jüdische Sektion ein Pfeiler für die jüdische Zukunft, eine neue den Assimilanten abgerungene Position, ein bedeutender und bedeutungsvoller Sammelpunkt für das jüdische Proletariat und also auch für das enterbte jüdische Volk. Vergangenheitsremiszenzen gegen Zukunftsglauben, geschichtsleidendes gegen geschichtsschaffendes Judentum, Resignation und zum Kampfe gerüstete Hoffnung: diese so gut bekannte Polarität der jüdischen Volksseele gibt auch hier den psychologischen Untergrund ab für die logischen Argumente, mit denen die kämpfenden Parteien ihrer Sache zum Siege verhelfen wollen. Wir wollen nun diese logischen Beweise Revue passieren lassen und einer kurzen Kritik unterziehen. Die Argumente der Nationaljuden drängen sich mit der Unerbittlichkeit eines Identitälsschlusses auf. A A, jüdisches Proletariat jüdisches Proletariat, folglich Jude Jude und nicht Russe, Deutscher, Franzose etc. Und was in der Logik stichhältig ist, was überhaupt gilt, sollte auch in der Internationale gelten, das heißt für das jüdische Proletariat eine jüdische Sektion. Demgegenüber erklären die Assimilanten : Der Jude ist ein Zwitterwesen; nur der Religion und, wenn ihr wollt, auch der Nationalität nach (was leider Gottes auf eins herauskommt! Der Verf.) lassen sich noch Juden von anderen Völkern unterscheiden; in allen vitalen Lebenssphären dagegen, die nichts mit dem Jenseits zu schaffen haben, wie Politik und Wirtschaft, nationale und soziale Interessen, haben wir statt der legendären Juden — Deutsche, Franzosen, Engländer etc., die sich mit Recht allen nationalen Konservierungsmitteln entgegensetzen und allmählich in der Menschheit aufgehen wollen. Dagegen haben nun die National] uden vieles einzuwenden. Das jüdische Zwitterwesen ist mehr für die oberen, in jedem Betracht privilegierten Schichten, als für das Gros